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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

»Biene Mensch Natur« Blog

Eine Arbeiterin reicht Nektar oder Honigtau an ihre Schwester weiter. Foto: Betta Poggi / Shutterstock

Leben in Liebe, Fülle und Vertrauen

Ob in der Familie oder der Gesellschaft: Von den Bienen können wir im Kleinen wie im Großen lernen.

Von den Bienen lernen – gerade im Blick auf unser menschliches Zusammensein? Das wird aus der naturwissenschaftlichen Perspektive immer argwöhnisch beobachtet. Wie soll der Organismus Bienenvolk, der von Instinkten, Trieben und Begierden gesteuert und bestimmt wird, ein Vorbild sein für das Gemeinschaftsleben von Menschen, die über ein Selbstbewusstsein und – in glücklichen Momenten – über Freiheit verfügen?

In der Ausgabe Nr. 37 unserer Zeitschrift Biene-Mensch-Natur haben Michael Slaby und ich angedeutet, dass Bienenvölker aus der Fülle, im Vertrauen und in Respekt sowie in Liebe leben. Diese Ausdrücke sind absichtlich so gewählt, weil sie auf Eigenschaften hinweisen, ohne die wir als Menschheit kaum überleben können. Wie zeigen sich diese Eigenschaften bei den Bienen?

Bei Hunger und auf Wohnungssuche
Leben im Gefühl der Fülle, heißt bedingungslos teilen. Diese Fähigkeit können Imker immer mal wieder erleben, wenn Völker verhungern. Es ist ein kollektives Sterben – keine Biene hortet irgendwo einen letzten Tropfen Honig, um den toten Stock zu verlassen. Die Wahl einer neuen Behausung wird vom Bienenschwarm in einem offenen, transparenten Prozess getroffen. Er ist geprägt von einem gegenseitigen Respekt der Entscheidungsfindung. Die Meinung jeder einzelnen Spurbiene zählt, damit wird garantiert, dass die bestmögliche Behausung tatsächlich ausgewählt wird.Im Volk weiß jede einzelne Biene, was sie zu tun hat. Keine kontrolliert die Arbeit ihrer Schwestern, sondern hat das Vertrauen, dass sie ihre Tätigkeiten zum Wohl des ganzen Volkes perfekt ausführen.

Hoch aktuelle Begriffe
In der französischen Revolution wurden Fülle mit Brüderlichkeit, Respekt mit Gleichheit und Vertrauen mit Freiheit bezeichnet. Diese Ausdrücke sind immer noch hoch aktuell. Brüderlichkeit kann man heute gleichsetzen mit dem Gemeinwohl, das die Sicherstellung der materiellen Existenz aller höher stellt als die Maximierung des Glücks des Einzelnen. Angesichts der Schere zwischen vielen Armen und wenigen Reichen ist Brüderlichkeit der einzige Ausweg aus drohenden Konflikten und die einzige Antwort auf die großen Flüchtlingsströme vom Süden nach Norden.

Wir erleben im Kleinen, was gegenseitiger Respekt, Liebe und Wertschätzung für die Qualität in einer Gemeinschaft im Beruf, im Freundeskreis oder in der Familie bedeuten. Im Großen erleben wir, was umgekehrt die Vorenthaltung von Informationen, Lobbyismus und geheimen Entscheidungen, also fehlender Respekt vor dem Urteilsvermögen der Bürgerinnen und Bürger im Sozialen anrichten kann, sei es in der Agrarpolitik oder aktuell in der Coronakrise.

Vertrauen schenken
Und schließlich wissen wir alle im Kleinen, welche Potenziale durch Vertrauen freigelegt werden. Wie anders klingt es, wenn jemand zu mir sagt: „Ich traue Dir etwas zu.“ Als zu sagen: „Ich traue Dir nicht, deshalb werde ich kontrollieren, was Du getan hast.“ Wir entwickeln ungeahnte Fähigkeiten, wenn wir mit Aufmunterung, aber ohne Kontrolle an eine Sache herangehen können. Im Großen ist es nicht anders.

Fülle, Respekt, Liebe und Vertrauen zeigen Bienenvölker in jeder Situation zu jeder Zeit. Was in ihrer Natur liegt, werden wir uns in Zukunft immer mehr erwerben müssen.

Dr. Johannes Wirz, Biologe und Mellifera-Vorstand

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 38 • Frühjahr/Sommer 2020

Cover 0 Download (pdf, 14,1 MB)

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