Herbstanemone
Zweig

„Ich finde es wichtig, in der Werkstatt zu bleiben…“

Interview mit Thomas Radetzki

Di 3. April 2007 BieneMenschNatur.12, Wesensgemäße Bienenhaltung

Ich bin mit Thomas Radetzki an der Fischermühle verabredet. Er ist als Imkermeister seit der Gründung des Vereins geschäftsführender Vorstand von Mellifera e.V.. Die Arbeit mit den Bienen und Imkern hat an der Fischermühle eine Heimat gefunden, zusammen mit der HELIXOR Heilmittel GmbH, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, der Gärtnerei, dem Hofladen und der Therapiegemeinschaft. Wir treffen uns in der Mitarbeiterkantine der Firma HELIXOR. Hier begegnet sich beim Mittagessen regelmäßig ein vertrauter Kreis von Menschen, zu denen Thomas Radetzki vielseitige Arbeits- und Interessenkontakte hat.

Nora Müller (NM): Wie kam es zur Gründung der Vereinigung für wesensgemäße Bienenhaltung, heute Mellifera e.V.?

Thomas Radetzki (TR): Die ersten süddeutschen Völkerverluste durch die aus Asien eingeschleppte Varroa-Milbe führten uns 1985 an der Fischermühle zusammen. Es kamen Imker aus einem großen Einzugsgebiet: vom Elsass bis Bayern, vom Rhein-Main-Gebiet bis weit in die Schweiz hinein. Ich kam aus Stuttgart dazu, wo ich an einem Priesterseminar studierte. Zuvor hatte ich mit Behinderten in der Landwirtschaft gearbeitet und dort eine Imkerei aufgebaut. Wir treffen uns seither an sechs Sonntagen im Winterhalbjahr. Bei diesen Treffen ging es damals wie heute um Erfahrungsaustausch und die Entwicklung neuer Perspektiven für die Bienenhaltung. Wir suchten durch die Anthroposophie Rudolf Steiners eine Hilfe zur Bewältigung der neuen Herausforderungen. Steiners Vorträge über die Bienen im Jahr 1923 waren weitgehend ohne Auswirkungen auf die Imkerei geblieben, obwohl seine Vorträge zur Landwirtschaft die Demeter-Bewegung zur Vorreiterin des ökologischen Landbaus gemacht hat.

Es war eine Überlebensfrage der Milbe Herr zu werden. Wir suchten Wege die Bienen zu stärken und gründeten deshalb die Lehr- und Versuchsimkerei Fischermühle. Wir wollten praktisch umsetzbare Konzepte für eine wesensgemäße Bienenhaltung und ökologische Verfahren zur Behandlung der Milben entwickeln. Der Verein Gemeinschaft Fischermühle e.V. finanzierte für drei Jahre ein kleines Bienen-Forschungsprojekt und Wilhelm Nickol stellte seine Imkerei zur Verfügung, sodass ich an der Fischermühle beginnen konnte.

Im ersten Vorstand unseres Vereins waren Irmgard Bochröder, Christian Rex und ich. Eine besondere Rolle spielten in den ersten Jahren neben anderen Elisabeth Anders, Christian Dickreiter, Manfred Hahn, Wilhelm Nickol, Rudolf Öhler, Werner Roller und Erdmut Thierfelder.

NM: Seither hat sich unglaublich viel entwickelt – wie wurde alles bewältigt?

TR: Im Alltag war ich mit der Arbeit am Anfang weitgehend allein, bis dann Praktikanten kamen, die zum Teil über mehrere Jahre blieben. Der Völkerbestand wuchs auf bis zu 200 Völker. Einen Teil der Büroarbeiten konnte ich nach einigen Jahren abgeben. Ich wäre allerdings niemals in der Lage gewesen, die Arbeit durch alle Schwierigkeiten und Widerstände hindurch zu machen, wenn nicht die Mitgliedertreffen gewesen wären! Das Entscheidende an diesen Treffen war für alle, zu erleben, dass man nicht alleine stand.

NM: Was waren Höhepunkte Deiner Arbeit?

TR: Anfänglich hatten wir große Schwierigkeiten mit dem Naturwabenbau. Der Durchbruch zu befriedigendem Wabenwerk gelang erst, nachdem ich alle 60 Völker abschwärmen ließ. Das Erlebnis, über Tage hinweg in den ausziehenden Schwarmwolken zu stehen, hat mich tief erschüttert. Es war für mich der Schritt von der technisch instrumentalisierten Betriebsweise hin zu einer neuen Begegnung mit den Bienen. Höhepunkte sind bis heute immer wieder die Veranstaltungen. Schon 1988 fand unsere erste große Tagung statt. Das Interesse war enorm. Seither veranstalten wir regelmäßig an der Fischermühle und an anderen Orten Tagungen oder wirken daran mit – bis hin zur Conference for Organic Beekeeping in Nordamerika. Eine besondere Sternstunde war 1990, als die Stiftung Helixor für uns ein großzügiges Imkereibetriebsgebäude mit Labor und Wohnräumen an der Fischermühle baute.

NM: Wir haben uns vor zehn Jahren kennen gelernt. Weil Du gerade keinen Praktikanten hattest, kam ich einen Tag pro Woche, um Dir bei der Bienenarbeit zu helfen. Dabei habe ich Dich als fröhlichen Bienen-Vater kennen gelernt, der sehr liebevoll mit seinen “Mädels” – so nanntest Du sie – umging. Du hattest die gesamte Völkerbetreuung und die Vereinsarbeit zu leisten. Wie sieht das heute aus?

TR: Seit einem Jahr hat Mellifera e.V. einen zweiten Imker als festen Mitarbeiter. Norbert Poeplau hat die Verantwortung für die Imkerei übernommen, da die vielen Aufgaben und die Imkerei für mich nicht mehr zu bewältigen waren.

NM: Was sind das für Aufgaben?

TR: In den letzten Jahren ist der Umfang meiner praktischen Arbeit immer mehr zurückgegangen. Der Kontakt zu den Imkerverbänden, Mitarbeit in bienenwissenschaftlichen Arbeitsgruppen, die Vortragstätigkeit und die politische Arbeit im Zusammenhang mit der Bienenstockkäfer-Kampagne sowie den Fragen der Agro-Gentechnik nahmen immer mehr Raum ein. Mit der Herausgabe unserer Zeitung “Biene Mensch Natur” im Jahr 2001 und dem Besuch des damaligen Umweltminister Trittin begann die Intensivierung unserer Öffentlichkeitsarbeit, für die ich auch verantwortlich bin.

NM: Die Vereinigung ist in den letzten Jahren mächtig gewachsen – wodurch war das möglich?

TR: Dadurch, dass wir uns den Aufgaben die wir sahen gestellt haben, selbst wenn wir nicht wussten wie sie finanziert werden sollten. Unsere öffentliche Stellung und unser Einfluss sind gewachsen. Aber tatsächlich sind wir nur sehr wenige Mitarbeiter. Was wir leisten und bewirken, wird in dieser Form erst durch partnerschaftliche Beziehungen mit externen Verantwortungsträgern, Praktikern und Wissenschaftlern möglich. Es knirscht aber in allen Fugen, weil wir dringend weitere Mitarbeiter bräuchten. Wir könnten dann noch wesentlich mehr erreichen!


Biene sitzend auf Blüte