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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

»Biene Mensch Natur« Blog

Bienen faszinieren Kinder und Jugendliche. Foto: Jonas Ewert / Mellifera e. V.

Interview: "In der Natur spielen Kinder länger, lieber und weniger allein"

Professor Dr. Ulrich Gebhard arbeitete als Seniorprofessor an der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Bedeutung von Natur für die psychische Entwicklung, Natur und Gesundheit sowie Deutungsmuster und Werthaltungen von Kindern gegenüber der Natur. Er wird einer der Gastredner bei der Tagung „Bienen machen Schule“ sein, die vom 30. September bis 1. Oktober 2022 in Rosenfeld-Leidringen stattfindet.

Professor Dr. Ulrich Gebhard.Foto: Privat Welche Bedeutung haben Natur und Naturerfahrungen für die Entwicklung von Kindern?

Professor Dr. Ulrich Gebhard: Studien zur Kleinkindentwicklung zeigen, wie wichtig eine vielfältige Umgebung ist. Neben dem Einfluss auf die Gehirnentwicklung trägt eine reizvielfältige Umwelt dazu bei, Entwicklungsschritte anzuregen und zu fördern. Es ist so, dass eine reizarme und auch eine reizhomogene Umwelt sich in mehrfacher Weise negativ auswirken. Das Optimum liegt zwischen homogenen, immer gleichen, vertrauten Reizen einerseits und sehr neuen und fremdartigen Reizen andererseits. Eine naturnahe Umgebung, in der sowohl relative Kontinuität als auch ständiger Wandel besteht, ist ein sehr gutes Beispiel für eine derartige Reizumwelt, die eine Mittelstellung zwischen neu und vertraut einnimmt. Eine solche „reizvolle“ Umgebung lädt ein zur Erkundung, weil sie neu und interessant und eben zugleich vertraut ist.

Welchen Einfluss haben Naturerfahrungen auf die Entwicklung geistig-kognitiver und sozialer Fähigkeiten?

Gebhard: Naturerfahrungen wirken sich zum Beispiel positiv auf die Konzentrationsfähigkeit aus. Waldspaziergänge sind in dieser Hinsicht mehrfach untersucht worden. Auch aus Waldkindergärten kommen diesbezügliche Berichte. Zudem zeigt sich, dass das Kinderspiel in Naturerfahrungsräumen komplexer, kreativer und selbstbestimmter ist. In Naturerfahrungsräumen spielen Kinder länger, lieber und weniger allein. Insofern ist der soziale Aspekt, den Sie ansprechen, auch sehr wichtig.

Gibt es Erkenntnisse über gesundheitliche Auswirkungen von Naturerfahrungen?

Naturräume mit Wiesen, Feldern, Bäumen und Wäldern haben eine belebende Wirkung bzw. bewirken eine Erholung von geistiger Müdigkeit und Stress. Der Zusammenhang von Naturerfahrungen und Gesundheit ist inzwischen durch eine fast unübersehbare Vielfalt von empirischen Untersuchungen gut belegt. Er wird häufig mit evolutionären Annahmen in Verbindung gebracht, wonach eine Bevorzugung von naturnahen Umwelten und vor allem entsprechende Wirkungen von Natur auf die seelische und körperliche Befindlichkeit mit biologisch fundierten Dispositionen zusammenhänge. Das ist die so genannte Biophilie-Hypothese. Nach psychologischen Theorien wirken sich Naturerfahrungen u.a. deshalb günstig auf die Gesundheit aus, weil sie einen Abstand zum Alltagsleben bzw. Alltagstrott ermöglichen und weil Naturerfahrungen verbrauchte Aufmerksamkeitskapazität wiederherstellen kann.

Wenn Eltern die Naturerfahrungen ihrer Kinder fördern möchten, was raten Sie ihnen?

Vor allem gilt: Positive Wirkungen von Naturerfahrungen entfalten sich nicht so ohne weiteres, wenn Natur verordnet wird, wenn allzu umstandslos Naturorte zu Lernorten gemacht werden. Naturnähe ist oft schon da, sie braucht mehr das Interesse der Erwachsenen und die großzügige Gewährung als die allzu pädagogische Geste.

Sie sprechen in Ihrer Lehre von „guten Orten der Naturerfahrung“. Können Sie bitte erläutern was damit gemeint ist?

Ich spreche eher davon, dass Orte in der Natur auch „Gute Orte“ sein können. Dabei beziehe ich mich auf das philosophische Konzept des „Guten Lebens“, wobei ich davon ausgehe, dass ein gutes Leben auch gute Orte braucht. Solche „Guten Orte“ in der Natur haben dann auch etwas damit zu tun, dass Natur nicht nur ein Erfahrungsraum, sondern auch eine Sinninstanz ist. Ob eine Naturumgebung ein guter Ort sein kann, ist vor allem eine Sache der subjektiven, symbolischen Bedeutungszuweisung und weniger eine Sache objektiver Attribute von Natur. Die damit verbundene kulturelle Prägung unserer Naturerfahrungen wird z. B. im Konzept der therapeutischen Landschaften hervorgehoben.

Bei Kindern sind oft Bäume und Wasser beliebt. Dabei reichen auch ungenutzte städtische Flächen wie Baustellen, Hinterhöfe, Bahndämme und Ruinen. Wesentlich für sie ist nur, dass sie frei in ihrer Interpretation der Umwelt bleiben. Erst relative Freizügigkeit ermöglicht es, sich die Natur wahrhaft anzueignen. Es ereignet sich die Wirkung von Natur nämlich nebenbei. Der Naturraum wird als bedeutsam erlebt, in dem man eigene Bedürfnisse erfüllen, in dem man eigene Fantasien und Träume schweifen lassen kann und der auf diese Weise eine persönliche Bedeutung bekommt.

Welchen Stellenwert nehmen Naturerfahrungen im Kontext von Nachhaltigkeit, enkeltauglicher Zukunft und Klimaschutz ein?

Viele empirische Studien zeigen eine Verbindung von Naturerlebnissen und umweltpfleglichen Einstellungen. Es zeigt sich, dass Naturerfahrungen in der Kindheit einer der wichtigsten Anregungsfaktoren für späteres Engagement für Umwelt- und Naturschutz sind. Unser Gefühl für die Natur wird eher von positiven Erlebnissen und von Intuitionen als von rationalen Argumenten geprägt. Ich gehe davon aus, dass Naturerlebnisse vor allem und primär die Intuition beeinflussen und erst im zweiten Schritt bzw. nachträglich und nicht notwendig die Reflexion. Allerdings ist das für mich nicht der zentrale Punkt. Im Gegenteil: Mir geht es eher darum, dass Naturerfahrungen einfach gut tun und nicht darum, die Kinder damit zu moralisieren.

Das Motto der kommenden Tagung „Bienen machen Schule“ lautet „Fokussiert und fasziniert durch die Biene“. Wo sehen Sie Potentiale einer tiergestützten Pädagogik mit Hilfe der Biene?

Ein klassisches Tier für die tiergestützte Pädagogik ist die Biene natürlich nicht. Das sind eher Säugetiere, die durch ihr Fell, durch die Wärme und v. a. durch ihr Sozialverhalten grundlegende kommunikative und affektive Bedürfnisse von Kindern ansprechen und auch zu entwickeln in der Lage sind. Seit geraumer Zeit gibt es aber auch erfolgreiche Versuche mit Nutztieren. Möglicherweise könnte man in diesem Kontext auch den Umgang mit Bienen betrachten. Ich denke aber, da sind noch viele Fragen offen, die vertiefter Forschungen bedürfen. Ich bin auf diesem Gebiet kein Experte, könnte mir aber folgende Potentiale denken: Faszination, Umgang mit Fremdem, Umgang mit Angst und Irritation, motivationale Entwicklung, Nachhaltigkeits- und Biodiversitätsbewusstsein.

Das Interview führte Jonas Ewert, Initiative Bienen machen Schule

Die Tagung “Bienen machen Schule”

Das gesamte Programm und alle Informationen rund um die Tagung “Bienen machen Schule”, die vom 30. September bis 1. Oktober 2022 in Rosenfeld-Leidringen stattfindet, gibt es auf www.bienen-schule.de/tagung

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 42 • Frühjahr/Sommer 2022

Cover 0 Download (pdf, 5,6 MB)

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