NBL-Blog

Kooperation "Bienen füttern" (v.l.n.r.): Werner Ollig (DGG), Peter Maske (Deutscher Imkerbund), Bundesminister Christian Schmidt, Peter Botz (VDG), Wilhelm Ley (Garten-Center Sängerhof) Foto: BMEL

Die Bienen füttern uns!

Die BMEL-Öffentlichkeitskampagne „Bienen füttern“ – viel Schein um wenig Sein: Landwirtschaft wird bewusst ausgeklammert!

Letzte Woche wurde unter Leitung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) die Kampagne „Bienen füttern“ gestartet. Mit viel Tamtam und Pressearbeit macht sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zusammen mit dem Zentralverband Gartenbau e.V., Industrieverband Garten e.V., Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten e.V. (BHB), Verband Deutscher Garten-Center e.V. (VDG) sowie dem Deutschen Imkerbund (D.I.B.) dafür stark, dass Gartenbesitzer bienenfreundliche Pflanzen kaufen und weniger Pestizide in ihren Gärten ausbringen. Eine Bienen-App soll nun den Gärtnern helfen.

Dabei gibt es seit vielen Jahren Initiativen, die sich dafür stark machen, dass die Lebensgrundlagen und Nahrungsressourcen der Blüten bestäubenden Insekten in Mitteleuropa verbessert werden. Umfangreiches, kostenloses Informationsmaterial gekoppelt mit fundierten Handlungsempfehlungen stehen seither zur Verfügung, um unsere Landschaften für Pflanze, Tier und Mensch wieder zum Blühen zu bringen. Im Frühjahr 2015 nun „füttert“ das Bundeslandwirtschaftsministerium die Bienen mit einer App für Balkon und Garten. Hier werden Biene, Hummel, Schmetterling und Co mit Brosamen abgespeist.

BMEL-Kampagne „Bienen füttern“ – Biene, Hummel, Schmetterling & Co werden mit Brosamen abgespeist.

Schuster, bleib bei Deinen Leisten und kehre vor Deiner Haustür

Wäre es nicht viel sinnvoller, wenn eine große mit Steuergeld finanzierte Behörde, wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, sich um seine Kernkompetenz, nämlich die Landwirtschaft, bemüht? Muss das BMEL sich um Privatgärten und Balkone sowie die Verkaufserfolge der Garten-Center kümmern? Muss ein Bundesministerium eine Bienen-App für viel Geld entwickeln lassen, um Informationen, die bereits vielmals kostenlos im Internet zur Verfügung stehen nochmal neu aufzubereiten?

Tipps für Privatgärten & Balkone

Netzwerk Blühende Landschaft

Die Honigmacher

Balkone und Hausgärten sind nicht das Problem
(und auch nicht die Lösung)

Natürlich sind buntblühende Siedlungsbereiche und Gärten für Honigbienen und andere Blütenbestäuber nicht zu vernachlässigende Lebens- und Nahrungsräume und bürgerschaftliches Engagement ist wichtig – nicht zuletzt auch für uns Menschen, schließlich ist es unser alltäglicher Lebensraum. Aber bei Gärten und Balkonen liegt doch nicht das Problem der knappen Nahrungsressourcen für Blüten bestäubende Insekten! Dass es den Honigbienen in den städtischen Bereichen gut geht, ist nicht nur unter Imkern inzwischen eine Binsenweisheit. Urbanes Imkern erlebt einen enormen Zustrom an interessierten Jungimkerinnen und –imkern. Denn Honigbienen halten ist in der Stadt einfach, die Nahrungsressourcen sind in fast jeder Siedlung ausreichend vorhanden. Auch Pestizide sind im Siedlungsbereich nicht das Problem, wenngleich diese auch in Privatgärten und Gärtnereien noch zu viel angewendet werden und es begrüßenswert ist, den Verbrauch auch der giftigen Neonicotinoide zu verringern.
(weitere Infos: www.bienen-landwirtschaft.de)

Urban Beekeeping Initiativen

Foto: unbekannt

Bienenkiste

Deutschland summt

Das Problem: agrarindustrielle Landwirtschaft

Das Problem der Nahrungsknappheit für Blütenbestäuber liegt nicht in der Stadt, sondern in den ländlichen, von agrarindustrieller Landwirtschaft betroffenen Regionen. In diesen ländlichen Regionen geht die Biodiversität und Blütenvielfalt seit Jahrzehnten den „Bach runter“. Dort sind Imker gezwungen ihre Völker in manchen Sommern zu füttern, weil die Honigbienen keinen Nektar und Pollen mehr finden und hungern. Dort verschwinden Tierarten wie z.B. Kiebitz, Rundaugen-Mohrenfalter und Pflanzenarten wie z.B. Feld-Rittersporn und Lämmersalat. Dort treten Vergiftungen (z.B. Oberrhein Frühjahr 2008) und Langzeit-Schädigungen von Honigbienen-Völkern und wildlebenden Blütenbestäubern auf (z.B. Forschungen von Prof. Menzel). Und genau hier, zum Zustand der deutschen Landwirtschaft, wäre das BMEL der in der Verantwortung stehende Ansprechpartner!

Denn Bienen und Landwirtschaft sind untrennbar miteinander verbunden. 50% der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Dort leben Bienen und Schmetterlinge, jedoch sind 69% der ca. 190 Tagfalter und 63% der ca. 550 Wildbienen Deutschlands in ihrem Bestand laut Roter Liste des Bundesamts für Naturschutz (BfN) gefährdet. Diesen vielen Arten hilft die angelaufene BMEL-Kampagne gar nichts!

Bienen und Landwirtschaft sind untrennbar miteinander verbunden.


  • Agrarindustrielle Landwirtschaft: Maisfeld
  • Artenreiche Salbei-Glatthaferwiese

Nicht „Bienen füttern“, sondern „Bienen und Wildinsekten Nahrungs- und Lebensraum bieten“

Also, Herr Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt, wo sind die Initiativen aus Ihrem Hause die sich endlich für eine wirkliche Trendwende in der Agrarlandschaft und für Biene, Hummel, Schmetterling und Co einsetzen – für mehr Blütenvielfalt, für mehr Bienen-Nahrung, für mehr Mooshummeln und Goldene Scheckenfalter, für mehr Biodiversität? Wo ist die innovative App für Landwirte, damit sie sich informieren können, welches Saatgut sie als blühende Zwischenfrucht wann ausbringen sollen? Oder welche blühenden Wiesenkräuter für Rindermägen besonders wertvoll und gesund sind? Oder welche Agrarumweltmaßnahmen die Landwirte für mehr Biodiversität auf ihren Flächen zu welchen Bedingungen unterstützen können? Ein Engagement in diesem Sinne würde zeigen, dass Sie es wirklich ernst meinen!

Ablenkungsmanöver und PR-Kampagne

So begrüßenswert es ist, dass das Thema mangelnder Blütenvielfalt auch von Regierung und Verwaltungen aufgegriffen wird und dass Initiativen für Privatgärten und Grün in der Stadt gestartet werden, sie lenken doch von den wichtigen Themen und Zuständigkeiten ab. Sie sind ein Schau-Laufen zu vieler Theoretiker mit geringem Praxisbezug und schieben die Verantwortung der drängenden Probleme auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Zusätzlich werden Pestizide in der Landwirtschaft, wie die hochgiftigen Neonicotinoide, verharmlost und zumindest bei der Honigbiene nur wieder die Varroamilbe ins Blickfeld gerückt.

Mit Aktivismus, modernen Gadgets (App) und PR-Nebelkerzen wird an der Verbesserung des Außenbildes des BMEL gearbeitet – anstatt endlich einmal die Missstände der Agrarpolitik anzupacken und zu reformieren! Man könnte z.B. endlich dafür sorgen, dass die vielen Landwirte, die etwas für die Biodiversität auf ihren Flächen tun wollen, eine ordentliche und auskömmliche Honorierung für eine extensive Bewirtschaftung angeboten bekommen.

Wir sollten nicht die „Bienen füttern“, sondern wir sollten endlich verstehen, die „Bienen füttern uns“!

Über den Autor
Autor Holger Loritz

Leiter Netzwerk Blühende Landschaft

"Flügelt ein kleiner blauer Falter vom Winde geweht,..." (Hermann Hesse)

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