Erleben statt nur verstehen: Wie wir gemeinsam mit der Biene lernen
Von Anfang an setzt Bienen machen Schule darauf, die Natur zu erleben, um ihre Faszination zu verstehen. Ein Türöffner können dabei die Bienen sein. Doch welche Wirkung haben sie auf Kinder & Jugendliche?
Mo 25. Mai 2026 von Jonas Ewert BieneMenschNatur.50, Kinder&Jugendliche
Ein Summen liegt in der Luft, als du vorsichtig nähertrittst. Neugierig bleibst du stehen und lässt den Blick über das geschäftige Treiben am Bienenstock wandern: Du erkennst das Ein- und Ausfliegen der Sammlerinnen, das Glänzen ihrer Flügel im Sonnenlicht und die Vielfalt der Formen und Farben. Du lauschst aufmerksam dem vielstimmigen Brummen, das mal sanft und beruhigend, mal kraftvoll und lebendig wirkt. Du atmest die warme Stockluft ein, die nach Wachs, Propolis und frischem Honig duftet. Als du deine Hand behutsam auf das Wachstuch legst, spürst du die feinen Vibrationen des Bienenvolkes, ein leises Pulsieren von Leben. Schließlich darfst du einen Tropfen Honig kosten – süß, intensiv und überraschend vielschichtig.
Mit den Sinnen begreifen
Wenn wir mit allen Sinnen im Hier und Jetzt verankert sind, bleiben uns diese Momente in Erinnerung: weil wir gefühlt, gerochen, gehört und geschmeckt haben, was uns unmittelbar umgab.
Dieser sinnliche Zugang eröffnet in der Umweltbildung eine besondere Chance. Kognitives Wissen ist wertvoll, bleibt aber oft abstrakt und ist schnell vergessen. Was hingegen bleibt, sind eigene Erlebnisse: Sie machen Wissen greifbar, lebendig und emotional bedeutsam. Ganzheitliches Lernen bedeutet, dass Kopf, Herz und Hand gleichermaßen angesprochen werden. Wer den Boden unter den Füßen spürt, den Duft eines Waldes einatmet oder die Vielfalt einer Wiese selbst entdeckt, entwickelt eine andere Beziehung zur Natur als jemand, der nur darüber liest. Etwas aus erster Hand zu erfahren, schafft Wertschätzung und ein echtes Verantwortungsgefühl. Genau das ist das Ziel der pädagogischen Arbeit von Bienen machen Schule.
Gemeinsam ins Staunen kommen
Viele Menschen wissen, dass Bienen für die Bestäubung unserer Nutzpflanzen unverzichtbar sind. Dieser Fakt begegnet uns in Schulbüchern, Zeitungsartikeln und Dokumentationen. Doch erst, wenn wir durch einen blühenden Obstgarten laufen und beobachten, wie eine Biene gezielt Blüte für Blüte anfliegt, wie Pollen an ihren Hinterbeinen kleben und sie am Ende schwer beladen zum Stock zurückkehrt, erst dann wird aus abstrakter Information ein lebendiges Bild. Die Zusammenhänge erschließen sich uns von selbst. Sieht man die Arbeit der fleißigen Insekten einmal mit eigenen Augen, steigt auch der Respekt gegenüber den Tieren. Wir kommen ins Staunen und unsere Neugierde ist geweckt.
Diese Wirkung zeigt sich besonders deutlich in unserer Arbeit mit Kindern. Eindrücklich ist etwa der Moment, wenn ein anfangs ängstliches Kind zum ersten Mal eine Biene auf der eigenen Hand sitzen lässt. Ganz vorsichtig beobachtet es die Bewegungen des Tieres. Es hält zunächst den Atem an, bis die Anspannung irgendwann einer Begeisterung weicht, die sich am Ende in einem Lächeln oder einem überraschten Ausruf zeigt. Kaum ist die Biene wieder von der Hand heruntergeflogen, kommen auch schon die ersten Fragen auf: Warum hat sie mich nicht gestochen? Was macht sie jetzt? Fliegt sie zur Königin? In diesem Moment ist Lernen von einer Aufgabe zu einem Bedürfnis geworden, das vom Kind ausgeht.
In den Gärten der Generationen erleben die Kinder, wie viel Fürsorge eine blühende Landschaft braucht. (Foto: Nadia Freihube)
Doch auch Erwachsene sind nicht gefeit vor solchen Momenten. Begleitende Lehrkräfte oder Senior*innen sind ebenfalls für die Welt der Bienen zu begeistern. Wenn sie gemeinsam mit den Kindern neugierig durch ein Facettenauge aus Holz schauen, staunen auch sie nicht schlecht darüber, wie eine Biene eigentlich die Welt sieht. Solche Effekte bestärken uns immer wieder in dem, was wir tun. Sie erinnern uns daran, dass Staunen kein Privileg der Kindheit ist.
Was Bienenpädagogik ausmacht
Für uns als Pädagog*innen bedeutet das eine veränderte Rolle – weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zur Begleitung von Erfahrungen. Wir verstehen uns als Impulsgeber*innen, die Räume schaffen, in denen Begegnung möglich wird: zwischen Mensch und Natur, aber auch zwischen den Teilnehmenden selbst. Gerade in der Arbeit mit Bienen zeigt sich, wie wertvoll eine solche Zurückhaltung sein kann. Die Tiere geben den Takt vor, verlangen Aufmerksamkeit, Respekt und Geduld. Wer sich darauf einlässt, lernt nicht nur etwas über Bienen, sondern auch über Achtsamkeit und das eigene Verhalten. So kann es dazu kommen, dass ein zunächst unruhiges, ablenkungssuchendes Kind am Bienenstock plötzlich vollkommen still wird. Nicht weil es dazu aufgefordert wurde, sondern weil die Situation es von selbst verlangt.
Dieser Ansatz ist der Kern unserer Arbeit und er wird, je digitaler unser Alltag wird, nicht weniger relevant, sondern wichtiger. Der direkte Kontakt zum Bienenvolk und zur Natur ist durch nichts zu ersetzen. Ebenso wichtig ist uns die Förderung von Wertschätzung gegenüber den Bienen und allen anderen Lebensformen. Sie sind nicht nur Ressourcen für den Menschen, sondern eigenständige Lebewesen mit einem festen Platz in einem komplexen Ökosystem, dessen Teil auch wir sind. Diese Perspektive zu vermitteln, ist für uns ein wesentlicher Bildungsauftrag.
Ein Blick nach vorne
Gleichzeitig sehen wir es als unsere Aufgabe, auch neue Wege zu gehen. Barrierefreiheit – baulich, didaktisch und sozial –, ist dabei ein wichtiges Thema. Umweltbildung soll möglichst vielen Menschen offenstehen. Es geht darum, unterschiedliche Zugänge zu schaffen, Sprache anzupassen, individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen und so Teilhabe aktiv zu ermöglichen. Auch intergenerationelles Lernen rückt in den Fokus. Die Auseinandersetzung mit Bienen bietet eine besondere Chance, zwischen Jung und Alt Brücken zu schlagen. Ältere Menschen bringen oft wertvolles Erfahrungswissen mit, während jüngere Generationen neue Perspektiven und Fragen einbringen. So kann ein bereichernder Austausch für beide Seiten entstehen. Neben den Honigbienen auch Wildbienen zu thematisieren, ist ein weiterer Ansatz. Viele Menschen sind überrascht zu erfahren, wie vielfältig die Welt der Wildbienen ist und welche wichtige Rolle sie für funktionierende Ökosysteme spielen. Dieses Wissen kann dazu anregen, den eigenen Lebensraum bewusster zu gestalten: sei es durch bienenfreundliche Pflanzen, den Verzicht auf Pestizide oder das Schaffen von Nistmöglichkeiten.
Spaß & Lernen: Das geht bei den Gärten der Generationen Hand in Hand. (Foto: Nadia Freihube)
Digitale Werkzeuge wie Bestimmungsapps, Livestreams oder QR-Codes können die Bienenpädagogik sinnvoll ergänzen, Neugier wecken und haben einen eigenen Mehrwert. Aber das unmittelbare Erleben ersetzen sie nicht. Ein Livestream aus dem Bienenstock ist faszinierend. Doch das leise Vibrieren des Stocks, das man spürt, wenn man die Hand auflegt, lässt sich nicht übertragen.
Von der Erfahrung zur Haltung
Unser Lern- und Begegnungsort Fischermühle dient dabei heute wie morgen als konkreter Ankerpunkt: ein Ort nicht nur des Wissens, sondern auch des Austauschs zwischen Menschen unterschiedlicher Hintergründe, Generationen und Perspektiven. Hier entstehen Gespräche, die über das eigentliche Thema hinausgehen und ein gemeinsames Nachdenken über Umwelt, Verantwortung und Zukunft anstoßen.
Unser Tun richtet sich nach vorne: Wir hoffen, dass aus Erlebnissen Einsichten werden und aus Einsichten ein Handeln, das über den Moment hinauswirkt. Wenn Menschen beginnen, ihre Umwelt nicht nur zu verstehen, sondern sich als Teil von ihr zu begreifen, entsteht die Grundlage für echte, nachhaltige Veränderung. Manchmal beginnt das mit einem Moment am Bienenstock.
Nadia Freihube & Jonas Ewert, Bienen machen Schule