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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

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Sind Hummeln gefährdeter als Honigbienen?

Interview mit der Hummelexpertin Dr. Anja Weidenmüller

Dr. Anja Weidenmüller erforscht an der Uni Konstanz das Leben der Hummeln.Foto: privat Dr. Anja Weidenmüller studierte Biologie. Ihre Diplomarbeit schrieb sie bei Prof. Thomas D. Seeley in den USA. Anschließend promovierte sie bei Prof. Jürgen Tautz in Würzburg. Seit acht Jahren ist sie an der Universität Konstanz beschäftigt. Ihr Forschungsschwerpunkt sind die sozialen Insekten, hier haben es ihr besonders die Hummeln angetan.

Liebe Frau Weidenmüller, wie entstand Ihr Interesse an der Hummelwelt und an was forschen Sie aktuell?

Meine Interesse an der Hummelwelt entstand durch meine erste große wissenschaftliche Liebe – die Honigbiene. Da man während der Wintermonate wenig Verhaltensuntersuchungen an Honigbienen machen kann, begann ich während meiner Doktorarbeit diese Monate den Hummeln zu widmen. Die kann man nämlich auch im Winter im Labor halten.
Ich betreibe hauptsächlich Grundlagenforschung und beschäftige mich mit dem sozialen Gefüge im Hummelvolk, beispielsweise wie es kommt, dass jede Arbeiterin genau weiß, was wann zu tun ist. Außerdem gehe ich aktuell der Frage nach, wie es eine Kolonie schafft, die Bruttemperatur auf konstant 32°C zu halten. Die Erforschung der Welt der Hummeln steht noch relativ am Anfang im Gegensatz zur Honigbienenforschung.

Eines der größten Probleme, wenn man sich mit Hummeln befasst, scheint es zu sein, ihre Nester zu finden, welche sich an allerlei merkwürdigen Orten befinden. Wie gehen Sie vor?

Ein Hummelnest.Foto: W.Krasowski/shutterstock Ja, das stimmt. Da ich aber hauptsächlich Laborforschung mache, arbeite ich mit gezüchteten Völkern und muss keine suchen. Am besten findet man Hummelnester im Frühling, wenn die Königin auf Nestsuche ist. Das muss man einfach beobachten und kann das Nest später wiederfinden. Ansonsten ist es wie bei der Suche nach wildlebenden Honigbienenvölkern: einfach die Augen offen halten. Reger Hummelflugbetrieb könnte auf ein Nest hinweisen.

Honigbienen tanzen ihren berühmten Schwänzeltanz, um ihre Schwestern über Futterquellen zu informieren. Wie erfolgt die Kommunikation im Hummelnest?

Also, Hummeln sind keine Tänzerinnen. Es gibt ein bestimmtes Rekrutierungssignal, wenn eine Hummel eine gute Nahrungsstelle gefunden hat. Sie läuft dann sehr schnell im Nest umher, brummt und vibriert dabei. Die anderen Hummeln wissen dann, dass es irgendwo Futter gibt, aber wo genau wird nicht mitgeteilt. Sie müssen sich dann selbst auf die Suche begeben. Immerhin wissen sie, wie die Tracht riecht.

Hummeln unterscheiden sich von ihren Verwandten, den Honigbienen, auch dadurch, dass die Größe der Arbeiterinnen innerhalb einer Art enorm variiert. Woran liegt das?

Ja, das stimmt von Stubenfliegengröße bis Königingröße ist im Hummelnest alles dabei. Der Hauptgrund hierfür liegt in der Futterversorgung im Larvenstadium. Bei Hummeln sitzen die Larven ja nicht in einzelnen Zellen wie bei Honigbienen, sondern zehn bis zwölf Larven sitzen in einer Art Wachskugel zusammen. So bekommen manche Larven mehr Futter als andere ab und können mehr wachsen.

Obwohl Hummeln wechselwarme Tiere sind, können die Königinnen auch bei unter 0°C fliegen. Wie ist das möglich?

Nicht nur Königinnen können das, auch Arbeiterinnen. Hummelkönniginnen haben eine Art Frostschutzmittel im Blut, schließlich müssen sie ja auch irgendwie den Winter überstehen. Außerdem können die Tiere ihre Körpertemperatur durch Vibration der Flugmuskulatur auf über 40°C erhöhen. Sinkt ihre Körpertemperatur auf unter 30°C können sie nicht fliegen. Daher benötigen sie auch viel Energie in Form von Nektar.

Honigbienen leiden bekanntlich unter einem breiten Spektrum von Krankheiten. Wie sieht es mit Krankheiten bei Hummeln aus? Gibt es die Viren, Bakterien und Pilze auch im Hummelvolk?

Ja, auch im Hummelvolk gibt es die unterschiedlichsten Pathogene und Parasiten. Von den bei der Honigbiene bekannten Krankheiten finden sind bei Hummel besonders Nosema und der Flügeldeformationsvirus. Varroamilben überleben im Hummelvolk zwar nicht, Hummeln stecken sich aber möglicherweise an von Honigbienen besuchten Blüten mit dem Virus an.
Generell stehen wir bei der Erforschung von Hummelkrankheiten und den wechselnden Ansteckungsmöglichkeiten zwischen Honigbienen und Hummeln noch ziemlich am Anfang. Noch weniger wissen wir da bei den Solitärbienen.

Heutzutage werden kommerziell gezüchtete Hummeln gerne zur Bestäubung in Gewächshäusern eingesetzt. Warum eignen sie sich dafür besser als Honigbienen?

Eine Hummel bestäubt eine Tomate.Foto: ajcespedes Hummeln sind genügsamer als Honigbienen und können sich sehr gut an die Bedingungen im Gewächshaus anpassen. Den Honigbienen ist es oft zu warm, außerdem orientieren sie sich normalerweise ja an der Sonne bzw. dem Polarisationsmuster am Himmel, und fliegen so im Gewächshaus ständig gegen die Scheiben. Für bestimmte Blüten wie Tomaten und Erdbeeren sind Hummeln zudem die besseren Bestäuber.
Allerdings ist die kommerzielle Hummelzucht ziemlich aufwendig. Die Königinnen müssen einige Wochen im Kühlschrank gelagert werden, um den Winterschlaf zu imitieren. Ein gezüchtetes Hummelvolk lebt nur einige Wochen, der Landwirt hat also einen hohen Bedarf an Völkern und das kostet. In den kommerziellen Hummelvölkern finden sich immer wieder auch Pathogene und Parasiten. Da die Völker international verschickt werden, können so die heimischen Hummelpopulationen gefährdet werden.

Die konventionelle Landwirtschaft macht es nicht nur den Honigbienen schwer, sondern auch ihren wilden Verwandten. Leiden Hummeln & Co. noch mehr unter Spritzmitteln und Nahrungsmangel?

Honigbienen sind gute Indikatoren – was ihnen schadet, schadet mit großer Wahrscheinlichkeit auch ihren wildlebenden Verwandten. Unter Umständen sind Wildbienen sogar erheblich stärker betroffen: während ein Honigbienenvolk mit mehreren 10.000 Individuen zum Beispiel massive Einbrüche bei den Sammelbienen kompensieren und Mangelernährung durch einen großen Flugradius ausgleichen kann, hat ein Hummelvolk mit einigen Hundert Arbeiterinnen da weniger Puffermöglichkeiten und stirbt schneller.

Das Interview führte Sarah Bude.

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 34 • Frühjahr/Sommer 2018

Cover 0 Download (pdf, 3,7 MB)

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