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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

»Biene Mensch Natur« Blog

Flugfront eines der Hochstände der Imkerei Fischermühle in den Jahren 1986-1994. Der Laufsteg für den Imker auf der Rückseite ist kaum sichtbar. Das Dach war klappbar.

Kriterien der Wohnungssuche bei Schwärmen

Bienen möblieren und tapezieren ihre Wohnung selbst, sie heizen, lüften und bewachen die Haustür. Sie nutzen ein Systemmöbel mit sechseckigen Fächern, in denen sie ihre Brut aufziehen, sowie Honig und Pollen lagern. Sie sind dabei außerordentlich anpassungsfähig. Wenn sie aber eine Auswahl haben, werden deutliche Vorlieben festgestellt.

Aus der Serie: „Die Bienenwohnung“, Teil 2

Markus Bärmann erntet gleich zwei Bienenschwärme auf einmal. Die Wohnungssuche ist fester Bestandteil des Schwarmgeschehens, der einzigen von Mutter Natur vorgesehenen Methode der Geburt neuer Bienenvölker. Die Wahl einer angemessenen Unterkunft hängt entscheidend vom Beurteilungsvermögen und der Beharrlichkeit einer kleinen Gruppe Kundschafterinnen ab. Die Völker schwärmen im späten Frühjahr. An einem Ast oder anderen geeigneten Platz sammelt sich der Schwarm als dichte Traube um seine Königin. Bald schon fliegen ein paar hundert Kundschafterinnen (etwa 5 Prozent aller dort hängenden Bienen) in alle Himmelsrichtungen aus, um das Gelände abzusuchen. Dabei entfernen sie sich bis zu 10 Kilometer vom Ausgangsort. Bei den Kundschafterinnen handelt es sich um die ältesten Bienen des Schwarms, also um jene, die bereits für den ehemaligen Heimatstock Nahrung gesammelt haben und daher mit dessen Umgebung vertraut sind.

Professor Thomas D. Seeley von der Cornell University (New York) hat sich als Sozio-Biologe jahrlang mit den Vorlieben der Honigbienen bei der Wohnungssuche beschäftigt. Zunächst untersuchte er 21 Nistplätze in hohlen Bäumen, die von frei siedelnden Bienenschwärmen genutzt wurden. Dabei wurde Höhe und Öffnung des Flugloches sowie Form und Rauminhalt der Höhle verglichen. Das Volumen eines typischen Nestes betrug etwa 45 Liter. Daraufhin fertigte Seeley künstliche Behausungen um die Vorlieben der Bienen zu ermitteln. So wurden zum Beispiel mehrere, nur im Volumen verschiedene Kästen an einem Ort beieinander aufgestellt. Oder es wurden die gleichen Kästen an einem Ort in verschiedener Höhe angebracht. Vier Jahre nacheinander wurde etwa die Hälfte der insgesamt 276 Kästen in den Wäldern von Ithaca besiedelt. Das war vor 1980, also vor der Ausbreitung der Varroa Milbe, als es noch eine große Zahl frei lebender Bienenvölker in diesen Wäldern gab. Was Seeley dabei herausfand, ist in der Tabelle zusammengefasst.

Eigenschaft Wahl
Höhe des Flugloches über dem Boden über zwei Meter
Öffnung des Flugloches unter 50 cm²
Position des Flugloches am Boden des Hohlraumes
Richtung des Flugloches nach Süden
Rauminhalt der Behausung zwischen 10 und 100 Liter
Waben vorhandene Waben sind positiv

Als die Untersuchungen 1982 veröffentlicht wurden, haben sie uns in der Lehr- und Versuchsimkerei Fischermühle veranlasst Bienen auf Hochständen zu halten. Christian Rex hatte damit am Bodensee begonnen. In der Nähe der Fischermühle wurden auf drei unserer Bienenstände abenteuerliche Konstruktionen errichtet, die jeweils acht Völkern und einem schwindelfreien Imker Platz boten. Wir haben damals keine Unterschiede bei der Volksentwicklung oder dem Verhalten der Völker beobachtet. Allerdings hatten wir damals noch große Probleme bei der Behandlung der Varroa Milbe, die möglicherweise feinere Auswirkungen überdeckt haben. Wegen des hohen Aufwandes haben wir die Hochstände abgebaut, als nach einigen Jahren deren Pfosten in der Erde zu faulen begannen. Wir haben dies getan, obwohl dem gesunden Menschenverstand leicht nachvollziehbar ist, dass „Bienen keine Schnecken sind“, wie Maria Thun dieses Thema auf den Punkt brachte. Die moderne Aufstellung von Bienenwohnungen erfolgt wenige Zentimeter über der Erde. Das Klima dort, die Ausdünstungen der Erde sind nicht das, was unsere „Sonnenvögelein“ suchen.

Betreuung von Bienen vor ca. 10.000 Jahren. Höhlenzeichnung in Spanien. Wenn Hohlräume von Bienen genutzt und verlassen wurden, sind diese besonders interessant für Schwärme. Sie sind mit Wabenwerk ausgestattet und die Innenwände mit Propolis überzogen. Die Bienen haben keine Scheu auch alte Waben zu nutzen und besiedeln solche Wohnungen gerne. In der deutschen Bienenseuchenverordnung ist es allerdings verboten leere, schon genutzte Bienenwohnungen mit offenem Flugloch stehen zu lassen. Es soll damit verhindert werden, dass sich Krankheitserreger von abgestorbenen Völkern verbreiten. Insbesondere der bösartigen Faulbrut soll kein Vorschub geleistet werden.

Eigenschaften, welche die Kundschafterinnen nicht interessierten, waren die Form des Flugloches, die Gestalt des Innenraumes, Zugluft und Feuchtigkeit darin, sowie die Entfernung vom Muttervolk. Wind durchlässige Ritzen können die Bienen leicht mit Propolis (Kittharz) schließen und Feuchtigkeit durch Ventilieren austrocknen. Beides wurde in speziellen Versuchsanordnungen überprüft.

Um herauszufinden wie die Bienen die Hohlräume inspizieren, verlegte Seeley seine Forschung auf Appledore Island (Maine), eine kleine Insel ohne Bäume, d.h. ohne natürliche Nistmöglichkeiten. Er baute eine Hütte, von der aus er über rote Scheiben das Verhalten der Kundschafterinnen in verschiedenen künstlichen Hohlräumen beobachten konnte. Die Kundschafterinnen von Schwärmen wurden mit Farbpunkten und Zahlencodes markiert. Zu Beginn der Erkundung läuft die Biene hauptsächlich den Bereich um das Flugloch ab, während sie später tiefer in den Raum eindringt. Dabei läuft sie fünfzig und mehr Meter Strecke auf sämtlichen Innenwänden ab. Zwischendurch fliegt sie nur sehr kurze Strecken im Innenraum. Sie erfasst das Volumen über Ihre „Geharbeit“, nicht durch den Sehsinn. Insgesamt benötigt eine Kundschafterin etwa 40 Minuten für die Inspektion, wobei zahlreiche Stippvisiten ins Innere mit kurzen Aufenthalten im Freien abwechseln.

Besonders Imker, die nach einer wesensgemäßen Bienenhaltung streben, wünschen sich die Möglichkeit abgegangene Schwärme leichter finden zu können. Sei es am Anlegeplatz, von dem aus der Nistplatz gesucht wird, oder eben im Nistplatz selber. Dabei wird immer wieder auf traditionelles Wissen verwiesen, nach dem Bienen (ebenso wie Katzen) Kreuzungen von Wasseradern suchen. Das zu überprüfen hat uns an der Fischermühle natürlich auch sehr interessiert. Dazu mehr in der nächsten Ausgabe von „Biene Mensch Natur“.

Thomas Radetzki

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 14 • Frühjahr/Sommer 2008

Cover 0 Download (pdf, 1,9 MB)

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