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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

»Biene Mensch Natur« Blog

Dr. Peter Neumann. Foto: Institut für Bienengesundheit Bern

Interview: Die Bienen und ihre sozialen Gefüge

Soziale Insekten sind Dr. Peter Neumanns Faszination. Schon seit seiner Kindheit üben Bienen, Wespen und Ameisen eine große Anziehung auf den Zoologen aus. Heute studiert er vor allem erstere am Institut für Bienengesundheit in Bern. Für die 40. Ausgabe der Biene Mensch Natur sprach Professor Neumann über den Einfluss der Imker auf die Bienengesundheit, das Verhältnis von Honig- und Wildbiene und seine Erfahrungen über Bienenhaltung in der ganzen Welt.

Lieber Herr Dr. Neumann, Sie haben am Institut für Bienengesundheit in Bern die Professur der Vinetum-Stiftung inne: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Faktoren, die die Bienengesundheit beeinträchtigen?

Dr. Peter Neumann: Den größten Einfluss haben diese Faktoren in folgender Reihenfolge: 1. der Imker (mit großem Abstand der wichtigste Faktor), 2. die Varroa-Milbe, 3. die Ernährung und 4. Pestizide.

Inwieweit übt die Haltung des Imkers einen so großen Einfluss aus?

Dr. Neumann: Der Imker ist die Schlüsselfigur in der Haltung. Bienenhaltung bedarf ebenso wie die Haltung anderer Tiere großer Sorgfalt und Verantwortungsbewusstseins. Das Bienenvolk muss auf eine Vielzahl äußerer Einflüsse wie Witterung und Klimaänderungen, Trachtangebot und Gefahren reagieren. Der Imker agiert allerdings aus einem menschlichen Verständnis, denn er weiß ja nie wirklich, was die aktuellen, tatsächlichen Bedürfnisse des Volkes sind. Ein Beispiel: Ich habe selber als Jung-Imker intuitiv Propolis von allen Beutenteilen abgekratzt, um menschliche „Ordnung“ und „Sauberkeit“ zu schaffen. Ich meinte es gut, raubte meinen Bienen dabei aber eine ihrer wertvollsten und am mühsamsten gesammelten Substanzen. Die Bienen verteilen das Propolis in ihrer Behausung aus gutem Grund und genau ihren Bienenbedürfnissen entsprechend – der eingreifende Imker stört hier also die Vorkehrungen des Volkes. Ich gestehe jetzt den Bienen etwas „Unordnung“ zu und denke das wäre sicher generell gut. Einen weiteren, großen Einfluss übt die ganze Imkerschaft durch die Bienenwirtschaft aus. Honigbienen bilden Populationen wie alle anderen Organismen auch. Populationen sind die Basis einer genetischen Anpassung an regionale Gegebenheiten. Durch kommerziellen Versand von Königinnen oder ganzer Völker werden Populationen und Genpools wild gemischt, was lokale Anpassungen der Völker verwässert oder auslöscht. Ursprünglich hatten wir in Mitteleuropa die seit Jahrtausenden angepasste Dunkle Biene, die heute verdrängt wurde durch eine Mischung der Rassen aus Kärnten, Italien, dem Kaukasus, Anatolien und anderen Orten. Mal im Ernst: Wie können wir von einer Biene aus Sizilien erwarten, optimal mit Klima und Tracht in Norddeutschland oder im Bayerischen Wald klarzukommen?

Die Globalisierung und Vereinheitlichung der Bienenpolulation wird ja durch künstliche Zucht noch beschleunigt – dabei will man durch Zucht die Bienenvölker ja eigentlich verbessern?

Dr. Neumann: Der Züchter kann bei seiner Auswahl nur Faktoren berücksichtigen, die er selbst wahrnehmen kann. Meist ist die Auswahl sogar auf sehr wenige Eigenschaften wie Honigleistung, Sanftmut etc. beschränkt. Indem der Imker dem Volk dann die aus seiner Sicht beste Königin vorgibt, kann er das Volk schwächen – denn die Ansprüche an die beste Königin am gegebenem Standort und in gegebener Situation kennt nur das Bienenvolk selbst.

Man kann also sagen, dass die Bienen durch eine Haltungsform gestärkt werden, in der sie selbst über ihre Königin entscheiden können?

Dr. Neumann: Ja, unbedingt. Wir kennen alle aus den Lehrbüchern die zeitliche Karriere, die jede Arbeiterin durchläuft, von der Ammen- bis zur Sammelbiene. Was dabei unberücksichtigt bleibt ist die Tatsache, dass die einzelnen Bienen unterschiedlich für die jeweiligen Aufgaben talentiert sind, was in ihrer jeweiligen Genetik festgelegt ist. Es ist also nicht jede weibliche Biene für jeden Job gleich gut geeignet, auch wenn sie alle Aufgaben mal erledigen muss. Besonders wichtig wird es bei der Königin, denn ihre Leistung entscheidet am Ende über das Wohl und Wehe des ganzen Volkes. Es gibt Hinweise, dass manche Larven vom Volk mit viel größerer Wahrscheinlichkeit zur Königin herangezogen werden als andere. Die Entscheidungsprozesse des Volks entziehen sich dabei völlig der menschlichen Wahrnehmung. Der Imker hat also nur sehr geringe Chancen, mit seiner Umlarvnadel eine auch nur annähernd so gute Auswahl zu treffen wie das Volk, insbesondere da Larven mit seltener Gentik häufiger von den Bienen zu zukünftigen Königinnen erkoren werden. Nutzt man in der Bienenhaltung Naturzellen, dann nutzt man auch die Entscheidung des Volkes anstatt dagegen zu arbeiten.

Sie hatten auch Pflanzenschutzmittel (PSM) als Stressor für Bienen genannt.

Dr. Neumann: Man muss sich ja nur einmal das Wort ansehen: Insekt-izide. Nomen est Omen. Das sind Substanzen, die dazu gemacht sind, Insekten zu töten. Es ist naiv zu glauben, dass diese Substanzen vom Menschen als schädlich betrachtete Insekten zuverlässig beseitigen und gleichzeitig für die Insektengruppen völlig harmlos seien, die der Mensch als nützlich betrachtet. Besonders grotesk wird dieses Wunschdenken, wenn sowohl Schädlinge als auch Nützlinge zur selben Insektengruppe gehören. Die zentrale Rolle spielen die Zulassungsverfahren, die vor einer Vermarktung von Pflanzenschutzmitteln (PSM) stattfinden. Diese Prüfungen erlauben keine zuverlässigen Aussagen, und zwar sowohl wegen des Fokus auf Sterblichkeit als auch wegen der Beschränkung auf wenige Insekten. Für wilde Bienen ist die Fitness der Schlüssel, also die Anzahl überlebender Nachkommen, und nicht die Sterblichkeit, was leider immer noch nicht berücksichtigt wird. Darüber hinaus sollen Honigbiene, eine Hummelart und eine Solitärbienenart die Lebensstile und Empflindlichkeiten von hunderten Bienenarten abbilden. Wegen des schieren – zugegeben großen – Aufwands, der dabei getrieben wird, denken viele, die Unbedenklichkeit von PSM sei wissenschaftlich bestätigt.

Es wird auch immer wieder argumentiert, Insektizide seien bei fachgerechter Dosierung kein Problem für Bienen sondern allein die Varroamilbe.

Dr. Neumann: Auf Honigbienen und alle Insekten wirkt gleichzeitig eine Vielzahl verschiedener Faktoren ein, die sich im Zweifelsfall gegenseitig sogar verstärken können. Wenn wir Menschen erschöpft und unterernährt sind, dann sind wir sehr viel anfälliger für Parasiten und Krankheitserreger. Genauso ist es auch bei den Bienen. Was quasi noch gar nicht wirklich gut untersucht ist, sind die sogenannten nicht-tödlichen Effekte. In den Zulassungsverfahren liegt der größte Augenmerk auf der Tödlichkeit der Insektizide. Aber diese sind ja nicht völlig harmlos bis zur Dosis X und werden dann schlagartig tödlich – vielmehr steigern sich schädigende Effekte langsam bis zur Letalität. Es wurde zum Beispiel gezeigt, dass durch manche PSM die Futtersaftdrüsen der Ammenbienen leiden, was natürlich Einflüsse auf die Aufzucht der Larven und damit für die Verfassung des ganzen Volkes hat. Es wurde ebenfalls gezeigt, dass ein PSM sogar die Lebensdauer einer einzelnen Biene verlängern kann. Das kann ironischerweise fast schon als positiv ausgelegt werden, ist es aber ganz sicher nicht: denn die Bienen leben vermutlich länger, weil sie ihre anderen Funktionen weniger effizient ausüben. Statt fleißig zu sein und ihre ganze Lebensarbeitskraft für die Vermehrung zu nutzen, investieren sie in das notwendige Übel Engiftung, wodurch die Fitness degradiert wird. Das, gepaart mit einer einseitigen und auch mangelnden Pollenernährung und anderen Faktoren macht dann vermutlich bei Honigbienen der Varroamilbe ein leichteres Spiel. Hier kommt dann wieder Faktor Nummer 1 ins Spiel: der Imker. Durch die Varroabehandlung hilft er dem Volk zwar für den Moment, der Art Apis mellifera nimmt er dadurch aber die Möglichkeit, durch natürliche Selektion an die Milbe angepasst zu werden. Es muss hier ganz klar gesagt werden, dass eine Behandlung der Varroamilbe momentan absolut notwendig ist. Es besteht aber ebenfalls ein klarer Bedarf, die natürliche Selektion in Zukunft besser zu nutzen, um nachhaltige Lösungen für unsere Honigbienen und die Imkerei zu bekommen.

Die Varroadiskussion erweckt manchmal den Eindruck, als drehen sich alle Probleme in unserer Umgebung um die Honigbiene, weil Varroa als Parasit ja auf diese spezialisiert ist. Aber es gibt ja auch noch Wildbienen, Schmetterlinge und viele weitere Insektengruppen. Inwieweit treffen die Gesundheitsgefahren auch auf wildlebende Insekten zu?

Dr. Neumann: Mit Ausnahme von Varroa treffen all die Stressoren die Wildbienen sogar noch deutlich härter als die Honigbiene. Bei den Honigbienen geht es um das Volk und dessen Kern, die Königin. Die Arbeiterinnen um die Königin herum dienen als gewaltiger Puffer, der alles tut, die negativen Umwelteinflüsse von Kälte bis zu Insektiziden von der Königin fernzuhalten. Wenn eine einzelne Arbeiterin wegen Vergiftung stirbt, kann die Königin weiter für Nachwuchs sorgen und das Volk weiter existieren. Wenn eine solitäre Wildbienenmutter aufgrund der vielen, direkt auf sie selbst einwirkenden Faktoren stirbt, fallen sie und ihr gesamter Nachwuchs für jetzt und die Zukunft komplett aus. Wenn wir also bei den gutgepufferten und wohlbehüteten Honigbienen schon negative Effekte sehen, dann geschieht bei den Wildbienen bereits eine Katastrophe – ein stilles Sterben. Und so geht es auch den vielen anderen Insektengruppen.

Trägt denn die Honigbiene selbst zu den Problemen der Wildbienen bei? Man liest von Krankheitsübertragung und Nahrungskonkurrenz …

Dr. Neumann: Die Übertragung von Krankheiten geschwächter Honigbienen auf Wildbienen, z.B. durch Besuch derselben Blüten, wird in der Tat diskutiert. Die Nachweise der Krankheitserreger finden aber meist durch eine Polymerase-Kettenreaktion statt. Dieses Testverfahren ist sehr empfindlich, weist aber nur das Vorhandensein eines Erregers nach und nicht, ob das getestete Individuum tatsächlich erkrankt ist. Dieser sture Nachweis von Erregern reicht also nicht aus. Man sollte Effekte nachweisen, also konkrekt ob Wildbienen überhaupt erkranken und sich deshalb tatsächlich weniger vermehren. Aber grundsätzlich ist es natürlich in absolut verarmten Landschaften für wilde Insektenpopulationen nicht zuträglich, wenn Honigbienenvölker in zu großer Zahl aufgestellt werden, wie das in manchen Regionen auch durch die Trachtwanderungen der Imker erfolgt. Wenn man aber mit Augenmaß verantwortungsvoll gepflegte Bienenvölker in geringer Dichte in der Landschaft aufstellt, dann harmoniert alles. Denn schließlich ist die Honigbiene ein heimisches Insekt und Wildbienen etc. sind an ihre Gegenwart angepasst. Vielmehr besetzen ja alle Insekten unterschiedliche Nischen. Die Honigbiene ist spezialisiert auf Massenangebote, die meisten anderen Insekten sind entweder flexible Generalisten oder auf einzelne Pflanzen spezialisiert, die dann aber selten Massentrachten ausbilden. Das grundlegende Problem für wildlebende Insekten sind nicht Honigbienen, sondern vielmehr kämpfen Honigbienen und wildlebende Insekten mit denselben Problemen. Wenn wir über Nahrungskonkurrenz sprechen, dann ist doch das Problem nicht die Insektenvielfalt sondern der Mangel an Nahrung. Diese ganzen Grabenkämpfe zwischen Bienenhaltung und Naturschutz sind bizarr und lenken Energie in die völlig falsche Richtung. Hier muss das Kriegsbeil umgehend begraben werden, um mit vereinter Kraft die Probleme aller Insekten an der Wurzel zu packen.

Nahrungsmangel betrifft neben den bereits diskutierten Faktoren ebenfalls Honig- und Wildbienen gleichermaßen. Kann man damit automatisch die ausgeräumte, blütenarme Landschaft als Problem identifizieren?

Dr. Neumann: Absolut. Jede Wildbiene braucht ihre Nahrungspflanzen und auch die Honigbiene braucht eine abwechslungsreiche Pollennahrung für starke Brut und ausdauernde Winterbienen. Mit wenigen Massentrachten bekommen Sie ein Bienenvolk zwar satt, aber ausgewogen ernährt ist es deshalb noch lange nicht. Wenn wir als Menschen täglich Fast Food essen sind wir auch satt – aber gesund ernährt? Wir sehen, dass selbst Bienenvölker direkt vor einem sehr üppigen Blütenangebot wie z.B. einem großen Rapsfeld, weite Wege auf sich nehmen, um mindestens vier Pollensorten gleichzeitig ins Volk zu bringen. Bei unterschiedlichen Stressoren auf ein Volk, z.B. einer Krankheit, ändert ein Volk auch sein Sammelverhalten und fliegt auf andere Pflanzen. Man kann also durchaus sagen, dass die Bienen dann in die Apotheke der Natur fliegen. Wir haben überhaupt keine Ahnung, welche Pflanzen die Bienen im Einzelfall brauchen. Also müssen wir sicherstellen, dass in der Landschaft eine große Pflanzenvielfalt wächst und blüht – damit für alle Fälle etwas dabei ist. Wenn wir das in der Landschaft hinbekommen, lösen sich schon einige Probleme vieler Insekten – inklusive der unproduktiven Diskussion „Honigbienen vs. Wildbienen“. Unser Motto von Imkern und Naturschützern muss also heißen: „Getrennt fliegen – gemeinsam stechen“.

Für wildlebende Insekten ist die Pflanzenvielfalt in einer wohl strukturierten Landschaft essenziell, es scheint also auch für die Honigbiene ein wichtiger Faktor zu sein, was uns zurück zur Imkerei bringt. Kann also eine abwechslungsreiche Pollennahrung Probleme in der Imkerei lösen?

Dr. Neumann: Für sich allein bestimmt nicht, aber es ist eine wichtige Grundvoraussetzung. Zum Beispiel ist für ein Bienenvolk die Erbrütung der Winterbienen im Spätsommer eine kritische Phase für das ganze Volk. Hier addieren sich Kleinigkeiten schnell zu einer Entscheidung, ob das Volk den Winter übersteht oder nicht. Geschwächte Winterbienen, die sich mangels passender Pollennahrung kein ausreichendes Fett bzw. Eiweißpolster anfressen können, überstehen den Winter nicht so gut und haben dann Probleme, im Frühjahr die letzten Kräfte für die Aufzucht der ersten Jungbienen aufzubringen. Eine Versorgungslücke zu so einem kritischen Zeitpunkt zieht also Konsequenzen bis weit ins das folgende Jahr nach sich. Das betrifft auch die imkerliche Praxis: Honig ist, was er ist, weil die Bienen ihn brauchen. Wenn man nun den Honig aus der letzten Zelle schleudert und durch Zucker ersetzt, fehlt den Bienen was. Da sollte man lieber den Bienen auch für den Winter mehr eigenen Honig belassen und dafür zehn von zehn Völkern auswintern.

Sie sind durch Ihre Forschung viel in der Welt herumgekommen und haben die Bienenhaltung in vielen Kulturen kennengelernt, z.B. auf dem Balkan, in Südafrika, China, Australien und zuletzt in Chiang Mai in Thailand. Wie haben Sie die Imker dort erlebt?

Dr. Neumann: Ich schätze diese internationalen Impressionen immer sehr. Es gibt sehr viele Unterschiede zwischen der Honig-Imkerei in Schweizer Hinterbehandlungskästen, der industriellen Bestäubungsimkerei in den USA und z.B. der Imkerei in China, in der das Gelée Royale das begehrteste Bienenprodukt ist. Ich habe aber auch immer eine Gemeinsamkeit entdeckt: die Liebe zu den Bienen! Mein Appell an alle Imker lautet: Macht es den Bienen bei Eurer Haltung leichter, denkt wie eine Biene!

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Dr. Matthias Wucherer, Leiter des Netzwerk Blühende Landschaft

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 40 • Frühjahr/Sommer 2021

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