Freibeuter-Blog

Wo varroatolerante Völker entstehen

Weltweit gibt es Bienenvölker, die aufgrund natürlicher Selektion ohne Behandlung gegen die Varroamilbe überleben können. Die Programme zur Selektion und Zucht von varroatoleranten oder -resistenten Bienenvölkern, die seit Jahrzehnten an verschiedenen Bienenforschungsinstituten in Europa und Übersee laufen, erzielten bisher jedoch nur geringe Erfolge. Dagegen gibt es eine Reihe von Imkern, die seit vielen Jahren nicht mehr behandeln. Doch weil ihre Arbeit kaum in anerkannten Fachzeitschriften dokumentiert wird, gelten ihre Bemühungen als „anekdotisch“.

Ich möchte drei Bienenfreunde vorstellen, die aus unterschiedlichen Gründen auf jegliche Behandlung gegen die Milbe verzichtet haben. Es gibt wenig Gemeinsamkeiten in der imkerlichen Praxis und den Standortbedingungen, d.h. ein Kochbuchrezept für Entwicklung varroatoleranter Völker existiert nicht. Was die drei Imker teilen, sind Geduld, Hingabe, Beobachtung und kritische Ehrlichkeit.

Albert Muller

Albert Muller bildet Imker aus.Foto: Mellifera e. V. Albert Muller, als regelmäßiger Kursleiter an der Fischermühle vielen bekannt, hat 2006 mit Ameisensäure- und seltenen Oxalsäurebehandlungen aufgehört. Mut machte ihm die Tatsache, dass alle seine 15 Völker in der Mellifera-Einraumbeute den Winter 2006 ohne Behandlung überlebt hatten.
Für ihn sind die folgenden Punkte wichtig: Die Zahl der Völker ist den Trachtverhältnissen angepasst; sie überwintern auf Honig und schenken dem Imker bescheidene Ernten. Die Völker werden ausschließlich über echte Schwärme vermehrt und standbegattet; Königinnenzellen werden nicht gebrochen. Von Anfang Oktober bis März werden die Beuten nicht geöffnet. Je nach Trachtsituation müssen die Wintervorräte mit Zucker ergänzt werden. Bis heute liegt der durchschnittliche Winterverlust bei max. 13 Prozent!
Seit 2009 behandelt Albert auch seine 60 Völker, die für den Kurs in wesensgemäßer Bienenhaltung gehalten werden, nicht mehr. Seit drei Jahren stehen fünf dieser Völker neben je fünf von anderen Initiativen an der Universität Wageningen (NL) in einem „Nicht-Behandler“ Projekt. Über die gesamte Versuchsdauer ist lediglich ein Volk wegen Drohnenbrütigkeit ausgefallen. Die biodynamischen Versuchsvölker haben bis jetzt im Vergleich zu den anderen Versuchsvölkern am besten abgeschnitten. Trotz einer hohen Belastung mit dem Flügeldeformationsvirus (DWV) sind sie symptomfrei.

David Heaf

David Heaf imkert unter anderem mit Warrè Beuten.Foto: privat David Heaf aus Gwynedd (Wales), ein Freund und Autor von Büchern über die Warrébeute, verwendet seit 2007 keine Säuren mehr – Milben zählt er nicht mehr. Seine Motivation ist die Tatsache, dass Bienen in ihrer langen Evolutionsgeschichte stets mit allen Krankheiten klargekommen sind. Weshalb auch nicht jetzt? David arbeitet wesensgemäß mit fünf verschiedenen Beutensystemen – Warré, Einraumbeute, Latuzin-Beute (Trogbeute aus Russland), National Hive (die britische Volksbeute) und Bralet (eine hexagonale Beute). Für seine 13-15 Völker hat er sieben Bienenstände, also kaum mehr als zwei Völker pro Stand. Der langjährige durchschnittliche Winterverlust liegt bei 16 Prozent. Auch er arbeitet mit Schwärmen und Standbegattung. In der Region gibt es eine „Läppertracht“, bescheidene aber kontinuierliche Nektarquellen über das Bienenjahr verteilt. In trachtarmen Jahren muss er die Vorräte bei einzelnen Völkern mit einer Not- Zuckerfütterung ergänzen.
Interessant sind die Daten zur Lebensdauer von Bienenvölkern. In den Warrébeuten lebten die Völker durchschnittlich 57 Monate, der Rekord war 104 Monate. Über alle Beutentypen gerechnet betrug die Lebensdauer immer noch 53 Monate. Das ist weit mehr als die 12-36 Monate, die allgemein als maximale Lebensdauer von unbehandelten Völkern angesehen wird! Wichtig zu beachten ist, dass in den Völkern nie eine fremde Königin zugesetzt wird, und auch keine Schwärme in schwache Kolonien einziehen.
Erstaunlich ist, dass auch bei Davids Völkern durch die Universität Salford (England) in allen Völkern eine hohe Virenlast an DWV nachgewiesen wurde.

Fridolin Hess

Fridolin Hess' Bienenvölker leben seit 10 Jahren behandlungsfrei.Foto: privat Der dritte Imker ist der Schweizer Fridolin Hess. Er arbeitet bei 20 Völkern mit der dunklen Biene (Apis mellifera mellifera) in einem Bienenhaus mit modifizierten Magazinen im Schweizer Kastenformat. Er bringt seine Königinnen zur Begattung auf eine Belegstelle, weil sein Bienenstand in einer Carnica-Region liegt, wo die Haupttracht Tanne und Wald ist. Die Frühtracht verwenden die Bienen für den Aufbau der Völker.
Die Behandlung gegen die Varroamilbe hat er aus pragmatischen Gründen vor zehn Jahren aufgegeben. Nach Behandlung litten die Völker nach kurzer Zeit wieder an einer großen Milbenbelastung, wie er am natürlichen Milbenfall feststellte, den er seit Jahren jede Woche (!) ermittelt. Zu Beginn hat er stark befallene Völker mit Puderzucker behandelt und weiselt sie gelegentlich um.
Er arbeitet mit Mittelwänden und betreibt eine Selektionszucht, d.h. er zieht nur Königinnen aus Völkern mit einer geringen Milbenbelastung nach. Zu seiner Betriebsweise gehört, dass die Völker wie bei Albert ab Oktober bis März nicht geöffnet werden. „Wozu auch?“ schmunzelt er; man könne ja doch nichts machen und bestens aufgefüttert seien sie. Für ihn ist die ungestörte Winterruhe zentraler Bestandteil der Varroatoleranz. Auch Fridolin muss die Wintervorräte mit Zucker ergänzen, zumal der Waldhonig wegen der Stoffwechselbelastung für die Winterbienen entnommen werden muss. Im Schweizerischen Zentrum für Bienenforschung wurde nachgewiesen, dass seine Völker befallene Brut aus den verdeckelten Zellen ausräumen, ein wichtiges Verhalten der Varroatoleranz. Jedoch erklärt das verstärkte Hygieneverhalten seiner Völker nicht allein deren Überleben.
Fridolin Hess hat uns für unser Projekt der nicht-genetischen Weitergabe der Varroa-Toleranz nicht nur seine Königinnen, sondern auch insgesamt 10 kg Bienen für den Aufbau von 20 Versuchsvölkern zur Verfügung gestellt – eine Geste für die wir herzlich danken.

Die Zukunft

Die drei Imker bestätigen, was in Schweden auf Gotland, im Arnot Forest in den USA, in Norwegen und anderen Ländern in Folge einer natürlichen Selektion auch schon entdeckt wurde: Die Bienenvölker wissen sich selbst gegen die Varroamilbe zu schützen. Und sie können es schneller, wenn man ihnen die Aufgabe überlässt, als wenn man mit oft spezifischen und daher eingeschränkten Zuchtzielen arbeitet. Wäre es nicht an der Zeit, dass sich Bienenwissenschaftler ernsthaft mit den Nicht-Behandlern zu beschäftigen beginnen? Ihre Methoden und Erfolge könnten dann auch Eingang in renommierte Fachzeitschriften finden und damit Fortschritte in der Varroatoleranz-Forschung beflügeln. Und vergessen wir nicht, alle drei Imker können im bescheidenen Maß auch regelmäßig Honig ernten.
Weil für Imker in Deutschland die Behandlung gegen Varroa Pflicht ist, kann eine Selektion nur unter kontrollierten Bedingungen, zum Beispiel im Rahmen von Forschungsprojekten, erfolgen. Neue Formen der Zusammenarbeit von Praktikern und Wissenschaftlern tun not!

Über den Autor
Autor Johannes Wirz

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