Eine Beziehung zu den Bienen, die nicht auf Abhängigkeit basiert
Die Koexistenz von Biene und Milbe: Ein Ziel, welches wir mit einer besonderen Haltung den Bienen gegenüber ins Auge fassen möchten. Isabelle Bandi (Leiterin Fachstelle Bienen, Kanton Bern) geht mit ihren Bienen diesen Weg seit sieben Jahren. Im Interview blickt sie auf den Prozess zurück und erzählt von den Hochs und Tiefs.
Mo 25. Mai 2026 von Katrin Sonnleitner BieneMenschNatur.50, Interview, Varroa, Wesensgemäße Bienenhaltung
Seit wann begleiten dich die Bienen durchs Leben und wie bist du ihnen gefolgt?
Isabelle Bandi: Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Anfang der 1980er Jahre fing mein Großvater an, Bienen zu halten. Brauchte er Hilfe, hat er mich geholt. Wir hatten nur improvisierte Schutzbekleidung und ich habe mich an die stechlustigen Arbeiterinnen, an die Wildheit der Bienen gewöhnt. Aus der Kindheit erinnere ich starke sinnliche Eindrücke um die Bienen: Die honigfeuchte Stockluft aus dem Bienenhaus zu atmen, war eine tiefgreifende Erfahrung. Die Schwärme, das ist extrem stark. Im Frühling träume ich von den Schwärmen und werde sensibilisiert für diese Zeit. Als mein Großvater älter wurde, habe ich immer mehr übernommen und mit seinem Tod entschieden, weiterzumachen. Dann kam eine Zeit mit starkem Seuchendruck: Ich hatte Sauerbrut, der Inspektor hat Völker abgeschwefelt, ich war völlig aufgelöst. Aus der Krise kam der Anstoß, einen Kurs zu besuchen: Aufhören oder es besser machen!
Im Grundkurs hat mich die Biologie der Bienen fasziniert. Den Fachausweis als fast vierjährige berufsbegleitende Ausbildung habe ich erst mit 28 Jahren gemacht, nach Abschluss eines ganz anderen Studiums. Während der Ausbildung habe ich in einer Berufsimkerei gearbeitet, die die Dunkle Biene züchtet, in Erhaltungszuchtprogrammen mitwirkt, Belegstationsbetrieb, das ganze Programm – später noch künstliche Besamung. Etwas in mir hat sich gewehrt gegen diese Eingriffe ins Bienenvolk. Auch wenn wir Eingriffe durchgezogen haben, die wetterbedingt nicht sinnvoll waren, habe ich mitgelitten.
Seit sieben Jahren behandelst du deine Bienen nicht mehr. Wie ist dieser Entschluss gereift?
Beim Einsatz von Ameisensäure habe ich etliche Bienenschäden gesehen. In mir entstand Widerstand gegen diese starke Behandlungsweise. 2018 konnte ich mit John Kefuss in Toulouse eine Woche lang imkern, das war etwa der Anfang. Inspiriert von Thomas Gfeller, der mit dem Fahrrad behandlungsfreie Imkereien in Europa besucht hatte, haben wir mit Ruedi Ritter, meinem Vorgänger auf der Fachstelle, eine Reise zu Clive und Shân Hudson, David Heaf und weiteren Pionier*innen der behandlungsfreien Imkerei in England und Wales organisiert und Leute mitgenommen, die in der Schweiz Verantwortung tragen in der Imkerei.
Wie und mit welchen Völkern bist du in den Behandlungsfrei-Versuch gestartet?
Bevor ich 2018 einen Sommer lang Südfrankreich bereiste und in verschiedenen Imkereien arbeitete, hatte ich meine rund 20 Völker in die Berufsimkerei abgegeben. In dieser Zeit habe ich viel über die guten Voraussetzungen der Dunklen Biene gehört und gelesen. Als ich zurückkehrte, hatte mir ein Freund zwei Völker mit reinen mellifera mellifera-Königinnen aufgebaut. Sie wurden noch im Sommer und auf 2019 im Winter behandelt. Im Frühjahr habe ich von beiden Völkern Schwärme vorweggenommen und die Muttervölker aufgeteilt. Die Schwärme wurden nicht behandelt, die Ableger noch mit Oxalsäure. Dann nichts mehr.
Im Versuch waren in meiner Kategorie die wichtigsten Prinzipien: Vermehren über den Schwarmtrieb, Naturwabenbau und die Aufstellung mit weiten Abständen. Bevor die erste Jungkönigin schlüpft, breche ich alle Zellen bis auf eine. Das Volk soll stark und aktiv gegen die Milbe bleiben. Ich habe gemerkt, dass Völker, die nachschwärmen, ein Problem mit der Milbenlast bekommen. Ich habe die Völker zunehmend höher und in den Halbschatten gestellt. Geleitet hat mich: Fühlt es sich für mich gut an in Verbindung mit den Bienen? Was würden sie machen? Inwieweit kann ich diesen Bedürfnissen nachkommen?
Und jetzt?
Mein Bestand ist mit vertretbaren Verlusten aus diesem Kern gewachsen. Wenn Völker gestorben sind, meist in der Winterzeit, wo Bienen untereinander kaum Austausch haben – kein großes Risiko für die Umgebung. Wenn ich in der Saison gesehen habe, dass ein Volk stark Sackbrut hat, habe ich es über Kunstschwarm saniert oder, wenn es zu klein war, abgetötet. Gewisse Interventionen, um Völker zu erhalten, verbiete ich mir. Es geht mir auch darum, für die Population zu denken.
Wie sieht es heute, nach sieben Jahren, aus?
Bestimmte Völker stehen übermäßig gut da. Die meisten stammen von einer Linie ab. Eines davon hat den sechsten, eines den fünften Winter überlebt. Von ihnen möchte ich erstmals mehr Königinnen aufziehen. Wenn ich im Herbst sehe, dass eine Königin wegen Begattungsproblemen kein schönes Brutnest hat, kann ich sie ersetzen. Es ist ein Kompromiss: Ich lasse das Volk nicht sterben, sondern nutze die Situation als Chance, die Genetik zu fördern.
Jemand möchte aufhören zu behandeln. Was rätst du?
Ich würde keinem Anfänger in einem Gebiet mit flächendeckender Varroabekämpfung raten, einfach nicht zu behandeln. Es braucht die Fertigkeit, Völker einzuschätzen, Maßnahmen gezielt und konsequent umzusetzen. Zu sehen, wie sich eine Vermehrungsmethode auf das Gleichgewicht im Volk und auf Varroa auswirkt. Es braucht eine Klarheit und Strategie – in Verbindung mit sich selbst und mit den Bienen.
Man darf fragen, was kann ich den Bienen Gutes tun und es umsetzen: Isolation, Erhöhung der Kästen, Propolisierung fördern durch Aufrauen …
Was hast du dieses Jahr vor?
In der Beratungstätigkeit habe ich immer meine Philosophie öffentlich gemacht, aber nicht bei meiner privaten Behandlungsfrei-Imkerei. Ich sah die Gefahr, dass mögliche Probleme meiner Nachbarimker auf den Versuch, auf meine Bienen und mich abgewälzt würden. Ich war selbst besorgt, geringstmögliche Risiken einzugehen, habe Krankheiten gemeldet, dass sie saniert werden konnten. Aber die anderen Imker wissen nicht, dass ich doch mehr Risiken eingegangen bin, als die Lehrmeinung als vertretbar einschätzt. Jetzt will ich ihnen meine Sicht- und Arbeitsweise, Erfolge und Krisen erklären und sie fragen, ob sie Maßnahmen umsetzen könnten, um bei der Selektion zu helfen.
Welche Rolle willst du für deine Bienen spielen?
Ich glaube, dass ich die Bienen im Prozess der Anpassung an die Varroamilbe noch mehr unterstützen könnte, ihnen ermöglichen, ihre Fähigkeiten auszuspielen, beispielsweise mit besser isolierten Beuten. Es ist eine innere Haltung, wenn ich für ein Volk extra nochmal zurückfahre, weil ich denke, es könnte das und das noch brauchen und nicht sage, ich mag jetzt nicht mehr, ich will heim. Sie haben mich und mein Gewissen schon sehr im Griff. Für die Zukunft wünsche ich mir eine Beziehung mit den Bienen, die nicht auf Abhängigkeit basiert – geleitet vom Wunsch, dass die Honigbienen auch bei uns in der Natur wieder wild überleben können.