Herbstanemone
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Bestäuber auf Blütensuche

Mit dem Klimawandel verändert sich auch unsere Jahreszeiten. Doch welche Auswirkungen hat das auf die Vegetation, deren Blütenzeiträume und damit auch unsere Insektenwelt?

Mo 12. Juni 2023 BieneMenschNatur.44, wildlebende Bienen
Vor allem Wildbienen sind davon betroffen, dass sich die Blütenzeiträume vieler Pflanzen durch den Klimawandel massiv verändern. (Foto: Sabine Leisten)
Vor allem Wildbienen sind davon betroffen, dass sich die Blütenzeiträume vieler Pflanzen durch den Klimawandel massiv verändern. (Foto: Sabine Leisten)

Beim Klimawandel geht es nicht nur um Naturkatastrophen und Hitzesommer. Er verursacht auch schleichende Veränderungen, in allen Lebensräumen der Landschaft.

Ein Phänomen des sich wandelnden Klimas ist die langsame, aber stetige Veränderung der natürlichen Jahreszeiten. Die sogenannte „Phänologie“ widmet sich den regelmäßig wiederkehrenden Wachstums- und Entwicklungserscheinungen von Pflanzen im Jahresverlauf und kann so genauere Auskunft über diese Veränderungen geben. Unsere „phänologische Jahreszeitenuhr“ zeigt im Vergleich der letzten 30-Jahre mittel deutliche Verschiebungen (Bild 1): So bleiben der phänologische Frühling und Sommer zwar gleich lang, beginnen aber frühzeitiger. Insbesondere der phänologische Herbst beginnt bis zu 2 Wochen früher und ist insgesamt länger geworden. Der phänologische Winter hingegen verkürzt sich im Schnitt um 2,5 Wochen.

Anpassen oder (aus)weichen

Inwiefern sind diese phänologischen Verschiebungen ein Problem? Hohe Temperaturen und verhältnismäßig viele Sonnenstunden zu Jahresbeginn führen zum vorzeitigen Pflanzenaustrieb. Was sich für uns Menschen nach einem verfrühten Aufatmen nach der dunklen Winterzeit anfühlt, erhöht für Pflanzen das Risiko für beispielsweise Spätfrostschäden. Anpassen oder ausweichen heißt dann die Devise. Blühen die Pflanzen früher, verpassen sich ggf. Bestäuber und Blütenstempel. „Wandern“ die Pflanzen in feuchtere oder kühlere Gebiete wie höhere Gebirgslagen, müssen von ihnen abhängige Bestäuber mitziehen und sich ebenfalls anpassen – soweit möglich.

Ungefähr ein Drittel der Wildbienenlarven wird ausschließlich mit dem Pollen spezieller Wildpflanzen ernährt. Diese Wildpflanzen wiederum sind für ihre optimale Bestäubung auf genau diese Wildbienenarten angewiesen. Die Wildbienenweibchen haben nur wenige Wochen an Lebenszeit, um diesen Pollen zu sammeln.

Sind die Nahrungspflanzen beim Schlupf der wildlebenden Bestäuber noch nicht erblüht oder bereits verblüht, wird es für Biene und Pflanze eng mit Pollenaustausch und Reproduktionserfolg. Einige Wildbienenarten reagieren bereits auf die frühe Blüte mit verfrühtem Schlupf. Im Kokon überwinternde, ausgewachsene Arten büßen dabei allerdings Körpergewicht ein und riskieren so ihre körperliche Fitness.

Andere Wildbienenarten hingegen, die als Larve überwintern, zeigen keine physischen Einbußen bei verfrühtem Schlupf. Hummeln sind in der Lage, einige ihrer Nahrungspflanzen mit gezielten Blattstichen zu einem früheren Blühbeginn anzuregen. Mauerbienen können bei Nahrungsmangel ihre Flugbewegungsenergie bis zum Ende ihrer Lebenszeit aufsparen oder mehr männliche und damit vorwiegend kleinere, genügsamere Nachkommen erzeugen. Alles also eine Frage der Vielfalt und der Anpassung: viele verschiedene Bienenarten, viele verschiedene Sammel(zeitpunkt)strategien, viele Anpassungsmöglichkeiten an die Vegetation.

Um Blühzeitpunkt und Bestäuberflug auch in Zukunft gut aufeinander abzustimmen, sollte einmal mehr besonderes Augenmerk auf heimische Arten und deren gebietseigene Herkunft gelegt werden bei Nachsaaten und Pflanzungen. Möchte man beispielsweise auf einer Fläche in Süddeutschland die Wiesen-Margerite aussäen, erwischt jedoch die Samen der norddeutschen Margeritenvariante, kann sich schon allein dadurch der Blütenbeginn um 2-3 Wochen unterscheiden. Zertifiziertes Saatgut nach VWW-Regiosaaten® oder RegioZert® bietet hier Orientierung und Sicherheit zu passenden Herkunfts- und Verwendungsgebieten.

Die phänologischen Jahreszeiten in Deutschland: Charakteristische biologische Entwicklungsstadien von Zeigerpflanzen markieren insgesamt zehn phänologische Jahreszeiten, z. B. Vorfrühling zum Blühbeginn der Hasel und Beginn des Spätsommers zur Fruchtreife des Apfels. Vergleich des phänologischen Jahreszeitenverlaufes 2023 (innerer Ring) mit dem langjährigen Mittel in Deutschland (äußerer Ring). (Foto: DWD) Die phänologischen Jahreszeiten in Deutschland: Charakteristische biologische Entwicklungsstadien von Zeigerpflanzen markieren insgesamt zehn phänologische Jahreszeiten, z. B. Vorfrühling zum Blühbeginn der Hasel und Beginn des Spätsommers zur Fruchtreife des Apfels. Vergleich des phänologischen Jahreszeitenverlaufes 2023 (innerer Ring) mit dem langjährigen Mittel in Deutschland (äußerer Ring). (Foto: DWD)

Herausforderungen auch für Honigbienen

Ein Bienenvolk benötigt für seine optimale Entwicklung Blütenstaub und Nektar verschiedener Blüten und kann mit vielen Nahrungspflanzen Vorlieb nehmen. Verpassen sich Wildbienen und ihre speziellen Blütenpflanzen, können Honigbienen diese Bestäubungsleistung aufrechterhalten – solange Bestäubungs- und Belohnungsmechanismen dies zulassen. Der Nektar am Grunde der langen, engen Blütenröhren des Rotklees ist zum Beispiel eher langrüsseligen Hummeln vorbehalten, Bestäubung und Fortbestandssicherung dieser Pflanze folglich ebenso.

Obwohl Honigbienen die Temperatur im Stock präzise regulieren, stellen sie sprunghafte Temperaturverläufe vor zunehmende Herausforderungen. Sie müssen ihre eventuell zu frühzeitig angelegten Brutnester während kalter Nächte oder in Kälteperioden im späteren Frühjahr auf konstant 35°C halten. Dieser erhöhte Heizenergieaufwand muss in Form von ausreichend „nahrhafter Landschaft“ zur Verfügung stehen und kann nur bei passender Witterung eingetragen werden. Für gewöhnlich ist die Brutunterbrechung bei den Bienen im Winter eine Phase, in der auch Brutkrankheiten und Parasiten, die sich mit der Bienenbrut entwickeln, zurückgehen. Brüten die Völker aufgrund der milden Winter durch, erfordert dies noch mehr Nahrungsressourcen und fördert die Vermehrung von Parasiten und Brutkrankheiten.

Wenn die Obstblüte erfriert, die gesamte Robinienblüte innerhalb weniger Minuten vom Starkregen zu Boden geschmettert wird und die Sommersonne die Landschaft ausdörrt, wird auch Honigbienenvölkern das Gesamtmaß an Anpassungsfähigkeit abverlangt – trotz imkerlicher Fürsorge.

Gemeinsam dem Wandel begegnen

Vielfalt schafft Vielfalt. Und Vielfalt verschafft Alternativen, um dem Klimawandel zu begegnen. Biodiversität per Definition beinhaltet die Vielfalt der Arten, der Lebensräume und der Gene. Der Erhalt der genetischen Vielfalt sichert sowohl bei unseren Bienen als auch bei den Pflanzen den Puffer an Anpassung, den wir im Klimawandel brauchen: Die Anpassungsfähigkeit der Arten gegenüber sich ändernden klimatischen sowie in der Folge phänologischen und parasitären Herausforderungen. Bei großer Vielfalt sind die Chancen höher, dass eine genetische Variante dabei ist, die mit den veränderten Umweltbedingungen auskommt. Eine Variante, die den Fortbestand der Art und ihrer Funktion in den Ökosystemen sicherstellt. Unsere Aufgabe besteht darin, diesen Pflanzen- wie Bestäuber-Genpool als „Klimawandel-Puffer“ aufrechtzuerhalten und für vielfältige, vernetzte Lebensräume zu sorgen.

Regiosaatgut sowie verschiedenste Pflanzungen vorrangig gebietsheimischer, gegebenenfalls trockenheitstoleranter (Wild)Pflanzenarten sollten auf der Tagesordnung stehen. Je mehr Bestäuberarten wir unter die Flügel greifen und je mehr diverses Blütenangebot wir schaffen, desto besser können wir gemeinsam dem Klimawandel begegnen.“


Biene sitzend auf Blüte