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Biodiversität und Klimawandel

Wir übernutzen unseren Planeten in einer horrenden Geschwindigkeit. Das Modell der „planetaren Grenzen“, welches von Wissenschaftlern auf der Ganzen Welt erarbeitet wurde, zeigt sehr anschaulich, in welchen Sektoren wir unsere Welt überstrapazieren. Wo liegt da der Klimawandel, der alles zu dominieren scheint?

Di 21. Dezember 2021 von Matthias Wucherer BieneMenschNatur.41, Blühflächen, Landwirtschaft, Öffentliches Grün

Die gleichsam überraschende wie frappierende Nachricht: Der Klimawandel ist nicht das größte Problem. Vielmehr rangieren vor ihm noch der Landnutzungswandel, die Überdüngung von Land und Gewässern sowie an vorderster Front: der Verlust an Biodiversität.

Klimawandel, Stoffflüsse, Landnutzung und Biodiversität beeinflussen sich gegenseitig. Doch viel zu lange wurden diese Faktoren in der Wissenschaft getrennt betrachtet. Inzwischen gibt es unter den Wissenschaftlern des Weltbiodiversitätsrates IPBES und des Weltklimarates IPCC einen großen Konsens, dass diese Herausforderungen vielmehr als Einheit angesehen werden müssen. Die logische Schlussfolgerung: Auch Lösungsansätze müssen ganzheitlich und integrativ sein.

Die drei Dimensionen der Biodiversität

Wie sehr Biodiversität und Klimawandel zusammenhängen, wird besonders gut dann sichtbar, wenn man sich die drei Dimensionen der Biodiversität selbst ansieht: Denn neben der Artenvielfalt gehören auch die Vielfalt der Lebensräume (in denen die Arten leben) wie auch die genetische Vielfalt (u.a. die Vielfalt innerhalb der Arten) zum Reichtum des Lebens.

Jeder dieser drei Aspekte hat eigene Wechselwirkungen mit dem Klima und seinem Wandel:

  • Lebensräume werden durch ein anderes Klima verändert: höhere Temperaturen trocknen Feuchtgebiete aus, häufigere und andauernde Starkregenereignisse überfluten Trockenstandorte, Wälder brennen. Am Ende verändern sich so viele Habitate oder gehen ganz verloren.
  • Heute laufen die klimatischen Veränderungen durch unser menschliches Zutun um ein Vielfaches schneller ab. Die Veränderung der Lebensräume führt dazu, dass bis dato hervorragend angepasste Tiere und Pflanzen in ihren Lebensräumen nicht mehr zurechtkommen.
    Sie kommen buchstäblich nicht mehr hinterher, weder in ihrer genetischen Anpassung noch in ihrer Mobilität. Wir verlieren Artenvielfalt.
  • Während Artenvielfalt und Lebensraumvielfalt vor allem durch den Klimawandel bedroht oder zumindest verändert werden, birgt die genetische Vielfalt ein riesiges Potenzial für eine Anpassungsfähigkeit an den Wandel. Innerhalb einer Pflanzenart gibt es zum Beispiel sehr viele verschiedene Typen: So bilden Margeriten, die auf sandigen Böden an der Ostsee wachsen, eine andere regionale Pflanzengesellschaft als Margeriten am Rhein und wieder eine andere als Margeriten am Alpenrand. Wenn sich die Umweltbedingungen ändern – zum Beispiel durch den Klimawandel – dann bietet diese genetische Vielfalt einen Puffer: Bei großer Vielfalt sind die Chancen höher, dass eine genetische Kombination dabei ist, der die veränderten Umweltbedingungen zusagen und die damit den Fortbestand der Art und ihrer Funktion in den Ökosystemen sicherstellt.

Die Vielfalt des Lebens schafft Stabilität – eine Stabilität, die wir in Zeiten des beschleunigten globalen Wandels dringend brauchen.

Das Klima mitdenken

Was bei all den Herausforderungen auffällt: Landnutzung, Pflanzennährstoffe und Biodiversität haben allesamt mit der Landschaft zu tun. Nicht zuletzt deshalb ist der Klimawandel auch verstärkt in der Arbeit des Netzwerks Blühende Landschaft zu finden. Auch wir können Biodiversität nicht ohne Klima denken oder andersherum. Was würde passieren, setzten wir in unseren Projekten und in unserer Beratung auf billig vermehrtes Einheitssaatgut aus wenigen Herkünften? Wir würden massenhaft Samen von genetisch sehr ähnlichen Pflanzen verbreiten, einen genetischen Flaschenhals erzeugen und somit die genetische Vielfalt der Pflanzenart verflachen. Sprich: Wir würden zugunsten der Artenvielfalt die genetische Vielfalt reduzieren – Anpassungspotenzial adé. Deshalb ist für uns seit jeher das Thema Regiosaatgut von zentraler Bedeutung, um auch die regionale und genetische Vielfalt der Pflanzen, nicht zuletzt als Anpassungspotenzial für Klimaveränderungen, zu erhalten und zu fördern.

Ebenso ist unser Einsatz für bunte Wiesen, blühende landwirtschaftliche Praxis und öffentliches Bunt immer auch ein Einsatz für Klimaschutz: Ein Hektar artenreiches Grünland zum Beispiel bindet pro Jahr sechs Tonnen CO2 aus der Atmosphäre und hält es in seinem Wurzelbereich fest. Somit hat eine Blumenwiese nicht nur eine höhere Artenvielfalt als heimischer Forst, sondern sie bindet auch mehr Kohlenstoff im laufenden Wachstum.

Öffentliche Grünflächen können ein Spektrum von Lebensräumen bieten, das mit der Landwirtschaft schwer vereinbar ist – denn Landwirte brauchen produktive Böden und können deshalb auch nur stickstofftolerante Pflanzen fördern. In den Gemeinden sieht das ganz anders aus; niemand erntet Kartoffeln vom Kreisverkehr. Wenn wir die Kohlenstoffströme aktiv leiten, können wir öffentliche Flächen zugunsten fruchtbarer Ackerböden artenreich erhalten und nebenbei CO2 binden.

Am Ende wird uns eines in aller Deutlichkeit vor Augen geführt: Das einzig Beständige in der Natur ist der Wandel. Wir können den Wandel akzeptieren und durch veränderte Wirtschaftsweisen und Methoden gestalten. In der Theorie wird dabei von „Change by design“ gesprochen, also Veränderung durch Gestaltung. Oder aber wir leugnen, zaudern, klammern uns an Ideologien und daran, wie alles einst war (welchen Zeitpunkt oder Zustand in einer sich ständig ändernden Natur meinen wir damit genau?). Da der Wandel jedoch größer ist als wir, holt er uns dennoch ein. Das wäre dann „Change by desaster“, also Veränderung durch Desaster. Das Netzwerk Blühende Landschaft sieht sich immer schon in der Rolle, die Landschaft positiv mitzugestalten. Wir wählen den ganzheitlichen Lösungsansatz: Biodiversität als Lebensgrundlage für Pflanze, Tier und Mensch fördern und damit dem Klimawandel begegnen.


Biene sitzend auf Blüte