Mellifera-Blog

15 Jahre Varroazüchtung

Bericht vom Reischacher Imkertag mit Hans Rindberger und Prof. Randolf Menzel.

Bereits zum 6. Mal haben Christine Ebner und Udo Pollack zusammen mit ihren Imkerkollegen der Mellifera-Regionalgruppe „Naturwabenimker Altötting-Mühldorf“ dieses Imkerereignis organisiert. Die Situation der Bienen und aller anderen Insekten ist erschreckend und Aufklärungsarbeit über die Hintergründe ist wichtiger denn je, um alle blütenbesuchenden Insekten langfristig zu stärken und zu stabilisieren.

Am Infostand.Foto: Maria Pollack An die 200 interessierte Besucher machten sich auf den Weg nach Reischach, um die beiden namhaften Referenten, Hans Rindberger und Prof. Randolf Menzel, live zu erleben. Bereits eine Stunde vorher herrschte reges Treiben an den Infotischen, an denen neben einer Ausstellung von unterschiedlichen Bienenkästen auch Bücher und verschiedenes Infomaterial zu erhalten war.

Der erste Redner ist Imkermeister Hans Rindberger, Referent für ökologische Bienenhaltung aus Oberösterreich. Er spricht sehr anschaulich über den verhängnisvollen Zusammenhang der Störungen des Bienenvolkes (durch den Imker) und die Varroavermehrung. Hans Rindberger imkert mit großer Leidenschaft schon seit 55 Jahren. Man spürt in seinem Vortrag deutlich, wie naturverbunden und praktisch er denkt und wie sehr er die Vitalität seiner Bienen im Blick hat.

Anschaulich erklärt er, wie mit synthetischen Mitteln 15 Jahre lang eine Varroazüchtung betrieben wurde, denn durch den Auslesemechanismus überlebten die stärksten und stabilsten Individuen und somit wurde die Varroa insgesamt gestärkt. Durch all die Pflegemaßnahmen wurden die Bienen geschwächt und somit konnte der Gegenspieler, also die Varroa, immer aggressiver und widerstandsfähiger werden. Als treffenden Vergleich führt er die „Unkrautvernichtung“ in der Landwirtschaft an, die zwar kurzzeitig wirkt, aber langfristig gesehen werden auch die unerwünschten Pflanzen immer stärker.

Für Hans Rindberger ist die Frage ausschlaggebend „Was will die Biene?“ und nicht, wie bei so vielen anderen, was will der Mensch. Aus diesem Grunde sollte das Öffnen eines Bienenstocks sparsam stattfinden, denn dadurch wird der Wärmehaushalt im Volk gestört, was wiederum die Varroa aktiviert. Je nachdem, wie stark der Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen ist, dauert es ein paar Stunden bis ein paar Tage, bis die Reparatur der Störung behoben ist. Anhand der Entwicklungsdauer der Milbe und der Biene zeigte Hans Rindberger auf, wie durch die Wärmeverluste in den Bienenkästen die Entwicklung der Varroa in der Bienenbrut begünstigt wird.
Durch eine Temperaturstörung beim Öffnen des Bienenstocks verlängert sich die Reifezeit der Bienenpuppe um bis zu zwei Tage, dadurch schlüpfen mehr Varroaweibchen und das Vermehrungs-Verhältnis der Varroa gegenüber den Bienen verändert sich statt 1:1 wie im günstigsten Fall (bei den befallenen Puppen), auf bis zu 1:3 oder 1:4. Diese Zusammenhänge bewirken eine Destabilisierung des gesamten Bienenorganismuses.

Abschließend stellt Herr Rindberger mit seinem herzlichen österreichischen Charme noch ein neues Modewort vor: „Tierwohl“ gilt als neues Schlagwort in der Landwirtschaft, doch ist dies bei den meisten Imkern wohl noch nicht angekommen.

Nach der Pause zieht der Neurobiologe Prof. Dr. Dr. Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin seine Zuhörer in den Bann mit seinem Vortrag Wie Neonicotinoide das Verhalten von bestäubenden Insekten ändern

Obwohl er kein Imker ist, beschäftigt er sich seit über fünf Jahrzehnten mit Bienen. Er stellt gleich eingangs klar, dass Neonicotinoide Gifte sind, mit denen wir den Bienen das Gehirn ausschalten. Doch bevor eine Schuldzuweisung an die Landwirte gegeben wird, müssen wir uns selber an der Nase packen, die wir alle billiges Essen wollen und damit die Landwirte unter Druck setzen.

Prof. Randolf Menzel bei seinem Vortrag.Foto: Maria Pollack Er berichtet über die einmalige Navigationsweise der Bienen, mit denen sie genau feststellen, wann, wo, welche Nahrung und welcher Nektar zur Verfügung steht; er erklärt ihre Erkundungsflüge und dass die Gedächtnisbildung mit Botenstoffen und Molekülen u.a. ähnlich von statten geht wie beim Menschen.
Neonicotinoide sind Pestizide, die als Kontakt- und Fraßgifte wirken, sie werden z.B. als gebeizter Samen über die Wurzeln oder durch Spritzen aufgenommen und gelangen über den Boden in alle Teile der Pflanzen. Das meiste geht in den Boden, wirkt auf die Bodenbewohner wie Regenwürmer, geht in den Wasserorganismus und ins Futter. Somit werden die Insekten indirekt vergiftet, was wiederum eine Auswirkung auf die Vogelwelt und sogar auf Säugetiere hat.
Einige der Neonicotinoide sind zwar hier in Deutschland verboten, doch andere wie Thiacloprid oder Sulfoxaflor werden überall eingesetzt. Herr Menzel unterscheidet zwischen tödlichen und nichttödlichen Wirkungen auf Insekten, die er anhand erstaunlicher Erkenntnisse und Einblicke seiner Laborexperimente beweist.

Das Lernen und das Gedächtnis der Bienen finden im sogenannten Pilzkörper des Bienengehirns statt. Neonicotinoide wirken auf diese Gehirnprozesse, bei höheren Dosen ist dies tödlich, bereits bei sehr niedrigen Dosen stört dies die Gehirnprozesse. Anhand von Versuchen wurden den Bienen durch Belohnung mit Zuckerwasser ein Duft angelernt.

Nach nur drei Versuchen erinnerten sie sich am nächsten Tag gut. Doch mit einer Gabe von 64 ng/ bee Thiacloprid sechs Stunden nach dem Lernen gab es am nächsten Tag keine Erinnerung mehr.
Mit diesen und anderen Experimenten können Randolf Menzel und sein Team eindeutig belegen, dass Clothianidin und Thiacloprid massiv die Gedächtnisbildung und den Gedächtnisabruf der Bienen stören. Die Dosen, mit denen sie experimentieren, liegen in dem Bereich, den die Bienen von gebeiztem Raps aufnehmen können. Diese Mengen haben massive Auswirkungen auf das natürliche Verhalten der Bienen. Höchst faszinierend waren seine Ausführungen, bei denen mittels eines speziellen Radargerätes und einem kleinen Sender, der den Bienen aufgesetzt wurde, ihr Flugverhalten und der Rückflug zum Bienenstock untersucht wurden.

Anhand der Aufzeichnungen konnte jedermann klar verstehen und erkennen, dass bereits die Injektion einer einmaligen Dosis Auswirkungen auf das natürliche Verhalten der Bienen hat. Zwar werden das Sehen und die Flugfähigkeit nicht gestört, doch

  • die mit Gift „behandelten“ Bienen kommen seltener zum Stock zurück als die nicht behandelten Bienen.
  • sie brauchen viel länger und fliegen einen viel weiteren Weg, um ihren Stock zu finden, weil sie ihr Landschaftsgedächtnis nicht mehr abrufen können.
  • die Bienen reduzieren ihren Schwänzeltanz oder stellen ihn ganz ein.
  • sie benötigen eine sehr viel höhere Zuckerkonzentration um ihre Sammeltätigkeit aufrecht erhalten zu können.

Dabei ist auch zu bedenken, dass ein Rapsfeld von jeder Biene öfters angeflogen wird und sie somit im tatsächlichen Leben mehr Neonicotinoide aufnimmt, als bei diesen Experimenten. Dies geschieht über den Nektar, den Pollen und die Guttationssäfte von den Pflanzen sowie über den Ackerstaub und die Wasserpfützen auf den Äckern, Herr Menzel geht von 2 ng/ Flug aus. Bei einer „Daueraufnahme“ werden die Schwänzeltänze ganz eingestellt, somit fehlt die Kommunikation der Bienen untereinander.

Gleich im Anschluss an das Referat wurden beiden Referenten zahlreiche weiterführende Verständnisfragen und u.a. Fragen nach der politischen Umsetzung sowie der Glaubwürdigkeit der bekannten Bieneninstitute gestellt. Fazit: Leider sucht man nach dem, was man eh schon weiß und nicht nach dem, was man herausfinden müsste. Das ist praktisch, weil damit alles beim Alten bleibt!

Mein persönlicher Eindruck: Für mich war dieser Nachmittag eine geniale Kombination und Ergänzung der beiden Vortragenden – der praktische Imker und der bienenverstehende Forscher – und ich fühle mich wieder sehr gestärkt in der Argumentation gegen den Einsatz von Neonicotinoiden und anderen Umweltgiften in unserer Landwirtschaft.

Maria Pollack (Mellifera-Regionalgruppe Naturwabenimker Altötting-Mühldorf)

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