Wege zur Koexistenz von Bienen und Milben
Eine Konferenz an der Fischermühle brachte Imkerinnen & Imker zusammen, die gemeinsam ein Ziel verfolgen: Die Behandlung gegen die Varroa-Milbe zu reduzieren.
Mo 25. Mai 2026 von Katrin Sonnleitner BieneMenschNatur.50, Hypes&Hoffnungen, Varroa, Veranstaltung, Wesensgemäße Bienenhaltung
Den Bienen die Verantwortung für die Milben zurückgeben. Wie kann das gelingen? Den Weg dorthin und Gespräche darüber säumen Fragezeichen. Um Antworten zu finden, haben wir im November 2025 Wissenschaftler*innen, Imkernde und Vertreter von Verbänden an die Fischermühle zur Konferenz eingeladen.
(Wie) Stehen wir zu den Bienen?
Obwohl am Ende vorgetragen, stelle ich die Bedeutung von Bigna Zellwegers Ausführungen hier an den Anfang: Mit Blick auf von ihr beobachteten Waldbienenvölker schaute sie auf unsere Beziehung zur Biene. Sie bestimmt, wie wir über ihren Tod denken und fühlen. Sind uns die Bienen Haustiere, interpretieren wir Krankheit und Tod als Fehler bei der Pflege. Ein Nutztier hingegen darf aus ökonomischen Gründen nicht sterben, während bei einem Wildtier natürliche Selektion als Teil der Evolution angesehen wird. Immer ist die Biene aber eng verwoben mit ihrer Umgebung, von vielen Einflüssen abhängig und bedeutsam für andere Lebewesen.
In ihrer Millionen Jahre währenden Entwicklung hat sich die Honigbiene durch ihre Anpassungsfähigkeit mit vielen Herausforderungen entwickelt. Obwohl unsere Apis mellifera Bienen mit der Varroamilbe erst vergleichsweise kurz leben, haben sie an vielen Orten auf der Welt gelernt, mit dem Parasiten umzugehen – überall dort, wo flächendeckend nicht behandelt wurde: auf Kuba (kein Geld für Medikamente), bei Thomas Seeley im Arnot Forest (wild in Bäumen lebende Population) oder bei Imker*innen, die aufgehört haben, zu behandeln. Die Milbe ist dabei nicht ganz aus den Völkern verschwunden, lebt aber mit den Bienen, ohne sie zu stark zu schädigen. Wie das?
Was die Bienen können (wenn wir sie lassen)
David Heaf, Imker in Wales, hatte beobachtet, dass bei milderen Behandlungen mehr Milben überlebten. Indem sich die Bienen mit ihnen auseinandersetzten, konnten sie ihr Potenzial zur Anpassung entfalten. Heaf betont den Schwarmprozess mit seinen Brutpausen als bedeutendstes Mittel für die Bienengesundheit, gibt aber zu bedenken, dass er seine Bienen in einer Region mit sehr geringer Bienen- bzw. Imkerdichte und ohne Amerikanischer Faulbrut hält. Außerdem stehen seine Bienen im „genetischen Austausch“ mit einer nennenswerten Population wild lebender Völker.
Dr. Lina Fölsch und Dr. Marina Meixner haben die Komplexität und Unwägbarkeiten der Resistenzzucht erklärt und verdeutlicht, dass an einem Ort „erfolgreiche“ Genotypen andernorts ihre Resistenz nicht ausspielen konnten, diese also am Standort hängt. So sprach sich Meixner für lokale Zucht- und Selektionsarbeit aus, die laut Thomas Heynemann Küenzi (Union der Basiszüchter) und Bernhard Heuvel (Deutscher Berufsimkerbund) nicht nur die Vermehrung der „besten“, sondern auch das Auslesen der „schlechtesten“ Völker umfasse.
Hier möchten wir jedoch auch auf unser Herz hören. Torsten Ellmann (Deutscher Imkerbund) befürwortet mit Blick aufs Tierwohl, Bienenvölker individuell zu behandeln und empfahl mit Verweis auf den Projektverbund Varroa 2033 neue Wege niedrigschwellig anzugehen – beides praktizieren wir bei Mellifera e. V. mit dem Projekt BOBBIE im dritten Jahr und formulieren derzeit weitere Schritte, um Behandlungen weiter zu reduzieren.
Die Imker Reiner Fehlemann (Deutschland), Albert Muller und Ferry Schutzelaars (beide Niederlande) und Martin Dettli (Schweiz) stellten ebenfalls ihre Herangehensweisen vor. Zum Teil wird dort in der Dunklen Biene Apis mellifera mellifera die Hauptursache für den Erfolg ohne Behandlung gesehen. Behandlungsfreie Bestände werden derzeit in den Niederlanden genetisch untersucht. Im Gespräch mit Isabelle Bandi (Schweiz) (Seite 30), die mit ihren Bienen seit über sechs Jahren den Weg zur behandlungsfreien Imkerei geht, kannst du ihr in die Karten schauen.
Was die Bienen uns zeigen (wenn wir hinschauen)
Manche Mechanismen, die die verzögerte Entwicklung der Milbenpopulation im Bienenvolk bewirken, sind fürs imkerliche Auge schwer zu entdecken. Doch es lassen sich durchaus Hinweise bei den Bienen finden.
Die Wissenschaftlerin Melissa Oddie (Kanada) hat bei behandlungsfreien Bienenvölkern des Berufsimkers Terje Reinardson (Norwegen) ihr Verhalten untersucht, verdeckelte Brutzellen zu öffnen und zu inspizieren (Recapping / REC). Arbeiterinnen öffnen dabei die Zellen mehrheitlich in dem Zeitraum, wenn die Muttermilbe die Eier der Tochtermilben legt. Das stört ihren Schlupf, ihre Entwicklung und Paarung mit dem Bruder empfindlich: Alle unreifen Milben und Eier sterben ab. Die Muttermilbe entkommt zwar und schlüpft bald zur Vermehrung in eine neue Zelle, erschöpft aber ihre Fortpflanzungsfähigkeit, da sie nur über eine begrenzte Menge von Eizellen und Spermien verfügt. Dass die Bienen das REC-Verhalten von ihrer Mutter erben, macht es als Selektionsmerkmal interessant.
Manche Bienenvölker zeigen ein besonderes Talent, befallene Zellen zu erkennen und auszuräumen (Varroa sensitive Hygiene / VSH). So unterbinden sie die exponentielle Vermehrung der Milben und entfernen Krankheitserreger. Wir sehen diese Aktivität an Teilen unfertiger Bienenpuppen (weiße Antennen, Beinchen, Thoraxteile) auf dem Diagnoseboden. In der Folge ein ganzjährig niedriger Milbenfall wäre ein gutes Zeichen. Das können wir beurteilen, wenn wir regelmäßig Milben zählen und dokumentieren. Oddie hat auch gezeigt: Bienen – resistent oder nicht – werden erst ab einem gewissen Befall gegen die Milbe aktiv.
Wollen wir den Fähigkeiten unserer Bienen auf die Spur kommen, müssen wir lernen, unterschiedliche Ebenen bei der Betrachtung der Bienen von außen und von innen miteinander in Beziehung zu bringen: Geöffnete Zellen mit weit entwickelten Puppen (REC?), Lücken im Brutnest (evtl. VSH). Wir notieren regelmäßig Brutumfang (auch Drohnen), Schwarmgeschehen, Vorratslage und verfolgen am Flugloch, ob z. B. verkrüppelte Bienen Varroose anzeigen.
Die Zahl dunkler Milben auf dem Diagnoseboden zeigt die Populationsdynamik der Milben im Verhältnis zu anderen Bienenstöcken am Standort. Helle Milben weisen auf REC hin, Teile ausgeräumter Brut auf VSH, kaputte Milben evtl. gegenseitiges „Lausen“ der Bienen (Grooming).
Die Konferenz geriet zum gemeinsamen Nektarsammeln: Jedes Tröpfchen Erkenntnis wurde von Mensch zu Mensch weitergegeben, inhaltlich angereichert und erneut geteilt. Über der Frage, wie wir Mut fassen und zusammen losgehen können, lichtet sich der Nebel zusehends – jedes Gespräch ist ein kleiner Schritt.