Bienenkisten-Blog

Eine hungerleidende Biene trinkt Apfelsaft Foto: Peter Müller

Bienen füttern

Vielen Bienenkisten-Anfängern ist die Bedeutung der Futterversorgung für die Volksentwicklung nicht hinreichend klar. Sie denken sich vielleicht: “hier blüht doch alles so schön und ich habe in diesem Jahr keinen oder kaum Honig entnommen, meinen Bienen muss es doch gut gehen!” Doch es ist keinesfalls sicher, dass ein Bienenvolk automatisch genug Vorräte für die Überwinterung sammeln kann.

von Erhard Maria Klein und Gunnar Weidt

Das Betriebskonzept der Bienenkiste sieht vor, dass nur der Überschuss des Honigs geerntet wird, damit die Bienen auf ihrem eigenen Honig überwintern können. Viele Bienenkisten-Anfängern sind daher überrascht zu hören, dass es zu ihren Aufgaben gehört, die Futterversorgung ihrer Bienenvölker sicherzustellen. Sie denken sich vielleicht: “hier blüht doch alles so schön und ich habe in diesem Jahr keinen oder kaum Honig entnommen, meinen Bienen muss es doch gut gehen!” Das kann sich als verhängnisvoller Irrtum erweisen, denn es ist keinesfalls sicher, dass ein Bienenvolk automatisch genug Vorräte für die Überwinterung sammeln kann. Und das hat nicht nur etwas mit den heutigen Umweltbedingungen zu tun. Der Bienenwissenschaftler Prof. Thomas D. Seeley geht davon aus, dass in der Natur 75% der Bienenvölker den ersten Winter nicht überleben. Diese Zahlen hatte er vor der Ausbreitung der Varroamilbe bei der Untersuchung wild lebender Bienenvölker ermittelt. Die wichtigste Todesursache in diesem Zusammenhang war das Verhungern. Viele Faktoren im Lebenszyklus eines Bienenvolkes beeinflussen die Vorratsbeschaffung.

Futterversorgung und Schwarmtrieb

Futterteig hilft einem frisch einlogierten Schwarm Trachtlücken zu überbrückenFoto: Klaus Rieser

Je früher im Jahr ein Volk schwärmt, desto besser kann der Schwarm die restliche Saison ausnutzen. In den ersten Wochen baut der Schwarm den größten Teil des Wabenwerks, in dem die Brut aufgezogen wird. Die Bautätigkeit wird maßgeblich von der Trachtsituation beeinflusst, da sie viel Energie erfordert. Nach einigen Wochen sind die alten Bienen erschöpft und es dauert einige Zeit, bis genügend junge Bienen geschlüpft sind, die die Aufgaben übernehmen können. Ein ungünstiger Start hemmt die Entwicklung des jungen Schwarms erheblich. Wesentliche Parameter sind die Größe des Schwarms, der Schwarmzeitpunkt und ein stetiger Futterstrom im Bienenvolk während der ersten Wochen.

Auch das Muttervolk, das einen Schwarm abgegeben hat, ist in seiner Entwicklung zurückgeworfen. Das ist ja auch der Hauptgrund, warum in der konventionellen Bienenhaltung der Schwarmtrieb unterdrückt wird. Plötzlich fehlen zehn- bis zwanzigtausend Bienen. Vielleicht gibt es noch Nachschwärme. Ein Bienenvolk kann sich auf diese Weise sogar “totschwärmen” – das bedeutet, dass so viele Nachschwärme abgehen, dass die zurückbleibenden Bienen es nicht mehr schaffen, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Aus evolutionärer und genetischer Perspektive ist das nicht weiter schlimm: Die “Staffel” wird von den ausgeflogenen Schwärmen weiter getragen.

Als langjährige Bienenkisten-Imker haben wir die Erfahrung gemacht, dass selbst bei sehr guten Trachtbedingungen, wie sie in Hamburg oder Berlin herrschen, nur Völker, die nicht oder sehr früh geschwärmt sind, größere Honigüberschüsse sammeln können. Von entscheidender Bedeutung dabei ist eine gute späte Tracht, wie z. B. die Lindentracht. Die Frühtracht aus der Obstblüte wird zumeist in die Volksentwicklung gesteckt und in Brut umgesetzt. Eine frühe ergiebige Obstblüte begünstigt ein frühes Schwärmen, sofern die Völker insgesamt eine gute Frühjahrsentwicklung genommen haben. Eine schlechte Überwinterung oder häufige Kälterückschläge im Frühjahr können die Entwicklung der Bienenvölker ebenfalls bremsen, was u. U. dazu führt, dass das Bienenvolk gar nicht in Schwarmstimmung kommt und dann aber dafür später die Lindentracht gut ausnutzen kann. Das Wechselspiel zwischen Volksentwicklung und Witterungsverlauf ist also gar nicht so einfach zu überblicken.

Blühende Landschaft?

Außerhalb des urbanen Siedlungsraums in der industriellen Landwirtschaftswüste ist es für Bienen schwer, sich zu ernähren. Bestenfalls gibt es einmal eine kurze Zeit Massentracht, wie z. B. Obst- oder Rapsblüte. Bienen brauchen aber innerhalb der Saison zwischen März und Oktober durchgängig Zugang zu Pollen und Nektar in ausreichenden Mengen. Eine Blumenwiese im eigenen Garten auszusäen oder im Blumenkasten insektenfreundliche Pflanzen aufzuziehen, ist eine schöne und auch wichtige Geste – das alleine ernährt aber kein Bienenvolk. Es muss viele Millionen Blüten besuchen, um überleben zu können. Die Sorge für eine blühende Landschaft ist daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Netzwerk Blühende Landschaft liefert nicht nur Anregungen und Hilfestellungen, um Ihre Nachbarschaft wieder in ein Bienenparadies zu verwandeln, sondern engagiert sich auch politisch.

trinkende Biene

Grüne Großstädte wie Hamburg und Berlin gelten als Bienenparadiese. Hier blüht immer etwas und die Obstbäume in den Hausgärten und die Robinien- und Lindenalleen sorgen für reiche Nektarüberschüsse … sagt man. In der Praxis kann auch das anders aussehen, wie wir in diesem Jahr erlebt haben. Der Witterungsverlauf mit einer längeren trockenen Phase im Frühsommer hat dazu geführt, dass Schwärme durchgängig gefüttert werden mussten und auch manches Volk, das einen Schwarm abgegeben hatte, ohne Zuckerfütterung kaum über die Runden gekommen wäre. Ein Bienenvolk sollte immer mindestens fünf Kilogramm Vorräte haben. Sonst fängt es an sein Brutgeschäft einzuschränken, um Reserven zu sparen, und gerät in eine verhängnisvolle Abwärtsspirale. Das Fazit in diesem Jahr in Hamburg lautet, dass nur Bienenkistenvölker, die nicht geschwärmt waren, eine Honigernte geliefert haben und zum Herbst hin viele Völker noch kräftig mit Zucker aufgefüttert werden mussten.

Das Verhungern von Bienenvölkern ist vielleicht natürlich, aber nicht wesensgemäß!

Wissenschaftliche Studien belegen immer klarer, dass der Ersatz von Honig durch Zucker negative Auswirkungen auf die Bienengesundheit haben kann. Das haben wesensgemäße Imker immer schon vermutet und versuchen Zuckerfütterung in ihrer Betriebsweise zu vermeiden. Man muss sich aber klarmachen, dass es auch nicht wesensgemäß ist, seine Bienenvölker Hunger leiden oder gar verhungern zu lassen. Die Unterstützung mit etwas Zucker oder Honig in der Aufbauphase kann verhindern, dass ein Volk in eine Notsituation kommt, sich dadurch gut entwickelt und später seinen Wintervorrat problemlos selber sammeln kann. Das beste Bienenfutter ist eine blühende Landschaft. Wer sich hierfür engagiert, erweist seinen eigenen Bienen und unserem Ökosystem insgesamt einen wertvollen Dienst. Darüber hinaus gehört es aber zur Fürsorge des Imkers, nötigenfalls die Futtervorräte zu ergänzen – auch mit Zucker. Ein Bienenvolk verbraucht übers Jahr weit über hundert Kilogramm Honig. Wenn wir im Jahreslauf an entscheidender Stelle vielleicht unterstützend ein paar Kilo Zucker zufüttern, dann ist das auch im Blick auf die Bienengesundheit etwas ganz anderes, als wenn ein konventioneller Imker seine Bienenvölker radikal aberntet und dann komplett mit Zucker als alleiniges Winterfutter auffüttert.

In der Bienenkiste können Sie jederzeit einfach Gewissheit haben, ob das Bienenvolk genügend Vorräte hat. Wiegen Sie die Kiste, indem Sie sie auf eine Personenwaage kippen. Ziehen Sie das Leergewicht der Bienenkiste und das Gewicht der Bienen und Waben ab und Sie wissen, wie viel Vorräte vorhanden sind.
Es ist uns bewusst, dass es insbesondere für einen Anfänger nicht ganz leicht ist, das Thema “Varroa” in den Griff zu bekommen. Kein Verständnis haben wir aber dafür, wenn jemand sein Bienenvolk verhungern lässt.

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Über den Autor
Autor Erhard Maria Klein

Projektleiter Bienenkiste

In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst (nach Augustinus)

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Biene Mensch Natur

Dieser Artikel ist neu bearbeitetet auch erschienen in unserer Zeitschrift »Biene Mensch Natur« Nr. 29 (Winter 2015/2016)

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