Mellifera-Blog

Blick in eine Klotzbeute Foto: Katrin Sonnleitner

Stabile Beziehungen an der Fischermühle beim Sommerforum

Traditionell am letzten Juli-Wochenende kamen nach vier Jahren endlich wieder Bienenbegeisterte zum traditionsreichen Sommerforum an der Fischermühle zusammen. Vor vielen Jahren waren diese Treffen als Austausch unter Mitgliedern eingerichtet worden und hatten sich über die Zeit hinweg zu fachspezifischen Treffen entwickelt, in dem besondere Themen der Bienenhaltung vertieft und Freundschaften gepflegt werden.

Stabilbau zeit- und wesensgemäß

Diesmal kreiste der Dialog um die Bienenhaltung in ihren Ursprüngen. Das Anliegen war, Stabilbaukonzepte anzuschauen, also Betriebsweisen, bei denen die Bienen ihre Waben fest in ihre Behausungen einbauen. Die Konzepte sind vielfältig und reichen in die handwerkliche und sehr naturverbundene Imkerei zurück. Sie stoßen heute auf vielfaches Interesse: In der Zeidlerei lässt sich auf unterschiedliche Weise alten Kulturtechniken nachspüren und diese wiederbeleben, man erklettert Bäume und verschmilzt in der Abgeschiedenheit des Bienenbaums im Wald mit seiner natürlichen Umgebung. Beim Imkern mit Körben und Klotzbeuten kann man ein tieferes Verstehen der Bienen erlernen, indem man beispielsweise das Verhalten der Bienen am Flugloch beobachtet.
Doch auch die Körbe, Klotzbeuten und Zeidlerbäume sind heute vielerorts umgeben von blütenarmer Landschaft oder aufgeräumten Wäldern, und auch in ihnen finden sich die Bienen heute konfrontiert mit Parasiten, die Krankheiten übertragen.
Wie können wir in solchen Bienenbehausungen diesen jüngeren Herausforderungen, wie zum Beispiel Trachtlücken und Varroa begegnen? Und was können wir vom Leben der Bienen in seiner möglichst natürlichen Form für unsere wesensgemäße Bienenhaltung lernen?
Imkermeister Norbert Poeplau rief die Bedeutung der von Johann Thür beschriebenen „Nestduftwärme“ in Erinnerung. Diese propolis- und pheromongeschwängerte, bienenwarme Atmosphäre, die den verschlungenen Wabenkörper des Bien erfüllt, spielt für seine Gesundheit eine zentrale Rolle: Wenn die Bienen ihre Wärme stabil halten, das Stockklima gezielt kontrollieren können, verbrauchen sie weniger Energie, zehren also weniger von ihren Vorräten.

Korbimkerei: Dreimal Spaß und genaues Hinschauen

Rob van Hernen demonstriert, was stabile Körbe (ver-)tragen...Foto: Barbara Leineweber

Als Korbimker habe man Spaß bei der Ernte der Brombeerranken, beim Flechten der Körbe und nochmal bei der Arbeit mit den Bienen, erzählte der niederländische Korbimker Rob van Hernen über seine Imkerei. Van Hernen teilte seine Erfahrung beim Imkern mit dem klassischen Bienenkorb (Lüneburger Stülper) und einem Vorläufer der heute verbreiteten Magazinbeuten, dem Karnitz-Korb. Bei diesem lebt das Bienenvolk in einem rechteckigen Strohmagazin, dessen Volumen – ähnlich wie bei den Zargen der Warré-Beute – durch untergesetzte Strohringe der Größe des wachsenden Bienenvolks angepasst werden kann. In aufgesetzten Zargen kann in Rähmchen der begehrte Scheibenhonig entstehen, eine Spezialität der Heideimkerei.
Die Betriebsweise der Korbimkerei diente ursprünglich der Gewinnung von Bienenwachs viel mehr als der Honigerzeugung. Im Bemühen, diese traditionelle Form der Bienenhaltung wirtschaftlich und mit den Bienen ausführen zu können, studiert van Hernen das Verhalten der Bienen am Flugloch oder an den unteren Wabenkanten, die im Korb sichtbar sind. Dabei erschienen aus Sicht der wesensgemäßen Bienenhaltung einige Eingriffe in die natürlichen Lebensrhythmen der Bienenvölker sehr massiv, wie zum Beispiel das systematische Abtrommeln eines Volkes aus seinem Wabenwerk heraus in einen leeren Korb. So schlossen sich kontroverse Diskussionen an.

Historische Beuten an der Lagd

Norbert Poeplau erläutert die Betriebsweise am Alemannischen RumpfFoto: Barbara Leineweber

Bei einem Besuch des Mellifera-Lehrbienenstandes wurde der Alemannische Rumpf genauer angesehen. Formal erinnert er an eine etwas platt gedrückte Kugel, die von unten geöffnet ist und oben ebenfalls ein rundes Loch für die Fütterung besitzt. Diese Kugel steht auf einem Holzbrett oder Holzrahmen, in dem sich auch sein Flugloch befindet. Der Alemannische Rumpf ist aus Stroh gefertigt, wie die vorher betrachteten Stülper. Ebenso wird er zur längeren Haltbarkeit mit einem Kuhdung-Lehm-Anstrich versehen. Die Bienen bauen darin auch stabil, doch seine Betriebsweise sieht vor, dass bei der Ernte das Wabenwerk der hinteren Hälfte, wo die Bienen fluglochfern ihren Honig eintragen, ausgeschnitten wird. Beim Stülper hingegen befindet sich das Flugloch oben, so dass der Honig von den Bienen im unteren Bereich eingelagert wird, wo die Waben dann auch ausgeschnitten werden können. Während in der wesensgemäßen Bienenhaltung der Wabenbau nur im Zusammenhang mit dem Schwarmtrieb komplett erneuert wird, ist eine kontinuierliche Bauerneuerung beim Rumpf „inklusive“, denn er wird nach der Honigernte mit der nun leeren Rückseite nach vorne gedreht; die Bienen bauen dort anschließend ihre Waben neu verlagern ihr Brutnest dorthin. Der Honig wird anschließend wieder von hinten aus den im Vorjahr bebrüteten Waben gewonnen.

Baukunst und das Naturell der Bienen in „Eigentlich-Auch-Stabilbau-Beuten“

Naturwabenbau in der BienenkisteFoto: Katrin Sonnleitner Obwohl die Waben in der bei Mellifera entwickelten Bienenkiste an Oberträgern gebaut werden, werden sie im normalen Betrieb der Bienenkiste nicht bewegt. Es bleibt über mehrere Jahre – solang der Bien darin lebt – in unveränderter Position. Im Honigraum werden die Oberträger im Frühjahr eingesetzt und mit der Honigernte wieder entnommen, dazwischen jedoch ebenfalls nicht bewegt. Verwendet man hier lediglich eine Bauvorgabe, offenbart sich das Wunder eines organisch wachsenden Wabenwerks.

Top Bar Hive: Der Wabenkörper wächst an der Bauvorgabe der Oberträger (Dreiecksleisten) nach unten und bleibt so beweglich.Foto: Katrin Sonnleitner Der Kenianische Top Bar Hive, eine ursprünglich im Entwicklungshilfe-Zusammenhang entworfene Bienenbehausung mit schrägen Seitenwänden, baut auf die Reinlichkeit der Bienen, die normalerweise nicht an Flächen anbauen würden, auf denen Gemüll liegen bleiben könnte. Dies gilt für die geneigten Seitenwände des Top Bar Hive, die gewährleisten sollen, dass die an den Oberträgern gebauten Waben beweglich bleiben.
Nichtsdestotrotz befestigen die Bienen ihre Waben trotzdem manchmal an den Wänden oder verbauen sie miteinander. Auch abgerissene und herabgefallene Wabenteile werden an ihrer neuen Position an Boden, Wänden und Nachbarwaben von den Bienen stabilisiert und lassen sich dann nicht oder nur schwierig bewegen. Wer so imkern möchte, benötigt einiges an Erfahrung und bienenmäßige Flexibiltät.

Auf Augenhöhe mit dem Bien fünf Meter über dem Boden

Für den Blick in einen lebendigen Zeidlerbaum wurde die Leiter erklommen, und man durfte am eigenen Leib erfahren, was „auf Augenhöhe mit dem Bien“ bedeuten kann. In luftiger Höhe am kräftigen Stamm, tauchten die Teilnehmenden ein in ein Bienenvolk. Unbeeindruckt ob des ungewohnten Lichteinfalls ging es dabei weiterhin ruhig seinen Tätigkeiten nach. Norbert Poeplaus Denkanstöße zur Individualität der Bäume und Bienenvölker sowie die sinnliche Atmosphäre, in der Baum und Bien ganz für sich erlebt werden konnten, stellten sicher einen Höhepunkt dieses Sommerforums dar.

Beeherohive und Bienenturm – Ideen für Stabilbaukonzepte

Beeherohive an der FischermühleFoto: Norbert Poeplau Nachdem die Bienenruhe auch in Bodennähe an einer geschreinerten Klotzbeute auf dem Lehrbienenstand empfunden und genossen werden konnte, stellten André Deckers und David Juncker ihre Bienenwohnungen für eine extensive Bienenhaltung vor:
Der Beeherohive von André Deckers ist als dickwandiger Nachbau eines Baumstammes entworfen, der selbstbewusst auf einem Robinienstamm thront.
Das Leichtgewicht „Bienenturm“ von David Junker kommt als Röhre mit Wänden aus Schilfrohr daher – wenig Gewicht bei starker Wärmedämmung. In beiden Behausungen wird im Stabilbau geimkert. Varroadiagnose und -behandlungen können durchgeführt werden, und die Bienen können mit Nahrung versorgt werden, sollte es notwendig sein. Diese Entwicklungen zeugen von der Hingabe, sich an unterschiedlichen Orten vielfältig für eine gemeinsame Kulturbeziehung mit den Bienen einzusetzen.

David Junker stellt seinen Bienenturm aus Schilfrohr und Bugholz vorFoto: Barbara Leineweber

Mehr Anregungen als man umsetzen kann…

Der kurzweilige und reiche Austausch an diesem Wochenende hat einige Teilnehmende darin bestärkt, bald ihre eigenen Bienenkörbe zu besiedeln, die bei ihnen bisher noch im Dornröschenschlaf lagen. In konstruktiven und freundschaftlichen Gesprächen innerhalb der Mellifera-Imker*innen hat sich die große Offenheit für alle Systeme kundgetan und der tiefe Wunsch, in der Gemeinschaft miteinander und mit den Bienen an Erfahrung zu wachsen.

Das nächste Sommerforum findet am 29./30. Juli 2023 an der Fischermühle statt.
Themen zur Vertiefung können gerne vorgeschlagen werden an Katrin Sonnleitner.

Großartige Gemeinschaft und noch ein Hinweis

Ernte von feinstem Demeter-RoggenstrohFoto: Barbara Leineweber Während man sich über die Bienen austauschte, hat eine kleine Gruppe für den Tag nach dem Sommerforum eine spontane Roggenstrohernte organisiert, um einen Kurs im September zu ermöglichen, bei dem ein eigener Weißenseifener Hängekorb gebunden und seine Betriebsweise erlernt werden kann.
Die Anmeldung ist hier möglich.

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Über die Autorin:
Katrin Sonnleitner

Wesensgemäße Bienenhaltung

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+49 7428 945249-18

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