Mellifera e.V. - Vereinigung für wesensgemäße Bienenhaltung, Lehr- und Versuchsimkerei Fischermühle
Bienen am Flugloch

Bienenkunde

Bienen wachsen heran
Die Wabe mit ihren Zellen aus Wachs bildet die Wiege für alle Brut, die im Bienenvolk herangezogen wird. Das Bienenvolk verwirklicht eine für das Insektenreich außergewöhnliche Brutpflege.

Die Königin klebt das Ei so fein auf den Wabenboden, dass es in die Zelle hinein ragt. Erst die haarfeine Made die daraus nach drei Tagen schlüpft, legt sich auf den Zellengrund. Schon bald erhält die kleine Made soviel Futtersaft, dass sie darin schwimmt. Aus dieser Üppigkeit reift sie in den sechs Tagen der Futteraufnahme auf das 500 fache Gewicht heran. Dieser Wachstumsprozess ist nur mit verschiedenen Häutungen möglich.
 
Gegen Ende dieser Wachstumsperiode wird die Zelle so eng, dass sich die Made zu strecken beginnt. Die Zelle wird verschlossen und die Made spinnt sich in ihren Kokon ein. Wie die Metamorphose von der Raupe zum Schmetterling, so entwickelt sich die Bienenmade zur schlüpfenden Jungbiene. Dieser Verwandlungsprozess dauert 12 Tage, das ist deutlich länger als die Wachstumsphase vom Ei bis zur Verpuppung (9 Tage).

Nach den insgesamt 21 Tagen beginnt die Biene ihren Kokon und den Zellverschluss zu öffnen. Die Drohnen benötigen für ihre Wachstums- und Reifungsprozesse 24 Tage, die Königin nur 16 Tage. Der Drohn entsteht aus Eiern, die unbefruchtet bleiben. Hingegen entwickeln sich Königin sowie Arbeiterinnen aus befruchteten Eiern. Erst durch unterschiedliche Aufzuchtbedingungen bilden sich die Verschiedenheiten aus: Zum einen muss die Königin in einer hängenden, runden Zelle aufgezogen werden, zum anderen wird sie mit dem speziellen Königinnenfuttersaft gefüttert. Die Arbeiterin entwickelt sich in einer liegenden, sechseckigen Zelle.

Das Bienenvolk verwirklicht eine für das Insektenreich aussergewöhnliche Brutpflege. Die Bienenbrut wird im klimatisierten Inneren des Bienenvolkes aufgezogen. Die Brutnesttemperatur beträgt 36 Grad, unabhängig von äusseren Bedingungen. Im weiteren wird die Brut vorwiegend aus Drüsensäften aufgezogen, welche die Ammenbienen bereitstellen. Nur dem ältesten Larvenstadium wird eine leichte Beimengung von "Rohkost" zugemutet, der Futtersaft wird mit etwas Pollen und Honig ergänzt. Diese Fähigkeiten deuten eine parallele Entwicklung zu den höheren Wirbeltieren und den Säugetieren an.

Die Wabe will klingen

Der Wabenbau dient vielfältigen Aufgaben. Er ist ein sich ständig veränderndes Organ des "Biens"; ein Organ das klingen soll. Der Bienenstock birgt viele Geheimnisse, über eines berichtet Imkermeister Michael Reiter.

Das Leben des Bienenvolkes ist untrennbar mit seinen Wabenbau verbunden. Nur bei der Geburt eines neuen Bienenvolkes verläßt der Bienenschwarm den Wabenbau seines Muttervolkes. So wird er frei, über eine Distanz von einigen hundert Metern bis zu mehreren Kilometern zu einer neuen Behausung zu fliegen.

Dort eingezogen, sammeln sich zehn- bis fünfzehntausend Arbeitsbienen um ihre Königin. An der Decke hängend bilden sie eine Traube, die bald wieder die mollig-warme Bienenstocktemperatur von 35 °C erzeugt. Nun sind die Bienen in der Lage, aus ihren acht Wachsdrüsen kleine Wachsschüppchen auszuschwitzen. Aus ihnen werden die kunstvollen Waben gebaut, Sechseckzelle an Sechseckzelle. In der ersten Nacht können schon die ersten drei handtellergroßen Herzwaben entstehen.

Bei ausreichender Versorgung mit Nektar- und Pollen wachsen in den nächsten Wochen meist sieben bis neun Wachs-Waben. Sie werden oben und teilweise seitlich an der Behausung angebaut, nie jedoch unten am Boden. Zwischen den Waben befinden sich Gassen, in denen die Bienen laufen und all ihre Tätigkeiten verrichten.

Die neu gebauten Zellen werden sofort genutzt. Sie dienen als Wiege für die Bienenbrut, als Raum für die Honigbereitung und Honiglagerung, zur Pollenlagerung und als Ruheplatz für die Bienen. Immer werden sie peinlich sauber gehalten. Durch den Kontakt mit Futtersaft, Puppenkokons, Honig, Pollen, Propolis verändert sich das Wachs laufend. Für all diese Veränderungen und die Arbeiten im "stockdunklen" Bienenstock haben die Bienen ganz feine Sinnesorgane. Mit ihren äußerst kompliziert gebauten Beinen nehmen sie beim Laufen über die Wabe feinste Unterschiede wahr und können sich so orientieren.


 

Die durch Prof. Karl v. Frisch erforschten Bienentänze zur Verständigung über die Futterquellen finden auf besonderen "Tanzböden" statt. Die Bienen tanzen auf bestimmten, mit Duft markierten Bereichen der Waben. Die tanzenden Bienen erzeugen Schwingungen, die von den Waben aufgenommen und weitergeleitet werden. Andere Bienen auf derselben Wabe nehmen die Schwingungen, man könnte auch sagen Klänge, wahr. Deshalb müssen diese Tanzböden, wie Prof. Tautz von der Universität Würzburg herausgefunden hat, gewisse Bedingungen erfüllen. Am besten funktioniert es auf Wabenflächen ohne verdeckelte Zellen. In diesem Fall wirken die Spitzen der Zellwände in ihrem Verbund als Gitternetz. Ganz entscheidend ist, daß die Waben im unteren Bereich und zum Teil auch an der Seite nicht angebaut sind. Dadurch können sie frei schwingen.

Wie geschildert ist dies im Naturwabenbau immer der Fall. In der modernen Bienenhaltung ist jedoch die künstliche Wabe üblich. Sie erschwert die Kommunikation der Bienen. Die Waben sind starr und ihre Fläche ist durch niedrige Wabenrähmchen in getrennte Bereiche zergliedert. Die künstliche Wabe wird von den Bienen auf einer sogenannten Mittelwand gebaut. Dies ist eine dünne Platte aus altem Bienenwachs. Sie ist dem Laien von der gewickelten Kerze bekannt. Durch die Art wie der Imker die Mittelwände mit Drähten im Rähmchen befestigt, wird die Übertragung von Schwingungen gedämpft. Heute sind sogar Mittelwände und Rähmchen aus Kunststoff üblich.

Das Leben im Bienenstock läßt uns staunen. Je mehr wir uns damit beschäftigen, um so deutlicher wird, daß der Wabenbau ein vielfältigen Aufgaben dienendes, sich ständig veränderndes Organ des " Biens" ist. Als Imker sollten wir dem "Bien" ermöglichen, seinen Wabenbau als Naturbau aus sich selbst heraus zu erstellen.

Autor: Michael Reiter, 35 Jahre, Imkermeister und Landwirtschaftsmeister. Lebt mit seiner Familie von und mit den Bienen in Kassel, leitet dort einen Kurs im Ausbildungsverbund wesensgemäße Bienenhaltung

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Veranstaltungstipp

Seminar: Wege zu einer wesensgemäßen Bienenhaltung
Sa 18.02. 13:00 Uhr - Do 23.02.2012 14:00 Uhr, Imkerei Fischermühle, 72348 Rosenfeld

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