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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

»Biene Mensch Natur« Blog

Thomas Radetzki kontrolliert eine Einraumbeute und zieht eine typische Randwabe mit Brut und frischem Honig.

Die Einraumbeute von Mellifera

Die Entstehung unserer Einraumbeute ist intensiven Gesprächen auf einem unserer Seminare zu verdanken. Utto Baumgartner hatte sie durch seine Suche nach einem möglichst einfachen, aber modernen System mit beweglichen Waben ausgelöst.

Aus der Serie: „Die Bienenwohnung“, Teil 7

Seit dem Jahr 2002 gibt es die so genannte Einraumbeute von Mellifera e. V. Sie ist viel weniger bekannt als die wesentlich später bei uns entwickelte Bienenkiste, welche durch die hervorragende Projektbetreuung von Erhard Klein in kürzester Zeit eine enorme Verbreitung gefunden hat.

Die Entstehung unserer Einraumbeute ist intensiven Gesprächen auf einem unserer Seminare zu verdanken. Utto Baumgartner hatte sie durch seine Suche nach einem möglichst einfachen, aber modernen System mit beweglichen Waben ausgelöst. Uwe Bodenschatz hat dann innerhalb weniger Wochen die ersten hundert Prototypen für die spontan gegründete Arbeitsgruppe gebaut. Utto hatte einfach genug von Magazinen… und ich hatte einen starken Impuls von unserer zweiten Conference for Organic Beekeeping in den USA mitgebracht. Ein befreundeter kanadischer Bienenwissenschaftler hatte mich in New Jersey in Berufsimkereien geführt, die schwere Schäden durch den sich damals ausbreitenden Bienenstockkäfer erlitten hatten. Die Aussage, dass der Käfer sich umso schneller vermehrt, je intensiver das Volk bearbeitet wird, ließ mich nicht los. Ich hatte viele Erfahrungen in Lagerbeuten gesammelt, in Systemen mit Honigaufsätzen und auch mit Golzbeuten, in denen der Honigraum auf einer Ebene mit dem Brutraum hinter einem Absperrgitter liegt. Ich kannte die in Bulgarien, Rumänien, Ungarn (Boczonadi-Kasten) und Spanien heute noch gerne verwendeten Einraumbeuten und konnte mir gut vorstellen, wie sie bewirtschaftet werden.

Das ganze Volk findet in einem einzigen Raum Platz und wird von oben bearbeitet. Es wird nicht in verschiedene Zargen oder Räume zerteilt. Das sonst notwendige Abheben der schweren Honigräume vor einer Kontrolle des Brutraumes entfällt. In der Einraumbeute von Mellifera wird der Raum auch nicht durch ein Absperrgitter in Honig- und Brutraum zertrennt. Das Brutnest wird von den Völkern immer nahe dem asymmetrisch angeordneten Flugloch auf der einen Seite der Beute angelegt. Der Honigüberschuss wird überwiegend auf der anderen Seite ablagert. Mit einem beweglichen Schied wird der dem Volk zur Verfügung gestellte Platz dessen Entwicklung angepasst.

Die Beute ist mit 21 Hochwaben im sogenannten „Kalt“bau ausgestattet. Die Hochwabe ist das beste Wabenformat für die Volksentwicklung und gewährleistet eine gute Eigenversorgung mit Honig. Das verwendete Rähmchen (285 mm breit, 458 hoch) ist optimal für den Naturwabenbau und erlaubt ein großes, zusammenhängendes Brutnest. Bei allen anderen bekannten Systemen mit großen Brutraumwaben ist im Honigraum ein zweites Wabenmaß erforderlich. In der Einraumbeute gibt es nur ein Rähmchenmaß. Es orientiert sich an den Abmessungen der Dadant-Waben, um Sonderanfertigungen für die Honigschleuder zu vermeiden. Die meisten der weit über tausend bisher genutzten Einraumbeuten haben einen Boden mit Gitter, das der Lüftung und Varroa-Diagnose dient.

Wir haben durch diese Beute viel über die Bienen gelernt. Die ersten hundert Kästen waren mit Baurahmenfenstern ausgestattet. Ähnlich wie bei den traditionellen Blätterstöcken sollte versucht werden, damit Schwarmstimmung festzustellen ohne die Völker zu öffnen. Systematische Untersuchungen der ersten Jahre zeigten jedoch, dass diesbezüglich keine sicheren Aussagen möglich sind. Die Ursache dürfte in dem großen Brutnest liegen, das sich frei auf Naturwabenbau entwickelt. Eine andere Untersuchung bestätigte unsere Erwartung: Bei kräftiger Tracht im Frühjahr kommen sehr viel mehr Völker in Schwarmstimmung, wenn die Erweiterung für den Honigeintrag nicht mit Mittelwänden, sondern mit Leerrähmchen (Baurahmen) erfolgt. Auch der Ertrag war dann erwartungsgemäß geringer.

In der Einraumbeute sind die Bienen absolut freundlich und ziehen sich meist sogar ohne Rauch in die tiefen Wabengassen zurück. Sanftmut ist eben nicht nur eine genetische Frage. Flott sind wenige Waben gezogen, um ein klares Bild der Volksentwicklung zu gewinnen. Die Bearbeitung der Völker ist eine Freude und mit keiner anderen modernen Beute zu vergleichen.

Die Einraumbeute macht es leicht, sich ein Bild vom Volk als Ganzem und von seiner Entwicklung im Jahreslauf zu bilden. Bienenhaltung verkommt darin viel weniger zu dem sonst leider oftmals praktizierten Baukastensystem mit Ersatzteillager. Leider sprengt es den Rahmen unserer Biene-Mensch-Natur, die Völkerführung im Einzelnen zu schildern, zumal in dem für die meisten ImkerInnen ungewohnten Naturwabenbau. Aber in diesem Sommer wird unsere Einraumbeuten-Broschüre aktualisiert. Sie steht dann im Internet, und Sie erfahren es am schnellsten, wenn Sie unseren Newsletter „Praxis Imkerei“ abonnieren.

Thomas Radetzki

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 22 • Frühjahr/Sommer 2012

Cover 0 Download (pdf, 2,0 MB)

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