Resistenz und Toleranz - eine erste Rückschau
Vom 14.-16. November 2025 hat Mellifera Bienenwissenschaftlerinnen und Imker zur Konferenz an die Fischermühle eingeladen. Ingo Lau verfolgte die Konferenz live online und schildert seine Eindrücke in einer ersten Rückschau.
Mi 26. November 2025 von Gastautor*in Bienengesundheit, Bienenkunde, Bienenwohnung, Forschung, Schwarmvermehrung, Varroa, Veranstaltung, Wesensgemäße Bienenhaltung, wildlebende Bienen
Die Fischermühle in Rosenfeld als ein Ort, an dem Bienen leben und Menschen zusammenkommen, um über Bienen zu sprechen. So war es einmal mehr vom 14. bis 16. November im Rahmen der Konferenz „Resistenz und Toleranz: Wege zu einer Koexistenz von Bienen und Milben“ – ein Thema, welches die Imkerschaft seit Ende der 80er-Jahre umtreibt. Varroa destructor, die Milbe, verbreitet bis heute bei Bienenhaltern Angst und Schrecken. Im Verlaufe ihres Befalls und mit den von ihr übertragenen Krankheiten sterben viele Bienenvölker. Die breite Imkerschaft bekämpft den Bienenschädling mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Es werden permanent neue Behandlungsmittel und immer ausgeklügeltere Verfahren entwickelt, um ihm den Garaus zu machen. Doch es gibt eine Kehrseite dieser Strategie: Bienenvölker werden durch die vielen Behandlungen und Eingriffe weder gänzlich frei von Milben, noch gesünder und stabiler, und es mehren sich Stimmen aus der Imkerschaft, die einen neuen Ansatz im Umgang mit der Milbe und mit den Bienen vertreten.
Diese Stimmen – es gibt sie von Norwegen bis hinein in die Innerschweiz – hat Mellifera mit der Konferenz auf einer Bühne versammelt.
Die Veranstaltung war ausgebucht, der Saal entsprechend voll, und auch online verfolgten zahlreiche Menschen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum gespannt, wie beispielsweise Dr. Melissa A. Y. Oddie über den Weg des norwegischen Imkers Terje Reinertsen berichtete, der den Mut hatte, die Behandlung seiner Bienen einzustellen. Nach Anfangs hohen Völkerverlusten hatte er zehn Jahre später wieder einen Bestand an Bienenvölkern, die nun in der Lage waren, mit der Milbe zu leben. Oddie hat diese Völker mit dem Blick einer Wissenschaftlerin untersucht und akribisch den täglichen Milbenfall gezählt. Erstaunlicherweise pendelt dieser bei Reinertsens Völkern ganzjährig um den Wert von 5 und steigt auch im kritischen Spätsommer und Herbst nicht signifikant an.
Regionale Netzwerke entstehen – in Nachbarländern …
Aus Wales und aus den Niederlanden waren Dr. David Heaf (online zugeschaltet), Albert Muller und Ferry Schutzelaars als Referenten zu Gast. Sie alle haben inzwischen viele Mitstreiter an ihrer Seite. Aus anfänglichen Solostimmen sind in diesen Regionen kleine Chöre mit stabilen Beständen an unbehandelten Bienenvölkern geworden, die gemeinsam ein Loblied auf die Vorteile ihres Ansatzes singen können. Dies verwundert nicht, wenn Heaf aufzeigt, wie in seiner Heimat die unbehandelten Bienenvölker regelmäßig besser auswintern als die behandelten.
… und hierzulande
Rainer Fehlemann zeichnete in seinem Vortrag ein Bild vom Hamsterrad der Behandlungen, welches auch die deutschen Imker verlassen müssten. Für den rheinländische Imker war es einer Offenbarung gleichgekommen, als er erstmals in seinem Imkerverein über seine Entscheidung gesprochen hatte, seine Bienenvölker nicht mehr zu behandel. In Rosenfeld traute er sich sogar ans Mikrofon und schilderte seinen ganz persönlichen Weg zur Behandlungsfreiheit. Auch in seiner Region haben sich mittlerweile weitere Imker gefunden, die gemeinsam mit ihm auf diesem Weg weitergehen wollen.
Forscher suchen Resistenzmerkmale
Auch von wissenschaftlicher Seite wendet man den Blick mittlerweile weg von der Milbe und hin zur Biene. In den aktuellen Forschungsprojekten wird verstärkt auf Resistenzmerkmale geschaut, wie Varroa Sensitive Hygiene (VSH), Suppressed Mite Reproduction (SMR) oder Recapping (REC). Dabei lassen sich Völker finden, die von sich aus mit Milben befallene Brutzellen ausräumen oder (beziehugnsweise und) es auf bislang unbekannte Weise schaffen, die Reproduktion der Muttermilben in der Brut einzudämmen. Ausgehend von solchen Völkern sollen in Zukunft neue stabile Bestände aufgebaut werden, sei es durch imkerliche Selektion, oder künstliche Züchtung, teils mittels instrumenteller Besamung von Königinnen. Von diesen Projekten erzählten Dr. Lina Fölsch, die als Forscherin am Bieneninstitut der Universität Hohenheim tätig war, und Dr. Marina Meixner vom Bieneninstitut Kirchhain.
Aus der Forschung wird aber nicht die Lösung kommen, sondern lediglich Unterstützung, beispielsweise in Form von Selektionskriterien oder Methodenhandbüchern für die Basiszucht. Gefordert sind am Ende die Imker und deren regionale Zusammenschlüsse, die Imker- und die Bienenzuchtvereine. Diese wurden in Rosenfeld von Torsten Ellmann (Deutscher Imkerbund) und Bernhard Heuvel (Deutscher Berufs- und Erwerbsimkerbund) vertreten. Auch Thomas Heynemann Küenzi (Union der Basiszüchter e. V.) sprach die Imker in seinem Beitrag direkt an. Heuvel resümierte seinen Vortrag sinngemäß damit, dass der Imker mit jedem Problem, das er mit den Bienen habe, zum Schluss wieder bei sich selbst ankomme. Ist ein Imkerleben also eine Reise zu sich selbst?
Verantwortung zurückgeben
Ein Fazit der Veranstaltung könnte folgendes sein: Mit der bisherigen Behandlungsstrategie entzieht der Imker dem Bienenvolk die Verantwortung für die eigene Gesundheit und das eigene Überleben. Doch nach fast einem halben Jahrhundert Varroa in Europa und Deutschland erkennen die Imker, dass sie dieser Verantwortung nicht gewachsen sind. Immer wieder verlieren sie Völker, auch dann, wenn sie die nach aktuellem Stand der Forschung und Erfahrungen herausgegebenen Behandlungsempfehlungen der Bieneninstitute befolgen, also „alles richtig machen“. Es scheint, als sei es an der Zeit, die Verantwortung wieder an das Bienenvolk zurückzugeben.
Darüber hinaus muss jedoch einiges mehr hinzukommen, damit der Weg hin zu einer Bienenhaltung ohne Behandlung gelingen kann. Es braucht:
Es braucht
- einen Willen zur Veränderung
- Vertrauen in die Kräfte und Fähigkeiten des Bienenvolks
- Beziehung und Begleitung durch den Imker, der eher beobachtend und unterstützend und weniger intervenierend agiert – Imker sollten sich nicht so sehr als Bienendoktoren, sondern vielmehr als Bienenpfleger sehen
- regionale Netzwerke; der einzelne Imker kann es nicht alleine schaffen, denn im schlimmsten Fall kann der Verzicht auf Behandlung hohe Verluste an Völkern mit sich bringen. Diese müssen in einer Gemeinschaft aufgefangen werden – Imker müssen dazu ihre angestammte Rolle als „eingeweihte Einzelkämpfer“ verlassen
- Resistenz ist auch in dem Sinne notwendig, dass Imker dem Drang widerstehen müssen, jedes Volk um jeden Preis „durchzubringen“; für Hobbyimker mit wenigen Völkern stellt dies eine besonders harte Herausforderung dar
- Toleranz: Nicht alle Bienenvölker werden es schaffen. Das müssen die Imker aushalten. Der Tod ist ein Teil des Lebens.
Im Zusammenklang der Vorträge und Wortmeldungen geht die Konferenz an der Fischermühle über die eigentliche Varroa-Thematik hinaus. Es zeigt sich, dass diese nicht isoliert betrachtet werden kann und darf. Was heute Varroa ist, war gestern die Tracheenmilbe und wird morgen vielleicht die Milbe Tropilaelaps oder ein anderer „Neuankömmling“ sein, mit dem die Bienen und wir in Einklang kommen müssen.
Varroa zeigt Parallelen auf
Der Umgang der Imker mit der Varroa-Milbe wirft zudem ein Licht auf uns Menschen und unseren eigenen Umgang mit Krankheit und Tod. Das klang an im Schlussvortrag von Bigna Zellweger, einer Imkerin und Sterbebegleiterin aus dem Kanton Graubünden, die es sich zum Ziel gesetzt hat, im Wald vor ihrer Haustüre eine wild lebende Population von Honigbienen in Waldbäumen zu etablieren. Zellweger beobachtet und dokumentiert das Leben dieser Bienen in ihrem natürlichen Umfeld und auch ihr Sterben.
Die Reise hin zu unbehandelten Bienenvölkern beginnt also auch in uns selbst.
Dieser Artikel basiert auf einem Bericht von Ingo Lau, Mellifera-Mitglied und Vorstand von Bienenschutz Stuttgart e. V. Vielen Dank, dass wir ihn teilen dürfen!
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