- Eine stattliche, aber bescheidene Königin -
Bienen und Bienenweide
Die großblütige Königskerze oder Wollblume (Verbascum densiflorum)
An einem offenen Hang in gleißender Sonne ganz durchwärmt werden, umschwirrt von Insekten und Schmetterlingen - mit diesem Erlebnis kann die Begegnung mit einer wild wachsenden Königskerze verbunden sein. Diese Erfahrung gehört ebenso zur Pflanze wie Wurzeln, Blätter und Blüten mit ihren heilenden Gaben.
Die Königskerzen gehören zur Familie der Rachenblütler, die mit 180 Gattungen und gegen 3000 Arten über die ganze Erde verbreitet ist. Viele Arten der ein- bis mehrjährigen krautartigen Rachenblütler bilden schöne Blüten aus und sind als Zierpflanzen bekannt, wie z.B. das Löwenmaul und der Fingerhut.
Die Gattung der Königskerzen entzieht sich dem Einfluss des Feuchten, weiß aber mit extrem trockenen und sonnigen Standortverhältnissen umzugehen. Wer die Blüten und Blätter der Wollblume oder ihrer einheimischen Verwandten, der kleinblütigen Königskerze (Verbascum thapsus) sammeln will, findet beide Arten bis ca. 1700 m.ü.M. auf steinigen, stickstoffreichen Böden, wie an Schuttplätzen, Bahndämmen oder warmen Böschungen.
Die winzigen, von jeder Königskerze in verschwenderischer Fülle ausgebildeten Samen lassen nicht vermuten, dass sich daraus stattliche Pflanzengestalten von bis zu 2 m Höhe entwickeln. Ihre Ansprüche an die Bodenqualität sind sehr bescheiden, und wenn sie nur etwas Sonne bekommen, können sie fast in jedem Garten angesiedelt werden. Nach der Keimung bilden sich im Sommer kleine, flache Rosetten, die zwischen Steinplatten, an Wegrändern oder weniger intensiv gepflegten Stellen zunächst unauffällig heranwachsen. Wenn sie sich bis zum Herbst entsprechend den Nährstoffverhältnissen zu mehr oder weniger großen, weißpelzigen Rosetten entwickelt haben, erheischen sie bereits soviel Achtung oder Neugier, dass sie gerne stehengelassen werden.
Aus diesen überwinternden Rosetten geht die Pflanze im folgenden aufsteigenden Sonnenjahr mit mächtiger Blattbildung in die Aufrechte; bis Johanni kann sich eine in ihrer Üppigkeit auffallende, pyramidale Gestalt entfalten, an deren Spitze sich kraftvoll der Blütenstand herausschiebt. Dieser verzweigt sich zum Herbst hin in einige Nebenkerzen, die fortwährend neue Blüten bilden, während sich die Blätter immer mehr zum Boden neigen und von unten her absterben. Die Verholzungstendenz des mächtigen Sprosses wird durch reichliche Schleimbildung bis in die Zeit der Samenreife aufgehalten.
Wer dieser stattlichen Pflanze in seinem Garten Raum gewährt, kann sich lange an ihrer verschwenderischen Großzügigkeit erfreuen: Von Anfang Juli bis in den Oktober hinein öffnen sich in der Sonne des Vormittages neue Blüten, um die sich der Hofstaat der "Königin" tummelt: sie bietet vielen Insekten, besonders auch den Bienen, reichlich Nahrung. Ihre Blätter stellt sie im Verlaufe der Samenbildung zur Ernährung von Raupen zur Verfügung. Es sollten einige verholzte Stengel stehen gelassen oder einer anderen Stelle als Nistplatz für Wildbienen bereitgestellt werden.
Für den Menschen hält sie heilende Gaben bereit: Vor allem Blätter und Blüten enthalten Schleim- und Farbstoffe, Saponine und Bitterstoffe, die auf Schleimhäute und Haut erweichend und beruhigend, bei entzündlichen Bronchialerkrankungen schleimlösend wirken. Die Blüten kann man in den frühen Morgenstunden heißer Tage den ganzen Sommer über pflücken, die Blätter werden vorzugsweise bei beginnender Blüte geerntet. Beide sollten im Schatten bei Temperaturen unter 40 Grad, aber doch möglichst rasch getrocknet werden. Ein Exemplar im Garten deckt den Jahresbedarf an getrockneten Blüten für eine Familie.
Ruth Richter, Abteilung Kräuter und Heilpflanzen,
Gärtnerei am Goetheanum, CH Dornach


