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Foto: Werner Roller

Traditionelle Bienenhaltung in Ägypten

Bienenhaltung ist uralt. Die älteste, in Einzelheiten überlieferte Form finden wir in ihren Resten noch heute in Ägypten. In anderen Kulturen und zu noch früherer Zeit wurden frei siedelnde Bienenvölker von den so genannten „Honigjägern“ beerntet. In Ägypten jedoch wurden wohl schon 5.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung Bienenwohnungen gefertigt, besiedelt und betreut.

Aus der Serie: „Die Bienenwohnung“, Teil 5

Ein Wandrelief in einem Tempel in Abusir ist wohl die älteste Darstellung eines Imkers bei der Arbeit etwa 2.500 v. Chr. Foto: Ambruster, Archiv f. Bienenkunde In Pyramiden und Tempeln sieht man in verschiedenen Bilderfolgen die Bienenhaltung. Die Biene war zunächst Wahrzeichen des Pharao von Oberägypten (Nildelta). Seit der Vereinigung von Unter- und Oberägypten unter Menes (ca. 3.100 v. Chr.) zeigten die Hieroglyphen des Pharao die Biene zusammen mit dem Binsengras. Letzteres war bis dahin Symbol des Pharao von Unterägypten. Die Übersetzung des Throntitels „Nesut-biti“ lautet etwa: „Herrscher von Ägypten, der von der Binse, der von der Biene“. Die Binse weist darauf hin, dass er in die Geheimnisse des Lebens eingeweiht war. Die Biene repräsentierte entsprechend ihrer Aufgabe in der Natur die Gestaltungsmacht, die der Herrscher innehatte. Das Bewusstsein des Pharao erstreckte sich gleichermaßen auf die äußere und die geistige Welt. Nur daraus lassen sich die für uns heute unbegreiflichen Zeugnisse der hoch entwickelten Kultur verstehen. Auf diesem Hintergrund ist es besonders interessant, die ägyptische Bienenhaltung zu studieren.

Die heute nahezu ausgestorbene ägyptische Biene, Apis mellifera lamarckii, ist eine Urform, aus der sich die europäischen Bienenrassen entwickelt haben. Es ist eine kleine Biene, die nicht besonders stechlustig oder schwarmfreudig ist; wenn sie allerdings schwärmen will, pflegt sie bis zu 250 Königinnen-Brutzellen. Die Dauer der Verdeckelung der Arbeiterinnen-Brutzellen beträgt lediglich 19,4 Tage. Die Königin brütet ohne Unterbrechung das ganze Jahr über. Die Lamarckii-Biene ist auffällig schön: sie hat rötliche Hinterleibsringe, leuchtend weiße Filzbinden und eine glänzend leuchtende Spitze des Hinterleibes.

Ägyptische Bienenhaltung in Röhren aus Schilf und ungebranntem Nilschlamm.Foto: Werner Roller Die Fotos zeigen die traditionelle ägyptische Bienenhaltung in Tonröhren, wie sie über Jahrtausende unverändert praktiziert wurde. Anders als in unserem Klima, in dem das Bienenvolk seine Brut über weite Teile des Jahres wärmen muss, steht in Ägypten die Kühlung des Brutnestes im Vordergrund. Die Tonröhren wurden immer in Nord-Süd-Richtung aufgestellt. Die typischen Blöcke bestanden aus etwa 400 Röhren, in jeder Röhre lebte ein Bienenvolk. Eine Röhre ist 120-140 cm lang und hat einen Innendurchmesser von 17-22 cm. Die äußeren Röhren wurden nicht besetzt und dienten nur zum Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung.

Die Bienen errichteten in den Röhren einen sog. Warmbau (Waben quer zur Front), also viele runde Wabenscheiben hintereinander. Das Flugloch lag immer oben. Wie alle europäischen Honigbienen legt die Lamarckii ihr Brutnest nah am Flugloch an, den Honig lagert sie fluglochfern. So wurde der vordere Deckel der Röhre entfernt um das Brutnest zu kontrollieren oder das Volk zu teilen. Zur Honigernte oder auch zur Fütterung erfolgte die Bearbeitung von hinten. Mit Lehm wurden die Deckel wieder eingeklebt und verschlossen.

In der Schwarmzeit (Ende Februar bis März) ging der Imker früh morgens an den Bienenstand. Von hinten wurde – erzeugt in einer offenen Pfanne – kräftig Rauch gegeben. Anschließend ahmte der Imker ganz nah am Flugloch mit einem „kaak, kaaak, kaak“ den Ruf der Königinnen nach. Wenn er eine Antwort von frisch geschlüpften oder schlupfreifen Königinnen erhielt, nahm er einen Schwarm vorweg. Ein Papyrus mit dem Namen „Myth of the eye of Re“ aus der Zeit um 400 v. Chr. berichtet vom Rufen der Königinnen mit Hilfe einer Flöte aus Schilfrohr. Darauf scheint auch eine Stelle aus dem alten Testament (Jesaja 7.18) Bezug zu nehmen. Zur Vorwegnahme des Schwarmes wurden drei Brutwaben, an denen sich auch Königinnen-Brutzellen befanden, ausgeschnitten und in einer leeren Röhre mit Zweigen fixiert. Die Brut konnte sich weiter entwickeln und schlüpfen. Ebenso wurden einige Schalen mit Bienen und Jungköniginnen aus den Muttervölkern geschröpft und in eine neue Röhre gegeben. Eine der Königinnen setzte sich durch, flog zur Begattung und gründete ein neues Volk. Es hat mich gefreut, auf Berichte über diese Maßnahmen zu stoßen, weil die Schwarmvorwegnahmen nahezu identisch sind mit den Betriebsweisen, die wir in der Imkerei Fischermühle vor zwanzig Jahren entwickelt haben.

Darstellung ägyptischer Bienenhaltung im Sonnentempel Neuserre, Abu Ghorab, ca. 2.400 v. Chr. Links beginnend mit der Entnahme einer Honigwabe aus dem Bienenstock, anschließend die Honigverarbeitung.

Die Bienenvölker wurden zum Teil sogar gewandert. Teils wurden sie mit Eseln transportiert, teils wurden die Tonröhren auch auf Flöße gelegt und der Tracht folgend über Nacht auf dem Nil weiter gezogen.

Im Jahr 1964 wurden in Ägypten noch annähernd 90% der Bienenstöcke traditionell betreut. Dr. Eva Crane zählte 1978 während einer Autofahrt bei Assyut 14.800 Völker entlang der Landstraße auf einer Strecke von 70 Kilometern! Heute ist die traditionelle Bienenhaltung samt ihrer Biene weitestgehend verschwunden. Statt dessen wird dort die italienische Biene und die Carnica (Kärnten) in modernen Magazinbeuten gehalten.

Weltweit lassen sich alle Bienenwohnungen auf zwei Grundformen zurückführen. Die ägyptische Art der Haltung ist der Ausgangspunkt für die Entwicklung der horizontal orientierten Typen. Diese, auch Tunnelstöcke genannten, Bienenwohnungen sind in ähnlicher Weise z.B. im Iran, Persien und im ganzen Mittelmeerraum zu finden.Zu dieser Gruppe gehören alle Arten von Lagerbeuten (Beute = Bienenwohnung), so auch Einraumbeuten, der Kärntner Bauernstock, die Bienenkiste und andere.

Dem gegenüber stehen die aufrecht orientierten Typen. Traditionell gehört dazu vor allem die so genannte „Zeidelei“, das Imkern in hohlen Bäumen. Ebenso die heute weltweit verbreitete Magazinbeute. Beide Zweige der Entwicklung werden in den nächsten Ausgaben von „Biene Mensch Natur“ weiter verfolgt.

Thomas Radetzki

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 17 • Winter 2009/2010

Cover 0 Download (pdf, 1,9 MB)

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