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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

»Biene Mensch Natur« Blog

Vom 22. bis 24. Juli 2016 war der amerikanische Bienenforscher Prof. Thomas D. Seeley zu Gast an der Fischermühle. Im Rahmen unserer Tagung „Schwarmintelligenz, Waldbienen und Varroatoleranz“ hielt er mehrere Vorträge und diskutierte mit anderen Experten und den Teilnehmern.

Die Zukunft der Biene

Abschlussvortrag von Thomas D. Seeley auf unserer Tagung „Schwarmintelligenz, Waldbienen und Varroatoleranz“ vom 22. – 24.07.2016 in Rosenfeld

„Obwohl ich über die Zukunft der Biene referieren will, muss ich Euch leider gleich zu Anfang mitteilen, dass ich nicht weiß wie die Zukunft der Biene aussieht. Mein großes Vorbild, der Baseballspieler Yogi Berra, wusste es bereits: „Vorhersagen zu machen ist schwer, besonders über die Zukunft.“ Aber er wusste auch, dass man beim Zuschauen viel beobachten kann. Ich kann leider nicht in die Zukunft, aber ich kann in die Vergangenheit schauen, und diese kann uns einige gute Anhaltspunkte über die Zukunft unserer Bienen geben.

Vorhersagen zu machen ist schwer, besonders über die Zukunft. (Yogi Berra)

Die letzten 50 Jahre der Bienenhaltung waren geprägt durch die globale Ausbreitung der Varroose und dem Versuch von uns Imkern damit umzugehen. Die Anzahl der Belastungsfaktoren für unsere Honigbiene ist nicht kleiner geworden. Pestizide in der Landwirtschaft machen ihr ebenfalls sehr zu schaffen, aber am Ende sind es die Varroamilbe und die von ihr übertragenen Viren, an denen Millionen von Bienenvölkern zugrunde gegangen sind und immer noch zugrunde gehen. Was die Viren betrifft, so hat Varroa diese verändert, beispielsweise den Flügeldeformationsvirus. Den gab es schon vor der Milbe, unsere Bienen hatten sich mit ihm arrangiert und lebten mit ihm in Koexistenz. Auf Hawaii breitete sich die Varroose erst vor etwa zehn Jahren aus. Auf der Insel gibt es viele kommerzielle Imkereien, welche von der Milbe mehr oder weniger überrascht wurden. Die Imker verzeichneten hohe Völkerverluste, obwohl sie sofort mit der chemischen Behandlung begannen. Untersuchungen haben ergeben, dass sich insbesondere das Flügeldeformationsvirus sehr stark ausbreitete und zu hohen Völkerverlusten führte. Es zeigte sich, dass die Virulenz mit einer Reduktion der genetischen Vielfalt des Virus selbst abnahm. Trotz Behandlung haben die hawaiianischen Imker die Varroose bis heute nicht im Griff – nicht nur auf Hawaii…

Nichtsdestotrotz sind nicht alle Honigbienen von Varroa betroffen. In einigen Regionen auf unserem Planeten sieht die Zukunft der Biene recht rosig aus, beispielsweise in Teilen Afrikas und Südamerikas, auf Gotland, in Waldgebieten in Frankreich, den USA und Russland. Warum sind die Bienenvölker dort nicht von Varroa betroffen? Was haben diese Regionen gemeinsam? Nun, in all diesen Gebieten wurden die Völker nicht gegen Varroa behandelt. Die Imker dort konnten es sich schlichtweg nicht leisten, finanziell, zeitlich und/oder es fehlte ihnen das nötige Wissen. Durch natürliche Selektion entwickelte sich bei den Bienen recht schnell eine Varroatoleranz. Das ist toll. Ich möchte damit jedoch nicht sagen, dass es ohne Behandlung an allen Orten der Welt funktioniert. Varroa ist nicht nur ein biologisches, sondern auch ein massives politisches und ökonomisches Problem.

Thomas D. Seeley Wir Imker sollten unseren Blick streifen lassen und schauen wie es in anderen Teilen der Welt mit der Bienenhaltung aussieht bzw. aussah. Denn Mensch und Bien hatten dieses Problem im Grunde genommen schon einmal. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere ältere Imker. In den 1920er Jahren hieß das Problem Tracheenmilbe! Sie lebt parasitierend in den Tracheen der Biene und behindert die Atmungsfähigkeit. Die Bienen werden flugunfähig und sterben daran. Die Milbe wurde erstmalig auf der britischen Isle of Wight entdeckt und führte zu massiven Bienensterben. Sie breitete sich von dort rasant im Rest der Welt aus: 1912 erreichte sie Irland, 1920 Schweden, in Russland wies man sie 1922 nach. Sowohl Trachea damals, als auch Varroa heute führten also zu hohen Völkerverlusten. Im Unterschied zur heutigen Situation gab es gegen die Tracheenmilbe jedoch keine wirksame Behandlung. Tatsächlich wussten die Imker damals gar nicht, was der Grund für das Bienensterben war. Dies führte dazu, dass beispielsweise Irland 1921 nahezu bienenfrei war. In den USA breitete sich die Tracheenmilbe erst in den 1980er aus. Ich kann mich noch gut erinnern wie groß das Entsetzen unter den Imkern war, die Verluste betrugen bis zu 90 Prozent. Auch ich traute mich zu der Zeit kaum die Beuten zu öffnen und war manches Frühjahr entsetzt und traurig, wie wenig Völker es durch den Winter geschafft hatten. Wir hatten große Probleme unsere Forschungsexperimente durchzuführen, weil wir teilweise nicht genug Völker hatten. Wie gesagt, ich kann mich an diese Zeit sehr gut erinnern, die Sorgen, die Ängste, die Enttäuschungen…

Wie wurde das Problem also in den jeweiligen Ländern gelöst? Die Antwort lautet: durch natürliche Selektion. Innerhalb von fünf Jahren war das Trachea-Problem gelöst. Ohne chemische Behandlung. Unsere Bienen hatten sich angepasst und eine Toleranz entwickelt. Heutzutage macht sich kaum noch einer Gedanken um Trachea, geschweige denn eine Behandlung. Ab und zu tritt die Milbe hier und da auf, aber sie stellt aus imkerlicher Sicht kein Problem dar.

Was können wir also aus dieser Erfahrung mit der Tracheenmilbe lernen? Wie hilft sie uns, mit der Varroamilbe umzugehen? Wir sollten uns Henry Thoreau zu Herzen nehmen, der sagte: „Die Wildnis ist es, die die Welt bewahrt“. Natürliche Selektion kann eine Menge Probleme beheben, insbesondere Krankheitsprobleme. Unsere Bienen haben ständig mit verschiedenen Krankheitserregern zu tun, sie ändern sich ständig und wir bzw. unsere Bienen passen sich ständig an.

Die Wildnis ist es, die die Welt bewahrt. (Henry Thoreau)

Aus diesem Blick in die Vergangenheit möchte ich also nun in die Zukunft schauen und einige Szenarien entwerfen, wie es um die Zukunft der Biene bestellt ist.

Es wird künftig drei Gruppen von Bienen geben: Bei der ersten handelt es sich um wildlebende Honigbienen, welche nicht gegen Varroa behandelt werden und daher eine Toleranz entwickeln können, sofern sie nicht mit behandelten Völkern in Kontakt sind. In Wales beispielsweise sind Imker zwar gesetzlich dazu verpflichtet gegen Varroa zu behandeln. Aber das Land hat eine relativ geringe Bevölkerungsdichte (sowohl bei Bienen als auch bei Menschen), so dass die Imker einfach nicht behandeln. Es funktioniert. Die zweite Gruppe sind die Völker von großen kommerziellen Imkereien. Hier wird behandelt. Trotzdem besteht die Möglichkeit, dass die Völker durch Zuchtprogramme tolerant gegenüber der Varroamilbe werden. Zur letzten Gruppe zähle ich die Bienenvölker, welche von Freizeitimkern gehalten werden und die ihre Völker nicht behandeln, weil sie den ökonomischen Schaden im Falle von Völkerverlusten verschmerzen können. Diese Gruppe zusammen mit der ersten, den wildlebenden Völkern, wird bestimmen, wohin es mit der natürlichen Selektion geht. Ihr können wir Imker nicht entfliehen, niemand kann das, sie ist da draußen und findet statt. Immer!

Nun, wo sehe ich die Zukunft der Biene? Zum einen bei wildlebenden Völkern durch natürliche Selektion, zum anderen in einer zukunftsfähigen, wie Ihr sie nennt, wesensgemäßen Bienenhaltung. Das ist die Zukunft!“

Wesensgemäße Bienenhaltung – das ist die Zukunft! (Thomas D. Seeley)

Thomas D. Seeley (Übersetzung: Sarah Bude)

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 31 • Winter 2016/2017

Cover 0 Download (pdf, 2,1 MB)

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