NBL-Blog

Foto: André Künzelmann (UFZ)

Weltuntergang ist nicht mein Ding

Interview mit Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und Ko-Vorsitzender des globalen Berichtes des Weltbiodiversitätsrates (IPBES).

Herr Settele, aktuell dominiert die Thematik des anthropogenen (menschgemachten) Klimawandels die öffentliche Diskussion. Gleichzeitig wird sich die Öffentlichkeit mehr und mehr klar über die vielfältigen Umweltprobleme. Was ist denn jetzt am wichtigsten: Klimaschutz oder Rettung der Biodiversität?

Diese Frage kann kein „oder“ enthalten. Im gemeinsamen Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) und des Weltklimarates (IPCC) vom Juni 2021 sind sich die Experten absolut einig, dass Klimawandel und Biodiversitätsverlust gleichzeitig mit voller Kraft angegangen werden müssen. Von Seite der Biodiversitätsforschung war das immer schon klar, aber seit geraumer Zeit sehen das auch viele in der Klimaforschung so. Wirksame Maßnahmen zum Schutz des einen wirken sich auch auf das andere aus. So hat Deutschland der 30/30 Initiative zugestimmt, bzw. diese sogar mit-initiiert, nach der 30% der Meeresgebiete und 30% der Landoberfläche als Schutzgebiete ausgewiesen werden sollen. Darunter sind natürlich viele Wälder und Moore, die das Klima stabilisieren.

Wenn man aber über Klimawandel spricht, muss man auch den Wortbestandteil „Wandel“ unterstreichen. Der Wandel findet nämlich bereits statt und wir müssen uns diesem Wandel öffnen. Zum Beispiel sind diese gerade genannten Schutzgebiete nur 5-10% Schutzgebiete, wie wir sie im engeren Sinne verstehen. Der Rest sind Gebiete, in denen zwar menschliche Flächennutzung stattfindet, aber eben in einer Art und einem Ausmaß, in dem sich diese Landschaftsteile noch als vielfältige Ökosysteme funktionieren können und in denen die Arten einen Lebensraum finden. Dabei wird es aber auch permanente Veränderungen geben, ein Kommen und Gehen von Arten. Wir müssen als Gesellschaft die Vorstellung eines statischen Zustands der Natur aufgeben und uns einer sich permanent verändernden Natur öffnen.

Welche unserer heimischen Tiere, Pflanzen und Lebensräume leiden denn besonders unter dem Klimawandel und wieso?

Es gibt im Klimawandel wie in jedem Wandel auf kurz oder lang Gewinner und Verlierer. So sehen wir in unseren Breiten mediterrane Arten einwandern, sprich sie können sich durch den Klimawandel Mitteleuropa als Lebensraum erschließen. Da der Klimawandel viel mit Erwärmung zu tun hat, sind natürlich insbesondere kältetolerante Arten die großen Verlierer, also z.B. die Bewohner von Höhenlagen. Es sind aber nicht nur Arten betroffen, sondern eben auch Lebensräume. Unsere Moore und Feuchtgebiete zum Beispiel werden sowohl als artenreiche Lebensräume als auch als Kohlenstoffspeicher im Klimawandel besonders gestört: zum einen wegen des Temperaturunterschieds, zum anderen aber auch, weil der Klimawandel Veränderungen von feucht nach trocken oder andersherum auslöst. An diesem Beispiel wird dann auch die Kombination der Effekte von Klima und Landnutzung klar. Wenn Feuchtwiesen aufgrund des Klimawandels trockener werden, dann werden sie auch leichter befahrbar. In der Folge werden diese Flächen dann fast schon automatisch intensiver genutzt – was dann wiederum Auswirkungen auf die Biodiversität auf diesen Flächen hat. So entsteht dann gleich ein doppelter Schaden. Andersherum können diese Lebensräume auch Teil der Lösung sein. Sogenannte „Nature based Solutions“ zeigen, wie Renaturierungen und Extensivierungen die Kohlenstoffaufnahmekapazität von Flächen erhöhen oder zumindest eine weitere Abgabe bremsen. Wieder am Beispiel der Feuchtflächen: eine Wiedervernässung führt nicht nur zur Wiederbesiedelung durch die typischen Tier- und Pflanzenarten, sondern auch zu einer Wiederherstellung höherer Kohlenstoffbindung im Boden.

In diesen Diskussionen wird auch immer wieder auf das Zerreißen bzw. Durchlöchern von ökologischen Netzwerken hingewiesen. Welche Rollen nehmen z.B. Insekten in den Netzwerken ein und wie wirkt sich hier vermutlich der Klimawandel aus?

Zur wichtigen Stellung der Insekten gibt es sehr vielfältige Erkenntnisse, die schwer in einer kurzen Antwort zusammenzufassen sind. Man spricht viel über die Bestäubung, die aber nur eine von vielen wichtigen Funktionen der Insekten in den Ökosystemen ist. Es ist schon schwer genug, die große Vielfalt dieser kleinen Tiere zu begreifen, noch schwerer ist es, die konkreten Funktionen der einzelnen Arten zu bestimmen. Dazu gibt es eine schöne Metapher: Wenn Sie sich ein Flugzeug im Flug vorstellen, bei dem eine Niete aus der Hülle platzt, dann wird dieses Flugzeug weiterfliegen. Nicht einmal ein Ingenieur wird aus dem Stand sagen können, welche Teile diese Niete verbunden hat und was genau ihre Funktion war. Wenn aber eine kritische Anzahl an Nieten rausgeplatzt ist wird es das Flugzeug schlagartig zerreißen und es wird abstürzen. Ähnlich ist es mit vielen Insektenarten: den Verlust einer Wildbiene bemerken vermutlich nur die Experten, und selbst wenn man noch nicht abschließend weiß, welche Funktionen im Ökosystem diese Wildbiene erfüllt hat: die Welt geht nicht unter. Wir sind aber aktuell dabei sehr viele verschiedene Arten (Nieten) in hoher Geschwindigkeit zu verlieren. Unterstellt, dass man einen Kollaps verhindern möchte, sollte man dem Verlust von Arten mit aller Kraft begegnen.

Es gibt ein konkretes Projekt in asiatischen Reisanbaugebieten. Diese Reisfelder bestehen zum Teil schon seit tausenden Jahren, viele dieser landwirtschaftlichen Flächen sind reicher an Insektenarten als ein mitteleuropäischer Buchenwald. Dazu gehört die Reisanbaufläche an sich ebenso wie die begleitenden Strukturen um sie herum. Diese Gebiete waren sehr lange Zeit stabil. In dem Moment, als man versuchte, den Anbau mit synthetischen Mitteln zu optimieren – vor allem durch Einsatz von Insektiziden – wurden diese Anbausysteme destabilisiert und erst dann traten in großem Umfang Ertragsschwankungen durch ernteschädigende, pflanzenfressende Insekten auf. Was war passiert? Die Insektizide haben alle in gegenseitiger Abhängigkeit stehenden Insekten getötet, also die Biodiversität stark eingeschränkt, und damit den Reis als leichte Beute stehen lassen. Insekten, die an Reispflanzen fressen, hatten also keine Feinde mehr, aber einen gedeckten Tisch und konnten sich sehr schnell erholen und vermehren. In Projekten, unter anderem mit Imkern, konnten der Bevölkerung die angrenzenden Flächen als besonders wertvoll und schützenswert vermittelt werden. Durch den Schutz der Bienen in diesen Gebieten fanden auch parasitoide Insekten wieder ein Refugium, die ihrerseits wieder die „Schadinsekten“ in Schach halten. Das ist nur ein Beispiel eines Systems, das von Menschen gestört wurde, bevor wir es überhaupt verstanden haben.

Das Klima hat (also) einen großen Einfluss Lebensräume und damit auch auf die Landschaft. Geht das auch in die andere Richtung? Hat Biodiversität auch einen Einfluss auf das Klima?

Wie das Beispiel der Moore oben gezeigt hat, haben funktionierende Ökosysteme sehr wohl ein großes Vermögen, Kohlenstoff zu binden. Biodiversität und Klima haben sich in der Erdgeschichte permanent gegenseitig beeinflusst. Was neu ist, ist die Geschwindigkeit der Veränderung durch den menschgemachten Klimawandel.

Grundsätzlich haben unterschiedliche Vegetationen unterschiedliche Einflüsse auf das Klima. Wir sehen zum Beispiel, dass viele Graslandschaften mehr Kohlenstoff in den durchwurzelten Bereichen speichern als Wälder. Kulturlandschaften, wie sie bei uns in Europa vorherrschen, haben also auch das Potenzial, dem Klimawandel entgegenzuwirken. In der Folge aber bestimmte Bewirtschaftungsformen zugunsten des Klimas massenhaft einzusetzen ist wenig zielführend. Zum Beispiel macht der Anbau von Monokulturen egal welcher Art keinen Sinn, weil diese Systeme weder in sich stabil sind, noch einen Beitrag als Lebensraum leisten. Es gibt Bereiche, die man vernünftig bewirtschaften kann und deren Flächen dann sowohl Lebensraum als auch Kohlenstofffänger sind, zum Beispiel artenreiche Wiesen- und Weidebewirtschaftung. Andere Lebensräume sollten weitestgehend sich selbst überlassen bleiben, z.B. Moore und Permafrostböden, denn hier bewirken Störungen einen sich selbst beschleunigenden Abbauprozess. Wenn Permafrostböden auftauen, entweichen nicht nur große Mengen von Treibhausgasen, auch z.B. das Auftreten längst überwunden geglaubter Krankheitserreger kann die Folge sein.

Klimaschutz durch Pflanzenwachstum wird ja viel diskutiert, viele Unternehmen und Organisationen werben mit Baumpflanzungen zur Kompensation ihrer Emissionen. Zudem ist Wald für viele der Inbegriff von Natur. Bringen große neue Waldflächen einen Nutzen für unsere heimische Biodiversität? Sollten wir unser Land für den Klimaschutz aufforsten?

Wälder sind global betrachtet natürlich fantastische Lebensräume und wichtige Ökosysteme. In unserer Kulturlandschaft in Mitteleuropa sieht das aber etwas anders aus, denn wir haben faktisch keinen natürlichen Wald mehr. Unsere Landschaft ist geprägt von menschlicher Gestaltung, das betrifft auch unsere Forste. Am Ende ist das eine Frage der Perspektive und der Politik. Wissenschaft beantwortet ja nicht die Frage „Was ist gut, was ist schlecht“, sondern sie kann nur eine Einschätzung geben, wie gesellschaftliche Ziele erreicht werden können. Wir müssen uns fragen: was wollen wir? Will man möglichst viel Urwald ohne Bewirtschaftung und mit weitestgehend natürlichen Prozessen, so kann man natürlich dem Wald freien Lauf lassen. Will man unsere bekannte Kulturlandschafts-Biodiversität erhalten und möglichst viel CO2 binden, dann würde man in Mitteleuropa eher zur extensiven Pflege von Offenlandelementen wie Wiesen, Weiden etc.in Kombination mit naturnahen Wäldern raten.

An sich ist es diese Kulturlandschaft, die gekannt und geliebt wird. Wälder und Wiesen im Wechsel bestimmen unser Landschaftsempfinden und unser Heimatgefühl. Am Ende ist aber klar: weder die Mais- noch die Fichtenmonokultur wird langfristig das leisten können, was wir uns in Sachen Biodiversität und Klimaschutz von solchen Maßnahmen erhoffen.

„Der Landwirt ist der Agent der Gesellschaft für Dinge, die sie meint haben zu wollen.“ (J. Settele)

Welche Rolle hat denn die heimische Landwirtschaft Ihrer Meinung nach bei den Themengebieten Biodiversitätsverlust und Klimawandel?

Die Landwirtschaft ist zugleich Grund für unsere bekannte Biodiversität als auch Grund für ihren Verlust in neuerer Zeit. Der große Flächenanteil der Landwirtschaft an der Gestaltung unserer Landschaft lässt daran ja auch keinen Zweifel. Die Zahlen zum Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel sind auch recht klar: mineralisierende und damit ausgasende Moorböden, Verlust an Kohlenstoffbindungskapazität in Acker und teils in Wiese und der direkte und indirekte CO2-Ausstoß von Traktoren und in der Herstellung synthetischer Agrarchemikalien sind nicht schönzureden. Dabei darf man aber nicht von „der Landwirtschaft“ und schon gar nicht nur von „dem Landwirt“ sprechen, vielmehr muss man die Gesellschaft als Ganzes ansprechen. Denn Landwirte sind am Ende nur Agenten der Gesellschaft. Es werden die Lebensmittel und anderen Grundstoffe unter den Bedingungen bzw. zu den Preisen erzeugt, die die Gesellschaft will. Ein zentrales Problem ist, dass viele zitierte Statistiken und Zahlen in die Irre führen. Meist werden Kosten und Gewinne direkt von der Agrarfläche genannt, Umweltschäden und die daraus entstehenden Kosten werden aber externalisiert, sprich der Gesellschaft aufgebürdet. Das begünstigt natürlich ausbeutende Wirtschaftsformen. Wenn man z.B. Nitratbelastung, Flächennutzung und den Ausstoß von Klimagasen bei der Fleischproduktion in einer ehrlichen Vollkostenrechnung internalisieren würde, würden automatisch die bereits heute umweltfreundlicheren Formen der Landbewirtschaftung im Vergleich ganz anders bewertet werden als zurzeit.

Welche Maßnahmen sollten wir als Gesellschaft bzw. die Landnutzer*innen in Ihren Augen ergreifen, um gegen den Biodiversitätsverlust und gegen den Klimawandel anzugehen? Gibt es bei uns in Mitteleuropa überhaupt solche Maßnahmen, die beiden Zielen gleichzeitig gerecht werden?

Im Detail und an vielen Stellen machen natürlich nur klare Regelungen Sinn, um gewisse Standards zu erreichen. Insgesamt gibt es eine große Vielzahl an Möglichkeiten, aber am Ende müssen die Maßnahmen von der gesellschaftlichen Ebene kommen. Einer der deutlichsten Angriffspunkte gleichzeitig Klimaschutz zu betreiben und der Biodiversität wieder mehr Raum zu geben ist der Fleischkonsum. Einerseits bestehen viele beliebte, artenreiche Kulturlandschaften überhaupt nur wegen der Nutztierhaltung. Ohne Tierhaltung gäbe es zum Beispiel weder das Allgäu noch den Schwarzwald in dieser Form. Am Ende ist es aber immer die Frage „Klasse oder Masse?“. Argumente, Landwirtschaft müsse so intensiv betrieben werden, unterstellen meist, dass die ganze Welt sich so fleischlastig (über)ernähren sollte, wie wir das tun, und dass Deutschland die Welt mit Fleisch und Milch versorgen müsse. Es wäre zielführender, wenn wir unseren Lebensstandard in Richtung weniger Fleisch, wie es große Teile der Weltbevölkerung handhaben, entwickeln würden als andersherum. Der sprichwörtliche Sonntagsbraten ist vielleicht genau das richtige Mittelmaß in dieser Hinsicht. Extensivierung der Land(wirt)schaft fängt also in der eigenen Küche an. Hier ist genau wie eingangs beim Landschafts- und Naturempfinden Offenheit gegenüber einem Wandel gefragt. Flexibilität und Dynamik eröffnen hier oft viele Möglichkeiten.

Herzlichen Dank für das Interview, Herr Settele!

Über die Autor*innen:
Matthias Wucherer

Leiter "Netzwerk Blühende Landschaft"

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+49 7428 945249-28
Holger Loritz

Leiter Netzwerk Blühende Landschaft

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Biene Mensch Natur

Dieser Artikel ist neu bearbeitetet auch erschienen in unserer Zeitschrift »Biene Mensch Natur« Nr. 41 (Winter 2021/2022)

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