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Soziale Intelligenz: was wir von den Bienen lernen können

Die Verhaltensweise eines Bienenschwarms kann auch für Entscheidungen in menschliche Gmeinschaften verwendet werden. Eine neue Studie fand heraus, dass diese Prozesse im Bienenvolk neuronal ähnlich ablaufen wie beim Menschen.

Mit Präzision und Leidenschaft haben Thomas D. Seeley und seine MitarbeiterInnen untersucht, wie Bienenschwärme ihre optimale Behausung finden (Seeley 2014). Diese Aufgabe übernehmen maximal 5 % der erfahrensten Spurbienen, die mindestens ein Dutzend verschiedene Möglichkeiten prüfen, bevor ein Entscheid getroffen wird. Die Vorgehensweise des Schwarms garantiert die Wahl der bestmöglichen Nisthöhle:

  • Alle Spurbienen «wissen», dass ihre Wahl über Leben und Tod des Schwarms entscheidet: Sie teilen ein gemeinsames Interesse.
  • Jede gefundene Behausung wird mit einem Tanz allen Bienen mitgeteilt.
  • Die Information ist allen zugänglich: Es gibt keine einsamen Führungs- entscheide.
  • Bienen in der Schwarmtraube interpretieren den Tanz, fliegen zu den angegebenen Plätzen, prüfen die Qualität der Behausung und übermitteln ihre Bewertung ebenfalls mit einem Tanz: Die Vielfalt der möglichen Optionen wird individuell und konkret bewertet.
  • Gute Plätze werden mit einem intensiveren Tanz von längerer Dauer angezeigt als weniger gute; entsprechend fliegen mehr Bienen zu guten Plätzen als zu mittelmäßigen. Jede Biene tanzt nur einmal für einen Platz: Es gibt kein Lobbying.
  • Tanzen 70 % aller Tänzerinnen für eine Behausung, fliegt der Schwarm los: Es gilt der Quorumentscheid.

Weshalb sind nur 5 % und nicht alle Bienen am Prozess beteiligt? Weshalb werden so viele Plätze bewertet, bevor ein Schwarm loszieht? Intuitiv ist beides sinnvoll. Entscheidungsprozesse mit einer größeren Zahl von beteiligten Bienen würden sich endlos hinziehen. Umgekehrt würden bei Prüfung von weniger Nistmöglichkeiten Entscheide zu schnell und damit zu unpräzise fallen. Ob Weisheit oder Evolution, die Prozesse bei der Suche eines neuen Zuhauses sind magisch.
Am Ende des lesenswerten Buches zeigt Seeley, dass die Vorgehensweise des Schwarms auch für Entscheidungen in menschlichen Gemeinschaften – seien es Gemeinden, Forschungsgruppen oder andere Organisationen – verwendet werden kann. Für einige Leser ist diese Schlussfolgerung zweifelhaft, weil Bienen nicht über einen Sinn für Vergangenheit und Zukunft, Empathie oder gar Freiheit verfügen. Die Aussagen am Ende jedes oben genannten Punktes sind dennoch Hinweise auf Aspekte, die bei Gruppen- entscheidungen beachtet werden müssen.

Mechanismen des Schwarmverhaltens

Auf der Suche nach den Mechanismen des Schwarmverhaltens liegt es nahe, Ähnlichkeiten zu den neuronalen Prozessen bei der Entscheidungsfindung bei höheren Lebewesen zu suchen, z.B. bei Primaten, die als Modellorganismen für die Untersuchung kognitiver Prozesse beim Menschen dienen. In einem Versuch wurden Affen trainiert, auf einem Bildschirm, auf dem sich Punkte zufällig bewegen, die wenigen zu entdecken, die sich geordnet (kohärent) nach links oder rechts bewegen, und ihnen mit den Augen zu folgen.


Aus einer Vielzahl von Eindrücken werden einzelne selektiert, die schließlich zu einer Bewegung führen. Der Versuchsaufbau erinnert an den Bienenschwarm, der eine Vielzahl von Nistgelegenheiten aufsucht, eine bestimmte (die beste) auswählt und im koordinierten Flug besetzt. Die Verhaltensweise bei den Affen ist mit neuronalen Aktivitäten in verschiedenen Gehirnregionen gekoppelt, die gemessen werden und der Modellbildung zugrunde liegen.


In dem Bienenstock drinnen geht es nämlich im Grunde genommen geradeso zu wie im eigenen Menschenkopf.


Als erstes werden in einer Hirnregion, die als mittlere temporale (MT) Region bezeichnet wird, Neuronen aktiviert, die die kohärenten Bewe- gungen, die der Affe sieht, registrieren. Jedes dieser Neuronen wird durch eine Bewegung eines Punktes auf dem Bildschirm (nach links oder rechts) aktiviert und durch eine gegenläufige Bewegung inhibiert. In der latera- len intraparietalen (LIP) Region werden die Aktivitäten der MT Region akkumuliert. Je mehr Reize in der LIP Region ankommen, umso stärker werden die Neuronen aktiviert. Auch hier gibt es eine wechselseitige Inhi- bition. Neuronen, die die Bewegung der Punkte nach rechts registrieren, inaktivieren diejenigen, die Punkte nach links registrieren – und umgekehrt. Das Niveau der Aktivität von Neuronen in der LIP Region bestimmt, ob eine Augenbewegung nach links oder rechts ausgeführt wird. Der visuelle Totaleindruck (Bewegung aller Punkte) wird durch eine «sensorische Transformation» in der MT Region zur sensorischen Repräsentation. In der LIP Region werden die Signale der MT Region registriert und einer Entscheidungstransformation unterworfen. Damit werden Anhaltspunkte für ein mögliches Verhalten angehäuft. In einem dritten Schritt wird mit einer Aktionstransformation eine Augenbewegung nach links oder rechts ausgewählt. Analoge Vorgänge vom Festhalten («Erkennen») der Qualität der Behausung, ihrer Bewertung («Fühlen») zum Abflug des Schwarms («Tun») werden auch von den Bienen gemacht. Der Entscheidungsprozess für den besten Platz folgt denselben Regeln wie die Prozesse der Nervenzellen im Gehirn der Affen. «Der Schwarm ist ein freiliegendes Gehirn» – so fasst Seeley den Befund zusammen, ohne zu wissen, dass Rudolf Steiner (1923) gesagt hat: «In dem Bienenstock drinnen geht es nämlich im Grunde genommen geradeso zu […] wie im eigenen Menschenkopf».

Bienen entscheiden wie Menschen

Ein Bienenschwarm und das menschliche Gehirn haben viel gemeinsam. Die Interpretation, dass ein Bienenvolk sich wie das Gehirn eines Schimpansen verhält, ist eine Provokation, weil die Analogie fordert, das Volk als den eigentlichen Organismus zu verstehen, in dem die Spurbienen einzelne Zellen sind. Verhält sich ein Bienenschwarm, der in seinem Verhalten die neurologischen Prozesse der Reizverarbeitung von Primaten imitiert, auch gemäß Gesetzen von psychophysischen Vorgängen, die man beim Menschen beschrieben hat? Diese Frage beantworten WissenschaftlerInnen von der Universität Sheffield mit einem eindeutigen Ja (Reina et al. 2018). Sie zeigen, dass das Verhalten eines Bienenschwarmes (der wie das Bienenvolk in der aktuellen Literatur als «Superorganismus» bezeichnet wird) mit Hilfe dreier psychophysischer Gesetze beschrieben werden kann, die zur Untersuchung der Beziehung der Intensität von (Sinnes-)Reizen und ihrer Wahrnehmung beim Menschen formuliert wurden (Weber-Fechner-Gesetz, Hiksches Gesetz und Piéron-Gesetz).
Die Autoren betonen, dass bei den Bienen kein einziges Tier nach diesen psychophysikalischen Gesetzen reagiert, sondern lediglich der Schwarm als Ganzes. Wie Seeley sind die Autoren von der engen psychophysischen Verwandtschaft zwischen Bienen und Mensch überzeugt. Darüber hinaus fordern sie auf, für das Verständnis psychophysischer Vorgänge beim Menschen das Verhalten von Bienen zu studieren und umgekehrt. Diese Forderung erinnert an die Aussage Steiners, Bienenvölker heute als Bild der Zukunft sozialer Gemeinschaften aufzufassen (Steiner 1907).

Gruppen, Gemeinschaften und soziale Intelligenz

Mit dieser Aussage eröffnet Steiner noch eine weitere Perspektive. Schwarmintelligenz ist nicht nur die Bestätigung, dass das Volk und die einzelnen Bienen in einer vergleichbaren Beziehung stehen wie das Gehirn und die Nervenzellen beim Menschen. Steiner legt vielmehr nahe, nach dem übergeordneten Ganzen, in dem die einzelnen Menschen wie die Bienen sind, zu suchen. Das aber ist der soziale Organismus!
Wie groß er ist, hängt vom Projekt ab, das er verfolgt. Jedes Unternehmen, jeder Bauernhof, jede Forschungsgruppe, jede Familie kann Keimpunkt werden. Sicher ist, wie Peter Miller (2010) schreibt, dass zehn mittelmäßig Begabte, wenn sie zusammenarbeiten, eine unternehmerische oder soziale Aufgabe erfolgreicher lösen, als ein Genie, das alleine an der Lösung tüftelt. Entscheiden wie die Bienen heißt in Beziehung sein – mit gegenseitigem Respekt, kollektiver Kreativität, bereit viele Lösungsmöglichkeiten zu prüfen und in Gesprächen zu bewerten und Einheitlichkeit, Genauigkeit und Geschwindigkeit der Lösung durch ein Quorum zu sichern. Wir sind die Bienen des sozialen Organismus.

Literatur
Miller, P. (2010): Die Intelligenz des Schwarms. Was wir von Tieren für unser Leben in einer komplexen Welt lernen können. Campus Verlag, Frankfurt a.M.
Reina, A. et al. (2018): Psychophysical laws and the superorganism. Scientific Reports 8
Seeley, T.D. (2014): Bienendemokratie. Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
Steiner, R. (1907): Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole. Dornach 1992, GA 101.
Steiner, R. (1923): Über die Bienen. Dornach 1965, GA 351.

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Autor Johannes Wirz

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