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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

»Biene Mensch Natur« Blog

Ein Imker erklimmt mit einer speziellen Technik den Baum, um die Bienenwohnung zu kontrollieren. Foto: Norbert Poeplau

Zeidelei - eine alte Tradition wird gerettet

Die Zeidelei begegnet uns in fast jedem Lehrbuch zur Bienenhaltung, wenn anfangs über die geschichtliche Entwicklung geschrieben wird. Meistens wird sie kurz und knapp abgehandelt ohne Details genauer zu beleuchten. Mich hat diese „alte“ Form der Bienenhaltung immer interessiert, und zwar aus der Fragestellung heraus: „Wie mag es den Bienenvölkern dort oben im Baum wohl gehen, wenn ich ihren Lebenszusammenhang innerhalb und außerhalb ihrer Wohnung sehe? Natürlich bekam meine Zuwendung gleich einen Dämpfer, sobald ich daran dachte, dass die Bienen ja nur über eine gute Klettertechnik erreicht werden können.

Lernen von polnischen Imkern

So blieben meine Gedanken meistens im Hinterkopf, wenn ich über Betriebsweisen. Beutenproportionen, Naturwabenbau, Bienengesundheit, Aufstellungsorte, die Qualität der Bienenprodukte und manch andere imkerliche Zusammenhänge nachdachte. Natürlich kannte ich einzelne Klotzbeuten oder Figurenbeuten, die als besondere Hingucker aufgestellt waren, imkerlich aber keineswegs bei meinen Fragestellungen unter Beobachtung standen. In den aktuellen Bezug rückte die Zeidelei für mich erst durch einen Artikel, der 2009 in der ADIZ erschien und die „neu erlernte“ Zeidelei von einigen polnischen Imkern beschrieb, die alle beruflich in Naturschutzbereich tätig sind und die Zeidelei ganz anfänglich in verschiedenen polnischen Naturschutzgebieten in die Fläche bringen wollten. Damals dachte ich, das muss ich direkt selbst sehen und erleben, andererseits beherrsche ich die polnische Sprache nicht. So blieb es auch hier nur bei dem Wunsch, den ich mit mir herumtrug.

In die Praxis der Zeidelei und den Austausch mit den polnischen Zeidlern kam ich erst durch einen Zeidlerkurs, der von dem Schweizer Verein „Free the Bees“ mit ihrem Vorstand André Wermelinger angeboten wurde. Alles was ich bisher über diese Bienenhaltung erfahren habe, scheint mir, wenn ich aus den Augen der Bienen schaue, wesentlich besser als das was ich selbst praktiziere und was um mich herum praktiziert wird. Warum ist das so?

Flugloch an einer TanneFoto: Norbert Poeplau Die polnischen Imkerfreunde haben die Zeidelei von Zeidlern aus dem südlichen Ural erlernt, wo sie bis heute ohne Unterbrechung über viele Generationen praktiziert wird und ein riesengroßer Erfahrungsschatz im Umgang mit der Baumbienenhaltung zur Verfügung steht. Da wird in ganz anderen zeitlichen und räumlichen Dimensionen gedacht als bei uns, wenn in Bäumen eine Bienenwohnung ausgehöhlt wird, nachdem 70 Jahren zuvor der Baum entkront wurde, damit das Breitenwachstum des Baumes intensiviert wird. Wir schauen hier auf Bäume, die einen Stammdurchmesser von einem Meter haben. Die Bienenwohnung wird dann in einer Höhe von fünf bis sechs Metern angelegt, ohne den Baum soweit zu beeinträchtigen, dass er nicht gesund weiterleben kann. Die Bienenwohnung hat eine runde Grundfläche und einen Durchmesser von 0,35 m bei einer Höhe von einem Meter. Die Wandstärke dieser Beute können Sie sich selbst ausrechnen. Das Flugloch wird seitlich etwa 1/3 von oben angebracht und ist mit einem Holzkeil so verschlossen, dass außer Bienen keine anderen wohnungsuchenden Waldtiere oder Honigschleckermäuler eindringen können. Nachdem die Höhlung ein Jahr ausgetrocknet ist, wird sie zur Besiedlung für Bienen vorbereitet und Schwärme ziehen ohne weitere menschliche Einflussnahme in die Bäume ein. Dort errichten sie dann ihre Waben im Naturbau als Stabilbau. Sie dürfen auf ihren eigenen Honigvorräten überwintern, und nur überschüssige Vorräte werden an den unteren Wabenenden vom Zeidler herausgeschnitten.

Erster Zeidlerkurs in Deutschland

Die Förster des European Forest Institute Freiburg Frank Krumm und Daniel Kraus sind an einer nachhaltigen ökologischen Waldwirtschaft interessiert, wo auch die Bienen in das Ökosystem des Waldes integriert sein sollen, und beide haben im Herbst 2014 den ersten Zeidlerkurs in Deutschland organisiert. Im Steigerwald wurden von den Kursteilnehmern neben Klotzbeuten auch fünf sehr starke Bäume in entsprechender Höhe unter Anleitung der polnischen Zeidler ausgehöhlt. Es waren drei Buchen, eine Eiche und eine Tanne. Von den umliegenden Imkern wird das Projekt mit Argwohn betrachtet. Sie trugen ihren Bedenken bezüglich der Verbreitung von Varroamilben und Krankheiten aus diesen Bäumen schon vor, bevor überhaupt ein Baum ausgehöhlt wurde. (Siehe auch ADIZ/die biene/Imkerfreund 02/2015)

Vorteile für die Bienengesundheit

Das ist ein Stück weit verständlich. Allerdings geben aktuelle Forschungsarbeiten Hinweise darauf, dass wild lebende Honigbienenkolonien ohne Behandlung besser mit Varroamilben überleben, als ihre mit Säuren und anderen Chemikalien behandelten Artgenossen in imkerlicher Obhut. So hat beispielsweise Prof. Thomas Seeley festgestellt, dass Baumbienenvölker im Waldgebiet des Arnot Forest, die er seit 1978 beobachtet und untersucht hat, dort auch 2011 noch lebten. Anhand von Untersuchungen der DNA aus Bienenproben von 1978 und 2011 fand er heraus, dass die Bienen durch Varroamilben eine starke Selektion durchgemacht hatten, aber 2011 genau so viele Völker in den Baumhöhlungen lebten wie schon 1978. Seeley spricht aktuell von 200 Milben pro Volk im Herbst. Gründe sieht er vor allem in der Verteilung der Baumbienen, pro Quadratkilometer lebt nur ein Volk! Doch auch andere Faktoren, die in der Zeidelei integriert sind und die in der wesensgemäßen Bienenhaltung eine wichtige Rolle spielen, bringen nach Ansicht von Prof. Thomas Seeley Vorteile für die Bienengesundheit. Dazu gehört der nicht vom Imker beschränkte Umfang an Drohnenbrut. Damit wird eine harte genetische Selektion ermöglicht, denn nur Drohnen von überlebenden Völkern begatten junge Königinnen. Dr. Ralph Büchler, der das Forschungsprojekt COLOSS betreut hat, kommt im Ergebnis der Voraussetzungen für gesunde Bienenvölker ebenfalls zu Haltungsbedingungen, die zum Teil in der Zeidelei integriert sind.

Unter der Überschrift „Natürliche Auslesemechanismen berücksichtigen!“ schreibt er:

  • „Die natürliche Paarungsbiologie (freier Flug, Drohnensammelplätze, Mehrfachpaarung) sorgt für einen Ausschluss kranker Drohnen“.
  • „Werden Drohnenvölker unter Befallsdruck gehalten, ergibt sich eine Selektion besonders vitaler Genotypen“. Das gilt sicher auch für Nicht-Drohnenvölker.

Begleitende Forschung

Es lohnt sich also bei der Zeidelei genauer hinzuschauen. Jedenfalls werden wir seitens Mellifera e. V. versuchen, gemeinsam mit den anderen Akteuren die Entwicklung von Völkern in lebenden Bäumen wissenschaftlich zu dokumentieren.

Weil die Zeidelei besondere Ansprüche an die Imker und bereitwillige Förster stellt, wird sie sicherlich nur an wenigen Standorten realisiert werden können. Sie hat auch wenig Sinn in Nachbarschaft zu Standorten mit hoher Bienendichte in konventioneller Haltung. Sie kann aber ein Weg sein, nachhaltigen Naturschutz, Waldwirtschaft und eine sicherlich extensive Bienenhaltung in exemplarischer Weise zum Wohl der Bienen zu verbinden und durch begleitende Forschung unser Verständnis vom Bien zu verbessern. Daher möchte ich mit einem Zitat von Wendell Berry schließen, das ich kürzlich aus dem Mund von Prof. Seeley gehört habe und das mich berührt hat: „We cannot know what we are doing until we know what nature would be doing if we were doing nothing“.

Norbert Poeplau, Imkermeister

We cannot know what we are doing until we know what nature would be doing if we were doing nothing. (Wendell Berry)

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 28 • Frühjahr/Sommer 2015

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