Bienen statt Bildschirm – so wertvoll ist die Natur für Kinder
Raus in die Natur statt ständig vor Handy & Fernseher hängen – das fordert Dr. med. Karin Michael. Im Interview erklärt sie, wie wertvoll Naturerfahrungen für die Entwicklung von Kindern sind.
Do 20. November 2025 von Jonas Ewert BieneMenschNatur.49, Interview
Verstecken spielen im Garten, eine Hütte bauen im Wald, ein Ausflug an den Badesee. Naturerfahrungen sind etwas Wertvolles für uns Menschen. Doch warum ist das so? Dafür interessiert sich Dr. med. Karin Michael. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Gründerin des „von Tessin-Zentrums für Gesundheit und Pädagogik“ in Stuttgart. Im Interview erklärt sie, welche Rolle die Natur in unserer Entwicklung spielt, welche Auswirkungen ein Mangel an Sonnenlicht haben kann und welche Rolle die Bienen bei alledem spielen.
Warum ist die Natur aus Ihrer Sicht ein wertvoller Entwicklungsraum für Kinder?
Dr. Karin Michael: Kinder nehmen mit größter Intensität wahr und die Natur bietet die wunderbarsten und vielfältigsten Sinneseindrücke. Zugleich ist eine natürliche Umgebung besser als jeder Spielplatz. Freies Spiel draußen bietet Kindern den optimalen Entwicklungsraum! Man kann aus der eigenen Phantasie den Ort des Spiels gestalten. Ein alter knorriger Baum, auf dem man sitzen, sich verstecken, vielleicht sogar wohnen und auf den man hoch hinauf klettern kann, wird schnell zum Lieblingsort einer ganzen Kindheit.
Wir hatten damals neben einem Wäldchen auch einen kleinen Bach, an dem wir fünf Geschwister mit Freunden unterwegs waren. Ich fühle noch das Wasser in den Gummistiefel laufen – ich war zu tief hineingeraten! Und wie weit kommen unsere Stock-Schiffchen, bevor sie hängen bleiben? Soziales Lernen und Freundschaften fürs Leben in gemeinsamen Abenteuern schmieden, geht da draußen übrigens auch viel besser als in unsozialen Medien.
Wie viel Zeit sollten Kinder draußen in der Natur verbringen und wie sollte diese gestaltet sein?
Keine Sorge – Kinder verwahrlosen auch an ganzen Tagen da draußen nicht, sondern machen wertvollste Erfahrungen! Es gibt heute so einen großen Mangel an Bewegung und Freude und beides haben Kinder in der Natur im Überschuss! Bis zum 10. Lebensjahr nimmt der Bewegungsdrang natürlicherweise zu, insbesondere bei Jungs. Und zu früh zu viele sitzende Stunden in Schulinnenräumen zu verbringen, ist aus meiner kinderärztlichen Perspektive nicht gesundheitsfördernd. Diese Stunden brauchen Ausgleich durch Bewegung am Licht. Sonnenlicht ist übrigens auch die wichtigste Maßnahme gegen Vitamin-D-Mangel und kurzsichtige Augen. Mehr noch als Bildschirme führt der Mangel an Sonnenlicht heute zu der Pandemie der Kurzsichtigkeit junger Erwachsener. Viele Schlafstörungen entstehen schlicht durch zu wenig Bewegung am Licht. Der Melatonin-Rhythmus braucht vormittags Sonne!
Haben Sie ein Beispiel dafür, weshalb der Tastsinn so elementar ist für die Beziehung zwischen uns und der Welt?
Denken Sie nur an eine Umarmung! Es vermittelt Sicherheit und Schutz, wenn man eine klare Grenze spüren kann. Viele Ängste lassen sich bei Kindern mit guten Tastsinneserfahrungen verringern. Manchmal haben wir in der Schule, wo ich Schulärztin war, für unruhige und konzentrationsschwache Kinder Sandwesten eingesetzt und es war immer wieder schön zu erleben, wie sie dieses Mittel genossen haben und es wirkte! Der Tastsinn markiert unseren Eigenraum, der auch intim und persönlich ist und einer altersentsprechenden Wahrung seiner Grenzen bedarf.
Der kindlichen Neugierde erzählt der Tastsinn unendlich viel über die Dinge der Welt – weiche, harte, feste, sandige, stachelige, raue, haarige, kitzelige, pelzige, seidige Geschichten!
Am Bienenstand können wir mit allen Sinnen Natur erfahren und dabei jede Menge über die großen Zusammenhänge der Welt lernen. Welchen Wert hat für Sie ein Tag bei den Bienen?
Wie Sie sagen, erfahren wir dort viel über wunderbare Zusammenhänge in der Natur und auch über die vielen heilsamen Geschenke der Bienen für uns Menschen. Das ist insbesondere für ältere Kinder und Jugendliche eine wertvolle Erfahrung! Es ist aber auch eine Fülle besonderer Sinneserlebnisse, die sich mir als Kind in Österreich tief eingeprägt haben: Der Imker hatte keine Angst vor dem Schwirren. Seine Ruhe war ausstrahlend. Das triefende Wabenstückchen ist ein köstliches Natur-Kaugummi! Ich kann Geschmack, Konsistenz und das Licht dieses Tages wieder in mir wachrufen.
In einem Schulgarten hatte ich neulich die Chance, meine Hand mal in einen Bienenschwarm in seinem Korb zu halten – ihre Wärme zu spüren hat mich sehr berührt – diese uns so verwandte optimale Wärme!
Biene Maja statt Propolis-Duft: Kinder lernen Natur immer mehr über Bildschirme als durch sinnliche Erfahrungen kennen. Welche Auswirkungen hat das?
Die virtuelle Welt bewirkt Entfremdung. Die echte Welt wird den Kindern immer fremder statt vertraut. Was für Entstehung und Erhalt von Gesundheit so wichtig ist – Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit, Handhabbarkeit – erwerben wir primär im Kontakt mit echten Menschen, den Wundern der Natur und im Spiel, bzw. später bei Arbeiten in der Natur. Immer mehr Kindern bleibt sogar der eigene Leib fremd. Sinne und Fertigkeiten werden gar nicht ausgebildet. Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen und Handlungsunfähigkeit sind entsprechend weit verbreitet.
Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Bienen?
Ich liebe Honig! Neben den schon genannten Erfahrungen als Kind und neugierig gebliebene Erwachsene, habe ich als anthroposophische Kinderärztin einen innigen Bezug zu diesen Wärmewesen. Ich setze Apis als anthroposophisches Heilmittel unter anderem bei vielen Infektionskrankheiten erfolgreich ein. Beispielsweise sind mir Apis/Levisticum Globuli ein wichtiger Teil der Behandlung von Mittelohrentzündungen und Apis/Belladonna cum Mercurio Globuli von Mandelentzündungen geworden. Warmen Thymiantee mit Honig halte ich für den besten Hustensaft. Und ich schätze herrlichen Wachs-Wickel für Brust, Bauch und Blase sowie Niere. Medizinischer Honig war mir bei manchen schwierigen Wundheilungen eine große Hilfe. Ich verdanke dem Bienenwesen gerade als Ärztin unendlich viel.
Und wenn Sie draußen sind, wo sind sie am liebsten?
Mein Garten ist ein wertvoller Ausgleich und ein großes Geschenk. Ich habe einen riesigen Lavendel an der Terrasse, der brummt vor Bienen und Hummeln im Sommer! Ich liebe das Mittelmeer – einen besonderen Strand in Nordzypern. Wandern und Skifahren in den österreichischen Alpen ist anders, aber auf meiner Beliebtheitsskala gleichauf. Und ein Platz an einem norwegischen See fällt mir auch direkt ein und ich sehne mich nach dem kristallklaren Wasser, der frischen Luft, der Stille und dem von der Sonne angewärmten Fels.