Imkern ohne Schleier
Welche Vorteile hat das Imkern ohne Schleier? Imker Johannes Wirz geht dem auf den Grund.
Di 3. Juni 2025 von Johannes Wirz BieneMenschNatur.48, Wesensgemäße Bienenhaltung
Vor einigen Jahren hat mir ein Freund aus den USA das Büchlein „La Cité merveilleuse“ von Jean Hurpin (1883-1967) geschenkt. Er war nicht nur Herausgeber der ersten französischen Bienenzeitung, sondern auch Begründer des französischen Imkervereins (Syndicat National d’Apiculture). Als aufgeklärter Imker sprach er von der Weisheit und der Intelligenz des Bienenvolkes, zu einer Zeit als die Wissenschaft nur Zufall, Selektion und Instinkte gelten ließ.
Er teilte meine persönliche Überzeugung, dass, was immer wir auch der Natur, den Bienen und uns Menschen antun, das Überleben unserer Lieblinge nicht gefährden wird. Sie werden auch nach der großen Katastrophe ihre Heimat finden und pflegen und uns zeigen, worauf es im Leben ankommt: teilen, zusammenarbeiten im Vertrauen und der Anerkennung des Beitrags jedes Einzelnen zum großen Ganzen.
Von den Bienen lernen
Zum Ende des Büchleins kommt er auch auf die Imker zu sprechen, spottet freundlich über die voll verkleideten und geschützten Kollegen, welche bei grober Handhabung der Völker trotzdem gestochen und „vermöbelt“ werden. Er erzählt, dass er als „Guru“ bezeichnet wird, weil er stets weder Handschuhe noch Schleier trägt. Für ihn ist diese Bezeichnung ein Unsinn. Er beschreibt die Bienen als delikate und charmante Wesen, sehr sozial und voller Vertrauen und Freundlichkeit. Wenn der Imker diese Eigenschaften seinen geliebten Bienen entgegenträgt, wird er als Freund wahrgenommen und geschätzt – einen Schleier braucht es daher nicht.
Keine Weltanschauungsfrage
Bei aller Wertschätzung von Hurpin sehe ich in der Frage mit oder ohne Schleier keinen Grund für eine weltanschauliche Diskussion. Sie ist nüchtern betrachtet eine persönliche Entscheidung, die jeder und jede für sich selber trifft und auch verändern kann.
Gemäß einer Umfrage im Imkerforum von 2013 trugen 47 Prozent aller Imker*innen immer Schleier und Handschuhe, wenn sie mit ihren Bienen arbeiteten. Immerhin 27 Prozent gaben an, weder noch zu benutzen. Aus Gründen, die ich später ansprechen werde, gehöre ich mit wenigen Ausnahmen zu diesen 27 Prozent. Doch möchte ich die Frage mit oder ohne Schleier emotionsfrei behandeln.
Das erste und wichtigste Kriterium für die Arbeit ohne Schutz ist Ruhe und Gelassenheit. Angst, Stress und Eile machen die Bienen aggressiv. Sie reagieren zuallererst auf die psychische Verfasstheit der Imkerin oder des Imkers. Lieber verschleiert und entspannt arbeiten, als ohne Schutz auf der Hut oder gar gestresst bei den Beuten den Helden zu spielen. Oben ohne zu imkern ist nicht Ziel, sondern Folge des friedlichen Zusammenlebens mit den Bienen. Vertrauen kann nicht erzwungen werden.
Was schleierfrei ermöglicht
Es ist allerdings unbenommen, dass das Arbeiten ohne Schleier viele Vorteile mit sich bringt. Das enge Netz des Schleiers vor den Augen erschwert die Sicht und die intime Nähe. Die Stifte, d.h. die Eier sind oft nur schwer zu sehen, weil sie ungefähr so lang sind wie die Netzweite des Schleiers. Darüber hinaus behindert er die Möglichkeit, die Waben nicht nur zu beschauen, sondern auch zu „beriechen“.
Und schließlich ist es bei Führungen didaktisch ungünstig von „Nähe“ zu reden, wenn Hände und Gesicht geschützt werden. Als ich vor ein paar Jahren in der Nähe von Alicante ein Seminar über die wesensgemässe Bienenhaltung machen durfte, waren beim ersten Besuch der Völker alle Teilnehmenden verschleiert. Man versicherte mir, dass die dunkle spanische Biene (Apis melllifera iberiensis) sehr aggressiv sei und warnte davor, ohne Schutz die Kästen zu öffnen. Ich ging wie immer ohne Montur an die Völker und erklärte, dass man leicht sehen könne, ob sie feindselig auf die Annäherung reagierten. Es passierte nichts – am Schluss des Seminars waren alle Schleier verschwunden.
Weg und Wagnis
Ich habe autodidaktisch imkern gelernt und möchte niemandem empfehlen, es nachzuahmen. Einfacher und zielführender ist es, einen Kurs im Mellifera-Ausbildungsverbund oder an der Fischermühle zu besuchen. Ich begann stets ohne Schutz, doch sobald die Bienen auf die Oberträger der Rähmchen krabbelten, wurde ich unruhig und stülpte den Schleier auf.
Nach circa sechs Jahren hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, die Völker zu „verstehen“. Von diesem Tag an hatte ich keinen Schleier mehr nötig. Doch Hand aufs Herz, bis heute gibt es Situationen, bei denen ich hilflos und ratlos wie ein Anfänger an den Beuten stehe.
Meine Empfehlung: Lernt in euch hineinzuhorchen und zu spüren. Ist Vertrauen entstanden, so zieht den Schleier aus. Sicher werdet ihr gelegentlich gestochen, meist als Folge einer Unachtsamkeit. Schimpft nicht auf Bienen, sondern dankt ihnen für die kostenfreie Rheuma-Prophylaxe. Falls ihr nach einem Bienenbesuch am Abend oder in den folgenden Tagen ein Vorstellungsgespräch, einen Vortrag oder ähnliches im Kalender stehen habt, ist ein Schutz vielleicht angesagt. Stiche im Gesicht lassen uns nämlich gelegentlich wie Zombies erscheinen und an den Händen erschweren sie das Schreiben auf Tafel oder Flipchart.