Schwärmen verbindet
Mehr Schwärme in der Stadt sind eine positive Entwicklung findet Ingo Lau, Mellifera-Mitglied und Vorstand von Bienenschutz Stuttgart e. V. Das hat nicht nur einen, sondern gleich mehrere Gründe.
Fr 26. Juni 2026 von Gastautor*in Schwarmvermehrung, Schwarmzeit
Die Sonne hat ihren Zenit überschritten und die Schwarmzeit der Honigbienen neigt sich wieder einmal dem Ende zu. In diesem Jahr (2026) habe ich sie besonders intensiv erlebt, weshalb ich einige Gedanken und Erlebnisse aus den zurückliegenden Wochen mit Euch teilen möchte.
Mehr Schwärme als früher
Als ich 2015 beschloss, in die Imkerei einzusteigen, gehörte die Arbeit mit den Schwärmen für mich von Anfang an mit dazu. Mein allererstes Volk hing in einer Hecke bei mir in Stuttgart-Zuffenhausen in der Nachbarschaft. Es war meine erste Begegnung mit einem Bienenschwarm, und ich war super aufgeregt, denn ich hatte nur theoretische Kenntnisse darüber, wie man ihn in eine Schwarmbox hineinbefördert. Aber es ging alles gut. Ich war glücklich, die Bienen waren glücklich, weil sie in meiner Biki (Bienenkiste von Mellifera) ein neues Zuhause bekamen, und natürlich waren auch die Nachbarn glücklich, dass sie ihren Garten wieder für sich allein hatten.
Inzwischen habe ich zehn Schwarmzeiten erlebt. Vieles ist Routine geworden. Meine innere Aufregung und Faszination bei der Begegnung mit Schwärmen ist geblieben; jede Schwarmzeit ist anders, jeder Schwarm und jeder Ort, an dem sich ein Schwarm niederlässt, ist besonders. Aber all das steht nicht mehr so im Vordergrund. Mehr und mehr nehme ich andere Dinge und andere Qualitäten war, die für mich mit der Schwarmzeit und dem Retten von Schwärmen in enger Verbindung stehen.
Grundsätzlich fliegen in Stuttgart mehr Schwärme ab als noch vor zehn Jahren. In diesem Jahr war dies besonders spürbar. Ende April hatten wir eine Wärmeperiode und das Telefon klingelte beinahe jeden Tag. Meist so gegen 14 Uhr. Ich hätte fast den Wecker danach stellen können. Die Zunahme an Schwärmen hat viele nachvollziehbare Gründe. Die Zahl der Bienenvölker in Stuttgart ist deutlich angestiegen. Gleichzeitig hat sich die Struktur der Imkerschaft verändert. Ältere Imker mit vielen Völkern haben aufgehört. Hinzugekommen sind jüngere Hobbyimker mit ein, zwei oder drei Völkern. Für diese ist der Honigertrag oftmals weniger wichtig und die Schwarmverhinderung wird nicht so konsequent betrieben wie in der traditionellen Imkerschaft.
Bienen werden wieder sichtbar(er)
Die Tendenz hin zu mehr Schwärmen empfinde ich als positiv und sehr schön. Und das aus mehreren Gründen:
Da ist natürlich die imkerliche Seite. Schwärmende Honigbienen können einen natürlichen Trieb ausleben. Im Schwarm und im Restvolk kommt es zu einer Brutpause und damit auch zu einer Unterbrechung der Varroa-Vermehrung. Ein Imkern mit anstatt gegen den Schwarmtrieb empfinde ich für mich als Imker und für meine Bienen deutlich entspannter.
Ein weiterer wichtiger Gedanke ist für mich auch, dass die Bienen sich über ihr Schwärmen wieder mehr in das Bewusstsein des Menschen bringen. Einzelne Bienen auf einer Blüte werden leicht übersehen oder als nichts Besonderes abgetan. In der Regel laufen die Menschen achtlos an den Bienen vorbei, selbst dann, wenn sie zu hunderten in einer blühenden Hecke oder einem blühenden Baum vor sich hin summen. Einen Bienenschwarm übersieht niemand. Klar ist da auch immer etwas Angst mit dabei, aber meist überwiegt doch die Faszination, insbesondere dann, wenn es das erste Mal ist, dass man dieses Naturschauspiel erlebt.
Schwarmrettung verbindet
Und dann ist da noch ein dritter Aspekt, der für mich zunehmend an Bedeutung gewinnt. Über meine Tätigkeit als Schwarmretter komme ich mit Menschen in meiner Nachbarschaft in Berührung, die ich ansonsten niemals kennengelernt hätte. Dabei spricht man natürlich viel über Bienen aber manchmal auch über ganz andere Dinge. In diesem Jahr habe ich in einem benachbarten Wohnviertel eine alte Frau aus der Generation meines Vaters getroffen, die mir davon erzählt hat, wie und wann das Viertel und das Haus, in dem sie lebt, entstanden ist, und wie es dort vor der Bebauung einmal aussah. Das war total interessant und völlig neu für mich. Zuvor hatte diese Frau ihre Nachbarin gebeten, über das Internet nach einem Imker zu suchen und so kamen sie dann mit Hilfe der Mellifera Schwarmrettung zu mir.
Die Schwarmrettung ist meines Erachtens gerade im urbanen Raum, wo es doch häufig sehr anonym zugeht, ein extrem hilfreiches Werkzeug. Sie wird bei uns von der Polizei und der Feuerwehr regelmäßig genutzt, aber auch von vielen Privatpersonen. Mit dem Online-Tool von Mellifera finden sie in der Regel schnell einen Imker, der weiterhelfen kann. Auch ich nutze die Schwarmrettung regelmäßig, denn es kommt vor, dass ich einen Schwarm nicht selbst einsammeln kann. Dann suche auch ich über die Schwarmrettung nach einem anderen Imker in der Nähe. Ebenso nutze ich die Mellifera Schwarmbörse, wenn ich einen eingesammelten Schwarm an einen anderen Imker weitergeben möchte.
Alle drei angeführten Aspekte zeigen mir eines ganz deutlich: Das Schwärmen ist ein Prozess, der verbindet. Aus meiner Sicht als Imker verbindet er Bienen mit Bienen zu einem neuen Volk. Der deutlich sicht- und hörbare Schwarm verbindet aber auch die Bienen wieder stärker mit den Menschen, in dem sich die Bienen in beeindruckender Weise präsentieren und auf sich aufmerksam machen. Und zuletzt verbindet das Schwärmen auch Menschen mit Menschen, es bringt Nachbarn zusammen, die sich vorher nicht kannten, es verbindet Menschen aus unterschiedlichen Wohnvierteln, unterschiedlichen Generationen und unterschiedlichen Herkünften. Auch dafür sollten wir uns bei den Bienen bedanken.
Ingo Lau, Bienenschutz Stuttgart e. V.