Eine Frage der Haltung
Wesensgemäße Bienenhaltung ist mehr als besondere Beuten und bester Honig. Das weiß auch Mellifera-Imker Paul Lukhaub – und erklärt, warum es beim Imkern auf die richtige “Haltung” ankommt.
Mo 25. Mai 2026 von Paul Lukhaub BieneMenschNatur.50, Wesensgemäße Bienenhaltung
Auf einem Rollup des Demeterverbands, dem auch die Imkerei Fischermühle von Mellifera e. V. angehört, stand: „Eine Frage der Haltung“. Die Doppeldeutigkeit dieses Satzes fasst mein Verhältnis zur wesensgemäßen Bienenhaltung wunderbar zusammen.
Ein technischer Unterschied
Zum einen geht es rein technisch um die Art der Bienenhaltung. Beutenform, Material, grundsätzliche technische Vorgaben wie Naturbau im Brutnest, Vermehrung und Selektion aus dem Vermehrungswunsch der Völker (und nicht dem des Imkers) sowie Grundsätzliches im Umgang mit dem Honig seien hier mal exemplarisch aufgeführt. Das sind alles „leicht“ zu bewerkstelligende, eben rein technische Dinge, die einer möglichen Zertifizierung zugrunde liegen.
Das auch Demeter-Bienen konventionelle Flächen anfliegen, wenn sie attraktiv sind und in ihrem Flugradius liegen, wird dabei von Kritikern als gleichsetzendes Argument für das „Produkt“, also den Honig ins Feld geführt. Es steht aber mehr dahinter: Die Vorgaben in der rein technischen Haltung, die Tatsache, dass in der Demeter Bienenhaltung eine Beimischung von eigenem Honig ins Futter Vorschrift ist, Demeter-Zucker gefüttert werden muss und so weiter steigern die Produktionskosten (zurecht) und führen daher auch gerechtfertigt zu höheren Honigpreisen.
Ein Unterschied in der Beziehung
Die zweite, subtilere aber in meinen Augen wichtigere Bedeutung steht ein wenig zwischen den Zeilen. Sie adressiert nach meinem Verständnis die Haltung des Imkers zu seinen Bienen. Wenn ich mit fachfremden Menschen rede und frage, was sie über die Imkerei und die Bienen wissen, kommt natürlich wie aus der Pistole geschossen das Wissen um die Leistung der Bienen als Bestäuber und ihre Fähigkeit Honig zu „produzieren“. Manch einer weiß dann noch etwas über ihre Nöte, Wachs, Pollen und Propolis – und dann ist häufig Schluss.
Für mich zeigt sich hier sehr deutlich unsere materialistische, Kosten-Nutzen basierte Sicht auf die Natur und die Welt. Den Qualitäten, zu denen die Bienen uns über diese materiellen Güter hinaus einen Zugang gewähren, möchte ich ein wenig Raum geben.
Vorher komme ich aber nochmal auf die Haltung des Imkers zurück. Aus den technischen Vorgaben der Haltung öffnet sich für mich automatisch auch ein Türchen zur inneren Haltung des Imkers im Umgang mit den Bienen.
Ich möchte an dieser Stelle den Naturwabenbau exemplarisch herannehmen, um meine Gedanken zu verdeutlichen. Betrachtet man eine Imkerei, die mit Mittelwänden im Brutraum arbeitet, so ist das alles vergleichsweise einfach. Neue Wabe mit Mittelwand rein und sofern es einen Futterstrom gibt, bauen die Bienen diese zu fast jeder Zeit in der Saison (natürlich gibt es Ausnahmen) früher oder später einfach aus. Beim Imkern ohne Mittelwand gestaltet sich das etwas komplizierter. Dort muss man das einzelne Volk genau kennen und verstehen, wann man ihm Platz zum Bauen gibt. Zur falschen Zeit oder falsch gegeben, ziehen sie lieber bestehendes Wabenwerk dick aus als neu zu bauen oder machen „komische“ Dinge (die eigentlich gar nicht komisch sind, sondern das Ergebnis einer Fehlinterpretation).
Will ich erfolgreich nach „wesensgemäßen“ Kriterien imkern, komme ich nicht umhin mich auf den Willen des einzelnen Volkes einzulassen, diesen zu verstehen und mit ihm zu arbeiten. So entsteht eine Begegnung auf Augenhöhe, in der jedes Volk als Individuum akzeptiert, betreut und gelenkt werden kann.
Das klingt ungemein aufwändig, aber mit Erfahrung und umfassender Beobachtung gelingt das erstaunlich leicht. Es erfordert aber in höchstem Maße ein Verständnis der natürlichen Rhythmen der Bienen im Zusammenspiel mit ihrer Umgebung bzw. der Natur. Das empfinde ich als äußerst bereichernd und erstrebenswert.
Selbstlos mit Blick in die Zukunft
Für mich ergaben und ergeben sich aus dieser intensiven Beziehung unglaubliche Momente und Inspirationen, die über die rein imkerliche, monetäre Praxis weit hinausgehen. Die instinktiven, feinstens abgestimmten Abläufe innerhalb des Bienenvolkes beeindrucken mich zutiefst, und ich tauche jedes Mal voller Staunen und Ehrfurcht in ihre Welt hinein.
Besonders beeindruckt mich die Selbstlosigkeit der einzelnen Biene im großen Ganzen und die unglaubliche Konzentration auf das Zukünftige in allem, was im Bienenvolk vor sich geht. Das zeigt sich beispielweise darin, wie sich die Bienen im Sommer verausgaben, um die Vorratskammern zu füllen und das Volk mit genug Vorräten zu versorgen, um durch den Winter zu kommen. Von diesen reich gefüllten Vorratskammern haben die „Sommerbienen“ jedoch nichts – bis diese angeknabbert werden, sind sie längst gestorben.
Auch der Schwarmprozess verläuft unglaublich selbstlos: Die „alte“ Königin verlässt mit einem Teil der Bienen das gemachte Nest, mit allem Risiko begibt sie sich mit einem Teil des Volkes auf die Suche nach einer neuen Behausung. Alles, was da ist, überlässt sie einer ungewissen Zukunft, die wohlgemerkt bestens vorbereitet, aber dennoch ohne Garantie auf Fortbestand ist, genauso wie die eigene.
Die Krönung des Ganzen ist für mich der Hochzeitsflug, in dem eine junge Königin begattet wird und einen Samenvorrat für ihr ganzes Leben erhält. In diesem Prozess gibt das Volk meiner Ansicht nach seine Abgrenzung nach außen völlig auf, denn hierbei paart sich die junge Königin mit einer Vielzahl an Drohen aus verschiedenen Völkern der Umgebung. Diese (genetische) Vielfalt ist aber gleichzeitig überlebenswichtig, denn ohne würde das einzelne Volk in Einfalt und Degeneration vergehen.
All diese Gedanken bewegen mich im Umgang und der Begegnung mit den Bienen. Wer mehr darüber wissen möchte, wie Bienenhaltung (auch im größeren Maßstab) nach wesensgemäßen Gesichtspunkten gelingen kann, wie wir uns im Sozialen etwas von den Bienen abschauen können und was sie uns Menschen, abgesehen von ihren „Produkten“ zur Verfügung stellen: Du bist herzlich eingeladen in Kursen, Seminaren und Vorträgen tiefer in meine bzw. unsere Art der Bienenhaltung einzutauchen und uns dadurch in unserer Arbeit zu unterstützen.