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Verunreinigung der Honige aus der ganzen Welt durch Neonikotinoide – welche Folgen hat dies für die Bienenzüchter?

Drei Viertel des weltweit hergestellten Honigs enthalten Neonikotinoide, eine Pestizidgruppe, die für ihren Einfluss auf den Rückgang der Bienen bekannt ist. Dies besagt eine Studie, die ein interdisziplinäres Team der Universität Neuenburg (UniNE) und des Botanischen Gartens der Stadt Neuenburg in der renommierten Fachzeitschrift Science publiziert hat. Während die Neonikotinoid-Konzentration unter der für den menschlichen Verzehr zulässigen Höchstmenge liegt, erweisen sich die Werte für die Bienen als alarmierend.

Die weltweiten Bestäuber-Bestände gehen in einem solchen Masse zurück, dass die davon abhängigen Ökosysteme (Bestäubung) und die biologische Vielfalt bedroht sind. Obwohl die Verantwortung für diesen Rückgang grösstenteils auf Pestizide der Gruppe der Neonikotinoide zurückzuführen ist, gibt es bis heute keine Studie auf internationaler Ebene, die die Untersuchung der Exposition von Bienen gegenüber dieser Substanzen ermöglichen würde.

Eine im Oktober 2017 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie der UniNE hat die Exposition der Bestäuber gegenüber Neonikotinoiden untersucht. Die Analyse der 198 Honig-Proben aus aller Welt zeigt auf, dass 75 % der Honigproben mindestens eine der getesteten Moleküle (Acetamiprid, Clothianidin, Imidacloprid, Thiacloprid und Thiamethoxam) enthalten. 45 % beinhalten zwei oder mehr, und 10 % vier oder fünf Moleküle.

Diese Resultate bestätigen, dass die Mehrheit der Bienen auf der ganzen Welt Neonikotinoiden ausgesetzt sind. Obwohl die gemessenen Konzentrationen unter den Grenzwerten für die menschliche Gesundheit liegen (Mittelwert: 1.8 ng/g), übersteigt fast die Hälfte (48 %) der Proben den Wert von 0.10 ng/g, bei dem eine schädliche Auswirkung auf Bienen nachgewiesen wurde.
Die Studie stellt nicht die Qualität des Honigs in Frage, aber sie ist besorgniserregend für die Bienen – und somit für die Bienenzucht –, denn sie weist auf, dass die grosse Mehrheit der Bestäuber diesen Pestiziden ausgesetzt ist. Aufgrund dieser Studie erscheint der Einsatz von Neonikotinoiden mit dem Fortbestand von Bienenvölkern unvereinbar: Grund genug, Bienenzüchter und –Züchterinnen zu ermutigen, ein Verbot für diese Insektizide zu fordern.

Die Analyse der 198 Honig-Proben aus aller Welt zeigt auf, dass 75 % der Honigproben mindestens eine der getesteten Moleküle (Acetamiprid, Clothianidin, Imidacloprid, Thiacloprid und Thiamethoxam) enthalten.



Neonikotinoide sind 1995 auf den Markt der Pestizide gekommen und gehören heutzutage zu den weltweit meist verwendeten Insektizide; sie beinträchtigen das Nervensystem schädlicher Insekten (Bienen und Schmetterlinge) und natürlicher Räubern (z.B. Vögel oder Mäuse). Sie sind einige tausend Mal giftiger als DDT und verunreinigen immer mehr die terrestrische und die aquatische Umwelt. Die Neonikotinoide gelangen über Oberflächenbeschichtung auf die Getreidekörner und werden von den Pflanzen während ihrer Wachstumsphase aufgenommen und anschliessend an alle Organe, inklusive Blüten, weiterverteilt. Da der Blütenstaub und der Nektar verunreinigt sind, nehmen die Bestäuber, d.h. die Bienen, sie bei der Futtersuche auf. Diese auch als „systemisches Insektizid“ bezeichneten Moleküle werden von den Bienenzüchtern für den Rückgang der Bienenvölker verantwortlich gemacht.

Schädliche Auswirkungen auf die Bestäuber

Dutzende von Studien beschreiben die Auswirkung dieser Substanzen auf Honig- und Wildbienen und zeigen auf, dass bereits eine so geringe Konzentration von 0.10. ng/g Neonikotinoide genügt, um subletale Auswirkungen (die nicht direkt zum Tode des Organismus führen) zu verursachen. Neonikotinoid-Konzentrationen wirken sich stark auf das Verhalten, die Physiologie und die Fortpflanzung der Bestäuber aus. Beobachtet werden Wachstumsstörungen, die Schwächung der Wirksamkeit des Immunsystems, neurologische und kognitive Defizite, eine verlangsamte Lungenfunktion, geringere Überlebenschancen der Königin, Hemmungen beim Pollensammeln und Schwierigkeiten beim Rückflug zum Bienenstock. Diese Auswirkungen verursachen den Verlust von Bienenkolonien, die sich mehr in der Lage sind, natürliche Stressfaktoren (Krankheitserreger, Varroa, usw.) abzuwehren.

Mit Unterstützung von „Citizen Science” realisierte Studie

Bislang war den Forschenden weder die Menge an Molekülen in der Umwelt noch ihre Verteilung auf der Erde bekannt, beides entscheidende Angaben zur Bewertung der Risiken des Einsatzes von Neonikotinoiden auf verschiedene Lebewesen. Um diese Lücken zu füllen, haben die Autoren die Konzentration von fünf Neonikotinoiden in Honigproben aus der ganzen Welt gemessen. Die von allen fünf Kontinenten stammenden Proben wurden im Rahmen eines „Citizen Science“-Projektes gesammelt: während vier Jahren haben über 100 Reisende Honigsorten von Kleinerzeugern aus aller Welt und mit klar bezeichneter geographischer Herkunft nach Neuchâtel zurückgebracht.

Was bringt die Analyse von Honig?

Aufgrund ihrer Angewohnheit, Nektar und Blütenstaub bis zu einer Entfernung von 12 Kilometern von ihrem Bienenstock zu sammeln, eignen sich Bienen hervorragend als „Umwelt-Wächter“. Im Honig eines Bienenstocks entdeckte Spuren von Pestiziden bilden sehr wirksame Indikatoren des Grades an Verunreinigung im angrenzenden Umfeld. Darüber hinaus ist es relativ einfach, Honigproben aus aller Welt zu beschaffen.

Ein interdisziplinäres Team

Im Rahmen der von der UniNE und vom Botanischen Garten Neuchâtel durchgeführten Studie wurden 198 Honigproben aus allen Kontinenten (ausser der Antarktis) und aus zahlreichen Inseln untersucht. Die Analysen wurden von der Neuchâtel Platform of Analytical Chemistry (NPAC) vorgenommen, eine Service- und Forschungseinrichtung im Dienste der akademischen Gemeinschaft. Dank seiner hochsensiblen Vorrichtungen für die Chromatographie in der Flüssigphase und für die Massenspektrometrie konnte das Labor Substanzen mit einem Genauigkeitsgrad von eins zu 10 Milliarden und weniger nachweisen. In Zusammenarbeit mit dem NPAC konnten die Autoren der Studie nach Spuren der fünf gängigsten Neonikotinoide (Acetamiprid, Clothianidin, Imidacloprid, Thiacloprid und Thiamethoxam) suchen.

Weltweites Phänomen

Die Nachweisfrequenz einzelner Neonikotinoide in einer Honigprobe weicht je nach Verwendung der Pestizide stark von einer Region zur nächsten ab: Imidacloprid ist die meist verbreitete Moleküle in Honigsorten aus Afrika und aus Süd-Amerika; Thiacloprid findet sich vor allem in Europa, während Acetamiprid in Asien und Thiamethoxam in Ozeanien und in Nordamerika nachgewiesen werden. Auf jedem Kontinent wurde in 25 % der Proben mindestens ein Neonikotinoid gefunden, während drei Moleküle (Thiamethoxam, Imidacloprid und Clothianidin) in der Hälfte der Proben aus Nordamerika vorhanden waren.

Die Studie weist das Ausmass eines weltweiten Phänomens aus, deren hauptsächliche, direkte Opfer die Bienen und indirekt die Bienenzüchter und –Züchterinnen sind. Um keine einzelnen Züchter anzuprangern, wurden die Honigsorten anonymisiert untersucht und ihre Herkunft nur mit ungefähren geographischen Koordinaten bezeichnet.

Es ist anzumerken, dass die Stichproben zwar die Erstellung einer Weltkarte des Problems ermöglichen, aber keine Aussage zur Verunreinigung eines Landes oder einer Region zulassen. Für jedes der rund 80 untersuchten Länder wurden lediglich ein paar Proben analysiert: es ist demzufolge unmöglich, Schlussfolgerungen über die Verunreinigung eines bestimmten Landes zu ziehen.

Für Menschen kein Gesundheitsrisiko

Die von der Europäischen Union zugelassenen Höchstwerte für Tier-Nahrungsmittel wurden von keinem der getesteten Neonikotinoide (50 ng/g für Acetamiprid, Imidacloprid und Thiacloprid, und 10 ng/g für Clothianidin und Thiamethoxam) erreicht. In zwei Proben übersteigt der Maximalwert (Summe der fünf getesteten Komponenten) leicht diese Marke (Maximum = 56 ng/g). Gemäss geltenden Vorschriften stellt die überwiegende Mehrheit der untersuchten Proben kein Gesundheitsrisiko für die Konsumenten dar.

Alarmierende Risiken für die Bienen

Anders sieht die Lage für die Bienen aus. Hier zeigt sich ein alarmierendes Bild: die Mindestkonzentration bei der eine schädliche Auswirkung auf Bestäuber gemessen wird, beträgt 0.10 ng/g. Dieser Wert wurde in fast der Hälfte (48 %) der Proben der Studie übertroffen. Dieses Ergebnis erlaubt die Aussage, dass ein massgeblicher Anteil der Bestäuber weltweit wahrscheinlich einem oder mehreren Neonikotinoiden ausgesetzt ist. Besorgniserregend ist darüber hinaus die Tatsache, dass 45 % der Proben von einem „Cocktail“ an Molekülen verunreinigt sind. Tatsächlich scheinen Studien zum „Cocktail-Effekt“ von Neonikotinoiden anzudeuten, dass die Auswirkung einer Exposition gegenüber mehreren Molekülen gleichzeitig stärker als die Summe der einzelnen Auswirkungen ist.

Politische Diskussion zur Verwendung von Pestiziden

In Frankreich wird öffentlich diskutiert, ob der Einsatz von Pestiziden angemessen ist; nach einer breiten Sensibilisierungskampagne der öffentlichen Meinung durch die Bienenzüchter wurde die Verwendung von Pestiziden von der französischen Nationalversammlung verboten.

Anderswo scheuen die Risikobewerter und die Entscheidungsträger noch, Chancen und Risiken von Neonikotinoiden neu zu beurteilen. Die Studie hat die Liste der meistverbreiteten Cocktails in Honigsorten aus aller Welt aufgezeigt. Es wäre nun angezeigt, diese Cocktails in Reihenfolge ihrer Häufigkeit an Ort und Stelle zu testen. Zu diesem Zweck ist es entscheidend, dass die für landwirtschaftliche Fragen zuständigen nationalen Behörden die nach wie vor vertraulichen Angaben über den Einsatz von Pestiziden in ihren Gebieten veröffentlichen. Nur mit diesen Daten werden Forschende in der Lage sein, kausale Beziehungen zwischen den entdeckten Pestizid-Konzentrationen und den beobachteten lokalen Auswirkungen auf die Bienen herzustellen.

Alexandre Abi (Laboratoire de Biodiversité du Sol, Université de Neuchâtel)
Blaise Muhlhauser (Jardin Botanique de Neuchâtel)
Gaétan Glauser (Neuchâtel Platforme neuchâteloise de chimie analytique, Université de Neuchâtel)
Edward Mitchell (Laboratoire de Biodiversité du Sol, Université de Neuchâtel)

Studie in Sciene (pdf/987 KB)

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