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Salat im März Foto: Birgit Matz

Blühende Landschaften sind zugleich auch essbar – und ein köstlicher Speiseplan für Mensch und Biene

Das Sammeln, Zubereiten und Bevorraten von essbaren und wild wachsenden Gemüsepflanzen, Kräutern, Beeren und Baumfrüchten ist so alt wie die Menschheit selbst. Über 2 Millionen Jahre lang war das „Sammeln und Jagen“ die Lebensgrundlage – wobei das wilde Einsammeln tatsächlich noch einen höheren Stellenwert hatte. Was einst die Existenzgrundlage der Bevölkerung war, ist heute in Anbetracht von eintönigem Kulturpflanzenanbau und monokulturellen Landschaften viel tiefgreifender als nur ein Verlust der Biodiversität und eine Zerstörung des Ökosystems…

…doch glücklicherweise gibt es eine Rück-„Besinnung“ im wahrsten Sinne des Wortes, denn archaisches Wissen über die Integration von ursprünglichen Wildpflanzen in die Ess- und Alltagskultur tritt immer mehr ins Bewusstsein der Menschen, die heute intelligent über den berühmten Tellerrand hinausschauen. Und dazu gehört nicht nur der gesundheitliche Aspekt, denn essbare Wildpflanzen enthalten im Vergleich zu den herkömmlichen Kulturpflanzen im Durchschnitt das Fünf- bis Zehnfache an Vitalstoffen. Da ein frisch gesammeltes Wildgemüse zugleich regional, saisonal und frei von schädlichen Agrarchemikalien und Gentechnik ist, spielen hier auch Verantwortung, Unabhängigkeit als auch der Selbstversorgungsaspekt eine tragende Rolle. Im Zusammenspiel mit der sich umgebenden „Umwelt“ tritt natürlich nicht nur die Bodenqualität und die Flora, sondern auch die Fauna in den Vordergrund.

Ein köstlicher und üppiger Speiseplan für Mensch und Biene

In einer wilden (und durchaus auch essbaren) Landschaft mit beispielsweise

  • Heckenrose, Schwarzer Holunder, Kirschpflaume, Kornelkirsche, Haselnuss, Felsenbirne, Schlehe, Weißdorn und Brombeeren
  • Linde und Esskastanie
  • Mädesüß, Indischem Springkraut, Nelkenwurz und Blutweiderich
  • Gänsedistel, Löwenzahn, Wiesen-Bärenklau und Gänseblümchen

entsteht von März bis in den Oktober hinein eine ausreichende Blütenvielfalt für Bienen und andere Insekten – und der Mensch erhält genauso sein „täglich“ und abwechslungsreiches Wildes.

  • Schon in den ersten Märztagen blüht die essbare Kornelkirsche (Cornus mas); ab September können die ersten roten, eiförmigen Früchte gesammelt und roh gegessen oder zu Fruchtaufstrichen oder Kompott weiterverarbeitet werden. (Foto: Birgit Matz)
  • Mädesüß (Filipendula ulmaria) ist eine sehr pflegeleichte und zugleich wunderschöne, anmutige Staude für einen naturnah gestalteten Garten. Besonders in der Nähe eines Teiches oder vor dem Hintergrund von Gehölzen kommt sie gut zur Geltung. (Foto: Birgit Matz)
  • Junge Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata) in den ersten Märztagen Sie wächst entlang schattiger Waldwege und an Hecken und Waldrändern an eher schattigen und nährstoffreichen Standorten. Sie gehört zu den Kreuzblütengewächsen (Brassicaceae). Der hohe Gehalt an Knoblauchöl und Senfglykosiden sorgt für einen würzig-scharfen Geschmack. (Foto: Birgit Matz)

In der Küche sind die wilden Köstlichkeiten erstaunlich vielseitig verwendbar: als frische Zutat kommen sie roh in Salate, Grüne Smoothies oder Pestos; Gemüse wird gekocht, gegart oder milchsauer eingelegt; Beeren und Früchte werden zu Saft, Likör, Essig, Kuchen, Fruchtaufstrichen, getrocknet oder zu Fruchtleder verarbeitet; Saaten und Nüsse sind für den Wintervorrat…

Diesen bunten und üppigen Speiseplan nutzen somit auch Bienen und andere bestäubende Insekten. Es entsteht (theoretisch) durch die Ermöglichung und Schaffung flächendeckender, wilder Landschaften eine bereichernde Synergie statt anstrengende und zerstörerische Konkurrenz. Praktisch ist es jedoch für Mensch und Biene noch ein Wunsch oder besser eine anzustrebende Vision, in einer Natur ohne Pestizide und Genmanipulation sowie einseitige Kultur zu leben. Die gesetzlichen Vorgaben, anerzogenen Gewohnheiten und Rahmenbedingungen von Gesellschaft, Politik und dem Menschen selbst bedürfen einer umfassenden Generalüberholung – oder besser: KULTURREVOLUTION!

Konkret und konsequent

Doch immer ist auch der Einzelne gefragt, sein überliefertes Wissen zu „überdenken“ und mit kleinen, aber effektiven Schritten in das wilde und ungefährliche Leben einzutauchen. Mit den ersten Frühlingstagen wachsen hierzulande Scharbockskraut, Bärlauch, Vogelmiere, Löwenzahn, Brennnessel, Knoblauchsrauke, Persischer Ehrenpreis, Hirtentäschel und Wiesen-Schaumkraut.

Rezeptidee: Knoblauchsrauke-Frischkäse-Aufstrich
Pro 100 g Frischkäse eine Hand voll fein gehackter Knoblauchsraukenblätter (es können auch Blüten und junge Schoten verwendet werden) untermischen. Den Aufstrich nach eigenem Geschmack mit Salz, eventuell Pfeffer (erst probieren; die Knoblauchsrauke ist ja auch schon scharf!), Sahne und/oder Olivenöl abschmecken und alles gut vermengen. In einer Vorratsdose ist dieser Aufstrich im Kühlschrank problemlos einige Tage haltbar. Schmeckt auch zu Pellkartoffeln!

Den Blick schärfen

Im Hausgarten können Hecken und Sträucher wie Kornelkirsche oder Kirschpflaume für wilde Ecken sorgen. Beim Waldspaziergang können Plätze und Bäume entdeckt und regelmäßig im Jahresverlauf aufgesucht werden. Mit einem genaueren Blick auf das krautige Grün aus der Erde sowie auf Bäume und Sträucher erweitern sich der Horizont und damit auch das tägliche Nahrungs- und Lebensmittelangebot. Dieses wird dadurch nicht nur wilder, sondern auch ehrlicher. Nicht nur die Kombination von ökologisch angebauter Kulturpflanze (Kartoffel, Hirse, Getreide, Wurzelgemüse…) plus Wildpflanze ist hier sinnvoll. Auch das Einbeziehen aller beteiligten Lebewesen unseres Ökosystems wird in vollem Umfang berücksichtigt. Und dabei nicht zu vergessen: 90 Prozent der Wildpflanzen brauchen die Bienen und andere Tiere für die Bestäubung!

Der Traum von essbaren Wildpflanzenparks und dem großen Netzwerk von Blühenden Landschaften sowie einer hundertprozentigen ökologischen Landwirtschaft, wie sie in Bhutan nun tatsächlich gefördert wird, ist nicht bescheiden oder realitätsfremd.

Es ist höchste Zeit, das Wichtigste im Leben einzufordern – eine natürliche Nahrung und eine nährende Natur!

Über den Autor:

Dr. Markus Strauß ist studierter Geograf, Geologe sowie Biologe. Forschungsprojekte führten ihn nach Südamerika, in den Nepal-Himalaya und nach Indonesien. Seit seinem langjährigen autarken, naturnahen Leben auf einem Hof im Südharz beschäftigt er sich mit dem zukunftsweisenden Thema „Selbstversorgung mit essbaren Wildpflanzen“. Heute ist Markus Strauß freiberuflicher Autor, Berater und Dozent. Auf seine Initiative hin bietet die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen seit 2013 die Deutschlandweit erste und einzige Ausbildung auf Hochschulniveau im Bereich essbare Wildpflanzen an.

Für namhafte Fachpublikationen schreibt Dr. Strauß regelmäßig Beiträge. Vorträge, Kurzseminare und Kongresse führen ihn durch ganz Deutschland. Auch im Fernsehen ist er als Experte gerne gefragt. „Natürlich“ ist er am liebsten in der freien und unberührten Natur unterwegs – im Wald, in den Alpen oder an der Nord- und Ostsee. Im Verlag Hädecke sind insgesamt sechs Fachbücher von Dr. Markus Strauß erschienen. Der Titel „Köstliches von Waldbäumen“ ist im deutschsprachigen Raum führend. Seine Vision ist die (Re-) Integration der essbaren Wildpflanzen in die Alltagskultur mit der Schaffung von Essbaren Wildpflanzenparks. Die Stiftung EssbareWildpflanzenParks wurde hierfür im August 2015 von Dr. Markus Strauß initiiert.

Mehr Infos und der Newsletter „Wildpflanzen aktuell“ unter www.dr-strauss.net und www.ewilpa.net

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