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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

»Biene Mensch Natur« Blog

Dr. Hans-Günther Bauer. Foto: MPI für Verhaltensbiologie, Radolfzell

Interview: Vogelkundler und Insektenfreund

Dr. Hans-Günther Bauer arbeitet am Max-Planck-Institut in Radolfzell. Der Wissenschaftler und promovierte Zoologe mit dem Spezialgebiet Ornithologie untersucht unter anderem, wie sich der Bestand der Vögel in der Bodenseeregion entwickelt. Gemeinsam mit anderen Forschern veröffentlichte er im Herbst 2019 eine Studie, die den gravierenden Vogelschwund rund um den See dokumentiert. Im Gespräch zeigt Dr. Hans-Günther Bauer auf, wie wichtig für ihn Sechsbeiner sind.

Ein Vogelkundler im Interview mit einem Bienenschutzverein. Wie passt das zusammen, wird sich vielleicht mancher fragen. Der Schutz der Bienen – und damit sind nicht nur Honigbienen gemeint –geht für Mellifera e. V. über das Flugloch hinaus. Bienen schützen heißt auch, ihre Nahrungs- und Lebensräume und damit die vieler andere fliegender Insekten zu schützen. Lieber Herr Dr. Bauer, das ist auch ein Anliegen von Ihnen, erklären Sie

Dr. Hans-Günther Bauer: Wir möchten wissen, was unsere Vogelarten am meisten gefährdet. Früher war dies hauptsächlich die Habitatszerstörung. Spätestens ab den 1950er Jahren kommt das Insektensterben hinzu. Das hat gravierende Auswirkungen, denn rund 80 Prozent unserer Vogelarten brauchen Insekten zur Aufzucht. Auch Samenfresser benötigen die eiweißreichen Insekten für ihren Nachwuchs. Insekten sind für Vögel absolut essentiell. Daher sind auch wir Vogelkundler daran interessiert, Lösungen gegen das Insektensterben zu finden.

Welche Insekten fehlen denn den Vögeln besonders?

Dr. Bauer: Das ist ein unendlich weites Feld. Aber besonders auffällig ist der Schwund bei Insekten, die eine sehr lange Entwicklungszeit haben. Wie zum Beispiel der Maikäfer, dessen Larven drei Jahre in der Erde leben. Der Maikäfer ist eine sehr seltene Art geworden. Ähnlich schlecht sieht die Situation bei Schmetterlingen und Heuschrecken aus, und auch bei großen Käfern. Das wirkt sich auf die Vögel aus. Die sogenannten Großinsektenfresser sind zuerst verschwunden. Beispiele dafür sind der Rotkopfwürger oder der Schwarzstirnwürger. Beide Arten sind in Deutschland komplett ausgestorben. Dabei haben sie mal in allen 16 Bundesländern gebrütet. Aber auch Fluginsektenjäger, wie etwa Schwalben, finden immer schwerer Nahrung. Fliegen, Mücken oder fliegende Ameisen kommen zwar alle noch vor, aber die Dichte und vor allem die Massenvorkommen sind seltener geworden. Dieser Umstand fällt auch vielen Menschen auf, denn noch vor zwei bis drei Jahrzehnten musste man wegen den Insekten alle paar hundert Kilometer die Windschutzscheibe putzen.

Was für Auswirkungen hat der Insektenrückgang für die Vogelwelt? Können Sie einige Zahlen nennen?

Dr. Bauer: Leider gibt es nur sehr wenige Studien, die Insekten quantitativ erfassen. Die wichtigste ist die „Krefelder Studie“, die überall in den Nachrichten war, eine weitere ist z.B. die Zugplanbeobachtung am Randecker Maar. Neben den durchziehenden Vögeln wurden auch die durchziehenden Insekten erfasst. Dabei stellte man fest, dass in den vergangenen 40 Jahren der Anteil der Schwebfliegen um 95 Prozent gesunken ist. Seit ein paar Jahren werden sie aufgrund des geringen Vorkommens bei der Studie gar nicht mehr erfasst. Wir bräuchten dringend ein großes nationales Insektenmonitoring. Aufgrund der fehlenden Studien lassen sich keine genauen Zahlen nennen, aber die Entwicklung, dass mit den Insekten auch die Vögel sterben, ist unbestritten.

Verhungern denn die Vögel oder bekommen sie weniger Nachwuchs groß oder ziehen sie in andere Gebiete?

Dr. Bauer: Die Situation ist sehr komplex. Die stärksten Abnahmen haben wir bei Vögeln, die in landwirtschaftlichen Intensivkulturen leben. Sie finden dort kaum noch Nahrung. Gründe sind unter anderem die Lebensraumzerstörung, die Veränderungen bzw. Monotonisierung der Kulturen, ein Mangel an Deckung und die Intensivnutzung mit vielen Mahden. Bei letzterer kommen viele Insekten und ihre Larven nicht mehr an die Pflanzennahrung – und diese nicht mehr zur Samenreife. Aber auch Überdüngung ist ein Problem, da diese das Artenspektrum in der Regel stark einengt.

Zeitgleich wirken auch noch andere Faktoren mit ein wie etwa der Klimawandel, mit mehr Starkregen zur Brutzeit und größerer Hitze. Aber auch die Änderung der Bodenstruktur und des Mikroklimas spielen eine Rolle, dadurch ergeben sich ungünstige Verhältnisse für die Jungvögel und starke Verluste an den Nestern durch die intensive Bearbeitung mit sehr effektiven Maschinen.

Es fehlen zunehmend kleinparzellige Strukturen mit Ackerrainen und anderen Randstrukturen für Nahrung und Schutz. Es kommt zu einer stärkeren Prädation der Bodenbrüter – neben dem Fuchs vor allem durch die neuen Arten wie Waschbär, Marderhund und Mink. Gerade die Populationen der Bodenbrüter brechen zusammen, wie etwa Kiebitz, Rebhuhn oder Grauammer. Wegziehen können die Vögel übrigens nicht. Sie versuchen im Umfeld noch Erfolg zu haben, wenn das aber nicht gelingt, dünnen die Bestände nach und nach aus.

Über welches Insekt freuen Sie sich besonders, wenn Sie es sehen?

Dr. Bauer: Das große grüne Heupferd hat mir schon immer Spaß gemacht. Ich habe aber auch Gefallen an großen Schmetterlingen und großen Käfern. Ich bin auch ein Insektenfreund. Als Zoologe hat das für mich immer dazugehört.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern? Was sind Ihre Forderungen?

Dr. Bauer: Wir dürfen in der Landschaft nicht mehr auf der gesamten Fläche 100 Prozent wirtschaften. Wir brauchen unbearbeitete Flächen. Dort muss sich ein Pflanzenreichtum entwickeln, der sich wiederum auf den Insektenreichtum auswirkt. Wir brauchen unbedingt ein Mindestmaß an ungenutzten Flächen, in denen Vögel Nahrung wie Insekten und Samen sowie Rückzugsorte finden. Außerdem sind die intensiven Anbaumethoden in der Landwirtschaft ein Problem wie Düngung, starke Nutzung, hohe Mahdfrequenz oder Monotonisierung. Ich wünsche mir mehr Sommergetreide, denn bei Ansaat im Herbst besteht über den Winter gar keine Brache mehr. Zudem sollte während der Brutzeit kaum oder gar nicht gemäht werden. In der Brutzeit kommt oft mehrmals der Mähdrescher. Wir haben auf fast 100 Prozent der Fläche Nutzung. Diese steht im Vordergrund. Die Natur verliert.

Und in Städten und Gemeinden?

Dr. Bauer: Dort wird sehr viel ausgeräumt und gesprüht. Man müsste den Einsatz von Pestiziden auf öffentlichen Flächen und in Gärten extrem einschränken oder komplett verbieten. Ein weiteres Unding sind die Steingärten. Sie zeigen sehr deutlich auch die Entfremdung vieler Menschen von der Natur. Wir müssen unser Verhältnis zur Natur wieder verändern sowie einheimische Pflanzen fördern und auch ein bisschen Wildwuchs zulassen, das würde den Insekten helfen. Stattdessen haben viele Menschen Angst vor Insekten, Spinnen und zum Teil auch vor Vögeln, die ihr Haus oder Grundstück dreckig machen.

Was machen Sie persönlich zum Schutz der Vögel bei sich zu Hause?

Dr. Bauer: Ich habe mit meinem Vermieter verabredet, dass er Pflanzen etwas wild wachsen lässt. Das Grün darf auch mal überhandnehmen. Es sollten natürliche Lebensräume geschaffen und erhalten werden, bevor man künstliche anlegt.

Und eine letzte Frage zum Schluss: Welche ganz persönliche Begegnung mit Vögeln ist Ihnen besonders im Gedächtnis oder im Herzen geblieben?

Dr. Bauer: Ich bin eigentlich waldgeprägt. Ich war dort als Kind oft zum Pilze sammeln. Einmal hat mich mein Onkel zum Balzplatz eines Auerhahnes geführt. Diesen balzenden Auerhahn zu sehen – das war ein beeindruckendes Erlebnis für mich, das mich vielleicht auch zu meinem Beruf geführt hat. Daher habe ich auch ein Faible für alten Wald. Und damit sind wir wieder bei den (Groß-)Insekten. Denn sie brauchen ihn. Eine Eiche entfaltet im Hinblick auf die Insekten erst nach 150 Jahren ihr komplettes Potenzial.

Das Interview führte Lydia Wania-Dreher, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei Mellifera e. V..

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 38 • Frühjahr/Sommer 2020

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