Wesensgemäße Bienenhaltung

Leseprobe aus dem Buch »Wesensgemäße Bienenhaltung in der Bienenkiste – Lernen von der Natur – Imkern mit Respekt« von Erhard Maria Klein, Seite 13 bis 28 mit freundlicher Genehmigung des pala-Verlags


Inhalt


Wesensgemäße Bienenhaltung

»Wesensgemäße Bienenhaltung geht von der Erkenntnis aus, dass das Bienenvolk einschließlich seiner Waben ein Organismus ist, und respektiert »den Bien« in der Tradition Rudolf Steiners und Ferdinand Gerstungs als ein Ganzes. Das drückt sich insbesondere in der Wahrung der Integrität des Brutnestes, Naturwabenbau und Vermehrung über den Schwarmtrieb aus.«
Mellifera e. V.

Foto: Illustration: Karin Bauer, www.karin-bauer.com In der Tierhaltung spricht man üblicherweise von »artgerecht«, wenn man damit zum Ausdruck bringen will, dass man besonders auf die natürlichen Bedürfnisse und Lebensbedingungen eines Tieres eingehen will. In der Nutztierhaltung wird auch der Begriff »ökologisch« verwendet. Er bringt zum Ausdruck, dass sich die Tierhaltung in einen ökologischen Kreislauf einfügt, dass das Tier unter anderem Nahrung zu sich nimmt, Raum beansprucht und Ausscheidungen hat. Es gibt also vielfältige Wechselwirkungen zwischen jedem Lebewesen und seiner Umwelt. Wer Tiere unter ökologischen Gesichtspunkten hält, versucht neben den Bedürfnissen des Tieres auch das gesamte Ökosystem im Blick zu behalten.

Interessanterweise spielen diese beiden Begriffe bei der Bienenhaltung kaum eine Rolle, wenn man sich von der konventionellen Bienenhaltung abgrenzen will. Aktuelle Bücher zum Thema tragen Titel wie »Bienen naturgemäß halten«, »Natürlich imkern in Großraumbeuten« oder »Imkern in der Oberträgerbeute: Natürlich, einfach, anders«. Daneben tauchen in der öffentlichen Diskussion Begriffe wie »naturnah«, »extensiv« und »wesensgemäß« auf. Der Gebrauch all dieser Begriffe erscheint relativ willkürlich und keinesfalls klar voneinander abgegrenzt. Sie werden ein Stück weit synonym verwendet und jeder füllt sie für sich selbst mit Bedeutung. Diese Begriffsunschärfe ist für mich ein Zeichen dafür, dass die Dinge nicht wirklich klar sind und oft nicht zu Ende gedacht wurden. Es ist symptomatisch, dass der relativ unscharfe Begriff »Natur« bei der Bienenhaltung zurzeit in Mode ist. Eine heute wieder populäre Naturromantik trägt ihren Teil dazu bei. Mit »Natur« ist dann oft ein ursprünglicher, nicht von Menschen geformter Lebensraum gemeint, eine »Wildnis«, in der alle Lebewesen harmonisch miteinander leben – eine Art Paradies. Man stellt sich Natur als etwas Statisches, Heiles vor, das erst der Mensch durch seine massiven Eingriffe ins Ungleichgewicht gebracht hat. Das ist zwar eine Sichtweise, die in dieser expliziten Form schnell als naiv und romantisierend entlarvt wird. Unbewusst tragen die meisten von uns dieses Bild aber trotzdem mit sich herum.

Auf der anderen Seite sprechen wir davon, wie grausam die Natur sein kann: Naturkatastrophen löschen das Leben ganzer Landstriche aus, Raubtiere verspeisen ihre Opfer bei lebendigem Leib. Und überhaupt: Die Natur sei ein einziges Fressen-und-gefressen-Werden. Man spricht vom »survival of the fittest«, was übrigens nicht bedeutet, dass der Stärkste sich durchsetzt, sondern der am besten (an eine sich permanent wandelnde Umwelt) Angepasste. Die Umwelt übt einen starken Selektionsdruck auf alle Lebewesen aus. Sie konkurrieren um begrenzte Ressourcen. Krankheiten und Schwäche werden unbarmherzig ausgemerzt. In der »unberührten« Natur stirbt man in der Regel nicht an Altersschwäche. Früher oder später geht man an einer Krankheit zugrunde, verhungert, verletzt sich oder wird gefressen.

Heute zählt es schon fast zum Allgemeinwissen, dass es »den Bienen schlecht geht«. Jeder hat schon mal etwas davon gehört, dass viele Bienenvölker sterben und dass es mittlerweile zu wenig Bienenvölker gibt. Der Begriff »Bienensterben« ist in aller Munde. Die Ursachen sind vielfältig, haben aber letztlich alle mit menschlichen Einflüssen zu tun. Neben der intensiven Haltungsform und einseitigen Zucht in der konventionellen Bienenhaltung sind es Parasiten und Krankheiten, die vor allem durch die Globalisierung über den gesamten Globus verbreitet wurden, Pestizide, eine verarmte Landschaft …

Bienen natürlich halten?

Die Popularität des Begriffs »Natürliche Bienenhaltung« versteht man erst vor diesem beschriebenen Hintergrund wirklich. Der Mensch hat alles durcheinandergebracht. An den Bienen, die an einer Schlüsselstelle im Ökosystem leben, wird es besonders deutlich. Was liegt näher, als das Motto »Zurück zur Natur« auszugeben? Das geht so weit, dass manche Imker ihre Bienen nicht mehr gegen die gefürchtete Varroamilbe behandeln wollen, die als einer der Hauptverursacher des Bienensterbens gilt. Mutter Natur soll es richten. Die Bienen sollen die Chance haben, selbst resistent zu werden.

Wenn wir uns die Geschichte der lebendigen Natur anschauen, muss man allerdings festhalten, dass es nicht von vornherein klar ist, dass sich eine Art erfolgreich an geänderte Umweltbedingungen (wie an die Varroamilbe) anpasst und wie lange das dauert. Weit über 99 Prozent aller Arten sind im Laufe der Evolution früher oder später ausgestorben. »Aussterben« ist genau genommen sogar das natürliche Ende einer jeden Art.

Wir verorten die Natur zumeist außerhalb der Städte und Siedlungen. Dort findet sich aber – abgesehen von den schwindenden Urwäldern und anderen Formen von Wildnis – eine stark vom Menschen geformte Kulturlandschaft. Anderseits ist die Artenvielfalt in Städten zum Teil höher als in eher landwirtschaftlich geprägten Landstrichen. Wir müssen den Menschen wieder als Teil der Natur begreifen. Jede Lebensform lebt in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt und beeinflusst sie. Auch ohne menschliches Zutun hat es immer wieder umwälzende Prozesse in unserem Ökosystem gegeben, die das Gesicht der Welt komplett verändert haben. Alles steht in Wechselwirkung.

Sicherlich ist der Mensch für ein erhebliches Artensterben verantwortlich und beutet die natürlichen Ressourcen auf eine – vor allem für ihn selbst – ungesunde Art aus. Aber wir können den Menschen nicht von der Natur scheiden und wir sollten die Natur nicht nur außerhalb unserer Städte suchen. Diese sogenannte »integrative Naturauffassung« gewinnt in Naturschutz, Ökologie und Stadtökologie zunehmend an Bedeutung. Wenn wir heute die Natur schützen wollen, dann geht es eigentlich darum, ein Ökosystem mitzugestalten, das auch für den Menschen einen nachhaltigen Lebensraum bietet. Natur ist ein dynamischer Prozess und wir stecken mittendrin. Heute suchen wir nach einer neuen Rolle in diesem Prozess.

Menschen und Honigbienen verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Über viele Jahrtausende war der Mensch ein Honigräuber und hat wilden Bienenvölkern ihren Honig gestohlen. Zum Teil wurden die Völker dabei zerstört. Seit etwa 4000 v. Chr. werden Bienen auch in künstlichen Behausungen angesiedelt, um einfacher Honig zu ernten und mehr Bienenvölker betreuen zu können. Die ursprünglichen Bienenrassen waren lokal gut an die jeweiligen Umweltbedingungen angepasst. Mittlerweile wird die Europäische Honigbiene (Apis mellifera) überall auf der Welt gehalten. Sie hat zum Teil einheimische Arten verdrängt, zum Teil lebt sie neben den einheimischen Arten, und teilweise wird sie in Regionen gehalten, in denen es sie ursprünglich gar nicht gab. In die USA kamen die Honigbienen erst mit den europäischen Siedlern. Vorher gab es sie dort nicht und sie haben auch nicht gefehlt. Sie sind dort eigentlich Neozoen. So nennt man Tiere, die sich ohne oder mit menschlicher Einflussnahme in einem Gebiet etabliert haben, in dem sie zuvor nicht heimisch waren. Erst mit der intensiven Landwirtschaft brauchte es diesen leistungsfähigen Bestäuber. Wenn alle Honigbienen in den USA aussterben würden, wäre das historisch gesehen vielleicht »natürlich«. Eine fremde, von Menschen eingeschleppte Art wäre wieder verschwunden. Von der Bestäubung durch Honigbienen hängen aber etwa 35 Prozent der Weltnahrungsproduktion ab. Am extremsten wird das an den Mandelplantagen in Kalifornien deutlich: Ohne die Europäische Honigbiene gäbe es 90 Prozent der Weltmandelernte nicht.

Die Krise der Honigbiene ist genau genommen vor allem eine Krise der Landwirtschaft, aber auch unserer Kulturlandschaft. Erst nach der letzten Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren wanderten die heute vorkommenden Honigbienen nach Mitteleuropa ein. Seitdem haben sich unsere Flora und Fauna jahrtausendelang in Wechselwirkung mit ihnen entwickelt. Die wilden Tiere sind auch auf die Früchte und Samen angewiesen, die sich durch die Bestäubung der Honigbienen entwickeln. Die ganze Nahrungskette unserer Kulturlandschaft hängt daran. Wenn wir diese von Menschen geformte, menschenfreundliche Natur erhalten wollen, müssen wir uns auch um die Zukunft der Honigbienen kümmern. Das hat aber wenig mit einer restaurativen, romantischen Vorstellung von »Natur« zu tun.

Aus diesen knappen Überlegungen ist vielleicht deutlich geworden, warum ich »natürlich« für keinen guten Begriff halte, wenn man über eine bienenfreundlichere Art der Bienenhaltung sprechen will. Es gibt für mich zwei wesentliche Aspekte, warum ich mich überhaupt mit Bienen beschäftige. Das eine ist die Sorge um unsere Zukunft, in der Honigbienen eine wichtige Rolle spielen. Das andere ist die Faszination für diese besonderen Geschöpfe und der daraus erwachsene Wunsch, mit ihnen respektvoll umzugehen. Für mich ist das auch eine Frage der Ethik: Ich möchte andere Lebewesen nicht nur als Objekt meiner Interessen sehen. Selbst der Wunsch Bienen zu halten, weil man das so interessant findet oder einen Beitrag zum Schutz der Honigbiene leisten will, kann bei Lichte besehen ein eher selbstbezogener Wunsch sein. Mir ist es wichtig, meinen Mitgeschöpfen auch eine eigene Würde zuzubilligen und ihnen mit Respekt zu begegnen.

Wir stehen dabei vor dem Problem, dass Bienen Insekten sind. Sie sind uns vom Wesen her sehr fremd. Es ist unklar, was sie empfinden können. Kennen sie Schmerz, Hunger oder gar Glück? Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass sie durchaus Zustände kennen, die man beispielsweise mit »glücklich« oder »beunruhigt« beschreiben könnte. Das gilt nicht nur für die Biene als Einzelwesen, sondern auch für den gesamten Superorganismus Bien. Auch er kennt Gefühlszustände. Wenn der Schwarm beispielsweise die Pheromone seiner Königin wahrnimmt, wirkt er glücklich. Ein weiselloses Bienenvolk wirkt dagegen sehr beunruhigt. Einer der derzeit führenden Bienen- und Gehirnforscher, Prof. Randolf Menzel, ist sogar der Ansicht, dass Bienen eine Vorstellung von sich selbst haben, also selbst-bewusst sind. Menzel ist überzeugt: »Die Biene hat eine innere Welt. Sie können auch Seele dazu sagen.«

Vom wahren Wesen der Honigbienen

Was macht aber nun das Wesen der Honigbienen aus? Was sind ihre natürlichen Bedürfnisse und was ist eine angemessene Art, sich darauf einzustellen?

Das Bild, das wir uns von unserer Umwelt machen, hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder stark gewandelt. Der Pfarrer Ferdinand Gerstung (1860 – 1925), der neben Rudolf Steiner als einer der Wegbereiter der wesensgemäßen Bienenhaltung gilt, hat vier Perspektiven identifiziert, mit der Menschen im Laufe der Geschichte auf die Honigbiene geblickt haben und die auch die Art des Umgangs mit ihnen geprägt haben (siehe Literaturtipp auf Seite 153).

Die Anfänge, in denen Menschen Bienen ausgebeutet haben, nannte Gerstung die naive Zeit. Man hat die Produkte des wilden Bienenstocks, Honig und Wachs, in heiliger Ehrfurcht entgegengenommen und die Biene kultisch verehrt. Als Beispiel dafür kann die Rolle der Biene im alten Ägypten gelten, wo Honig die Speise der Götter war, aber auch in der Kirche des Mittelalters. Noch heute wird in der katholischen Kirche die Biene im festlichen Lobgesang der Osternacht verehrt. Gerstung beschreibt das naive Staunen über die Bienen so:

»Der kleine Bienenstock ist dieser Auffassung geradezu ein Zauberschloß, mit unzähligen Wundern und Geheimnissen angefüllt, die jeder Erklärung spotten. Wunderbar erscheint das Verhältnis der Bienen zu den honigspendenden Blüten, wunderbar die Entstehung der jungen Biene, wunderbar die Betriebsamkeit und der Fleiß des Völkchens, wunderbar vor allem der kunstvolle Zellenbau, wunderbar die Honigerzeugung, wunderbar die Arbeitsteilung, wunderbar die Beziehungen der verschiedenen einzelnen Bienenwesen, der Königin, der Drohnen und der Arbeitsbienen zu einander, wunderbar das Schwärmen, wunderbar das Überwintern, ja was giebt es im Bienenleben, was da nicht höchst wunderbar und geheimnisvoll wäre!? Der ganze Bien ein einziges Wunder.«

Auf die Frage »was ist der Bien?« antwortet der naive Mensch vielleicht: »ein heiliges Mysterium!«

Es folgte nach Gerstung die anthropomorphe Zeit, in der man die faszinierende Ordnung im Bienenvolk genauer erkundet hatte und mit der menschlichen Ordnung verglich. Man sprach vom »Bienenstaat«, von der »Bienenkönigin« und der »fleißigen Biene«. Die Phänomene wurden in menschliche Kategorien eingeordnet und schnell entdeckte man, dass die Bienen eigentlich die »besseren Menschen« sind. Ihr Fleiß und ihre Opferbereitschaft mussten als Vorbild für die menschliche Gesellschaft herhalten. Schon Aristoteles hat Parallelen zwischen dem menschlichen Staatswesen und dem Bienenstaat entdeckt, was nicht weiter überrascht, da in der griechischen Mythologie ja selbst Götter menschliche Eigenschaften haben. In neuerer Zeit sind die »Biene Maja« oder der Animationsfilm »BeeMovie« gute Beispiele dafür.

Anthropomorphismus – das Zusprechen menschlicher Eigenschaften auf außermenschliche Bereiche wie z. B. Tiere oder Naturgewalten – wirkt in beide Richtungen. Man verkennt das wahre Wesen der Bienen, da man alles durch die menschliche Brille wahrnimmt. So weiß man heute, dass die Bienenkönigin keine Leitungsfunktionen hat. Der Begriff »Königin« ist daher eher irreführend. Und das Erfolgsgeheimnis des Bienenvolkes liegt weniger im Fleiß als vielmehr darin, dass es meistens auch Bienen gibt, die aktuell nichts zu tun haben. Sie dienen als stille Reserven, die bei Bedarf schnell mobilisiert werden können.

Auf der anderen Seite stellt man diese menschliche Projektion wieder als Vorbild für menschliche Gemeinschaft dar. Hier schließt sich dann der Kreis. Der Anthropomorphismus ist allgemein auch heute noch weit verbreitet, und wir alle neigen unbewusst dazu, zunächst mal von uns selbst und unseren Erfahrungen auszugehen, wenn wir Unbekanntes entdecken und verstehen wollen. Wer heute beispielsweise etwas aufgeklärter über die Aufgabe der Königin im Bienenvolk sprechen will, der bezeichnet sie vielleicht lieber als »Stockmutter«. Sie legt die Eier und ist Mutter von allen anderen Bienen im Stock. Außerdem sorgt sie über ein Pheromon für den Zusammenhalt im Bienenstock. Aber damit sind die mütterlichen Aspekte dieses Bienenwesens auch schon weitgehend erschöpft. Dieser Begriff kann ebenfalls überdehnt werden und auf eine falsche Fährte führen. Auch heute noch werden von renommierten Wissenschaftlern Mechanismen im Bienenvolk als Vorbild für das menschliche Gemeinwesen empfohlen. Der Bienenwissenschaftler Thomas D. Seeley versucht beispielsweise, aus den Entscheidungsprozessen in einem Bienenschwarm bei der Suche nach einer neuen Wohnung Empfehlungen für Entscheidungsprozesse in menschlichen Gruppen abzuleiten. Das macht in dem von ihm beschriebenen engen Rahmen auch Sinn. Die populäre Vorstellung von »Schwarmintelligenz« dagegen, die hofft, dass aus vielen Entscheidungen Einzelner automatisch eine Art Weisheit der Masse entsteht, halte ich eher für eine unzulässige Übertragung. Wichtig bei solchen Bildern ist immer der konkrete Vergleichspunkt. Man darf ein Modell nicht mit der Wirklichkeit verwechseln und sollte sich beim Gebrauch dieser Begriffe und Bilder immer ihrer Begrenztheit bewusst sein.

Auf die Frage »was ist der Bien?« antwortet der Mensch, der Tieren menschliche Eigenschaften zuspricht, vielleicht: »ein mustergültiges Staatswesen!«

Die anthropomorphe Sicht zeigt sich in etwas anderer Form auch im Tierschutz. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass es niedliche Tiere leichter haben, eine Lobby zu finden. Je menschenähnlicher sie sind bzw. je leichter man menschliche Eigenschaften in sie hineininterpretieren kann, desto leichter ist es, Menschen für ihren Schutz zu mobilisieren. Trotzdem gibt es auch Engagement für Tiere, die in dieses Schema nicht so leicht hineinpassen. Seit den Achtzigerjahren sind das beispielsweise die Frösche, für die man Straßenunterführungen gräbt und die eigenhändig über die Straße getragen werden. Im Frosch sah der umweltbewegte Mensch eine neue Sorge verkörpert, »der Tod des Tiers signalisiert den Tod der Natur. Dessen schleichenden Prozess sehen wir nicht, aber können ihn am Froschsterben imaginieren«, schreibt der Kulturhistoriker Bernd Hüppauf in seinem Buch »Vom Frosch«. »Frösche über die Straße tragen wurde«, wie der Journalist Tin Fischer für das Magazin der Süddeutschen Zeitung treffend formulierte, zum »Akt des Widerstandes gegen die Umweltzerstörung«.

Man kann sagen, dass heute die Biene als Symbol für die fortschreitende Zerstörung unserer Lebensgrundlage den Frosch abgelöst hat. »Ich sehe eine zentrale Schwierigkeit im Tierschutz darin, dass er nicht Tiere in ihrer Eigenart zu verstehen versucht. So schützen wir letztlich oft nur das Menschliche im Tierlichen«, sagt dazu der Tier-Ethiker Herwig Grimm von der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Heute wird die Sorge um die Natur und um die Honigbiene oft als Begründung genannt, warum man nun selbst Bienen halten will. Als Motiv, um anzufangen, mag das genügen. Es ist aber wichtig, sich klarzumachen, dass dies nicht ausreicht, um langfristig erfolgreich Bienen zu halten.

Seien Sie bereit, sich von diesen faszinierenden Wesen verzaubern zu lassen, und lernen Sie die tatsächlichen Bedürfnisse des Biens und sein Wesen kennen! Bienenhaltung ist ein Projekt, bei dem man längerfristig Verantwortung übernimmt.

Als dritte Perspektive machte Gerstung bei der Bienenhaltung die mechanisch-kausale Auffassung aus: »Der Materialismus hat versucht nach Beseitigung der naiven und der anthropomorphistischen Auffassung der Welt, dieselbe aus reiner mechanischer Gesetzmäßigkeit heraus zu erklären und als lauter Ursachen und Wirkungen zu begreifen.« Obwohl Gerstung dies bereits im Jahre 1900 schrieb, dominiert auch heute noch in der Bienenhaltung das mechanische Weltbild. Der Umgang mit den Bienen hat seit der naiven Zeit einen erstaunlichen Wandel vollzogen. Vom wunderbaren rätselhaften Phänomen ist der Bienenstock heute zu einem Baukasten geworden, mit dem der Mensch ein Bienenvolk aus Einzelteilen erschaffen und umbauen kann. Nichts ist mehr heilig.

Der entscheidende Schritt war im 19. Jahrhundert die Entdeckung des »Beespaces« (= Bienenabstand). Auf dieser Grundlage konstruierte der nordamerikanische Pastor Lorenzo Langstroth 1851 erstmals eine Bienenbehausung, in der alle Waben in kleinen Holzrähmchen eingebaut waren. Wenn man einen bestimmten Abstand (engl. = space) zwischen Rähmchen und Rand der Bienenwohnung einhält, dann bauen die Bienen in diesen Zwischenräumen kein Wachs und die Waben bleiben beweglich. Das hat für die Honigproduktion Vorteile, weil man die Waben bei der Ernte nicht mehr zerstören muss, sondern ausschleudern und anschließend zurückgeben kann. Aber auch der Wissenschaft boten die beweglichen Waben ganz neue Möglichkeiten. Das Bienenvolk konnte im lebenden Zustand zerlegt, untersucht und wieder zusammengesetzt werden.

In der Folge wurden dem Bienenvolk viele seiner Geheimnisse entlockt und in den Dienst des Menschen gestellt. Lange Zeit wurden diese neuen Möglichkeiten und Erkenntnisse in erster Linie unter ökonomischen Gesichtspunkten genutzt: Steigerung des Honigertrags und eine effizientere Bewirtschaftung der Bienenvölker waren die Maxime. Die Ehrfurcht vor dem wundersamen Organismus Bienenvolk wich der Freude darüber, was man alles mit einem Bienenvolk machen kann, um den Ertrag zu intensivieren, ohne dass es »kaputtgeht«: Man kann den Bienen künstliche Wachsplatten und Waben geben, man kann die volkseigene Königin gegen eine fremde austauschen, man kann Königinnen außerhalb des natürlichen Vermehrungsprozesses züchten und sogar künstlich besamen. Ein Absperrgitter sperrt die Königin in einen beschränkten Bereich der Bienenwohnung ein, damit sie nicht dort Eier legt, wo wir Honig ernten wollen. Der Bienenwohnung werden immer neue Etagen (Magazinzargen) aufgesetzt, sodass ein Bienenvolk statt 20 Kilo vielleicht 100 Kilo Honigertrag bringt …

Man kann diese Aufzählung noch lange fortsetzen. Dem Bien ist zum Verhängnis geworden, dass er so viele Eingriffe ertragen kann. Es gehört zum Wesen des Biens, sehr plastisch zu sein und auch größere Störungen selbst reparieren zu können. Kaum ein anderes Lebewesen würde so massive Eingriffe in seine natürliche Lebensweise und in seinen Körper überleben. Die moderne Imkerei baut vollständig auf diese Eigenschaft der Honigbienen. Bienenvölker werden heute fast immer künstlich »gezeugt«. Sie werden über Ableger vermehrt, indem ein Volk einfach in mehrere Teile zerlegt wird. Das weisellose Volk bekommt dann eine fremde neue Königin zugesetzt, die ebenfalls außerhalb des normalen Fortpflanzungsprozesses künstlich gezüchtet wurde. Jeder weitere Bearbeitungsschritt besteht genau genommen aus Störungen der Integrität des Bienenvolkes. Der zur Verfügung stehende Raum wird künstlich vergrößert, um mehr Honig ernten zu können. Drohnenbrut wird reguliert und regelmäßig vernichtet. Brutwaben werden entnommen und ausgetauscht. Man unterbindet die Möglichkeit, dass Bienen ihre Waben selbst bauen können, und gibt ihnen vorgefertigte Wabenrohlinge, sogenannte Mittelwände.

Lange Zeit schien dies auch gut zu gehen, selbst wenn es vielleicht aus ethischer Sicht etwas fragwürdig ist. Rudolf Steiner, der andere Wegbereiter der »wesensgemäßen Bienenhaltung«, hat bereits 1923 in seinen Arbeitervorträgen am Goetheanum in Dornach die Befürchtung geäußert, dass in »fünfzig oder achtzig Jahren« die Bienenhaltung in eine große Krise geraten würde. Das hat sich aus heutiger Sicht als prophetisch erwiesen.

Auf die Frage »was ist der Bien?« antwortet der mechanisch-kausal denkende Mensch vielleicht: »ein sehr plastisches, flexibles Produktionsmittel!«

Ferdinand Gerstung hat sich zu seiner Zeit für eine neue, vierte Sichtweise der Honigbiene starkgemacht, die er organisch-lebendige Auffassung nannte und die eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung der »wesensgemäßen Bienenhaltung« wurde.

Gerstung war der Ansicht, dass das Leben nicht alleine aus Ursache und Wirkung in einem linearen Prozess erklärt werden kann, wie es die mechanisch-kausale Auffassung tat. Er sah darüber hinaus noch Kräfte am Werk, die dafür sorgen, dass sich die belebte Welt harmonisch entwickelt. Er erkannte aus der Beschäftigung mit den Bienen heraus, dass in der Natur alles miteinander verwoben ist. So wie die Bienen in einem Volk eine Art eigenständiger Organismus bilden, so ist die gesamte Welt auch eine Art Organismus, in dem alles in komplexer Weise zusammenwirkt und in vielfältigen Beziehungen steht, uns als Menschen eingeschlossen. Gerstung fand viele Ähnlichkeiten zwischen höher entwickelten Säugetieren und dem Bienen-Organismus, den er als »Bien« bezeichnete.

In der Wissenschaft wird diese Lebensform heute als »Superorganismus« bezeichnet. Im Jahre 1920 wurde Ferdinand Gerstung für diese Entdeckung die Ehrendoktorwürde der Universität Jena verliehen. Der ökologische Imkerverband Mellifera e. V. hat seit 1985, aufbauend auf den Erkenntnissen Gerstungs und den Bienenvorträgen Steiners, den Begriff »wesensgemäße Bienenhaltung« geprägt.

Was die wesensgemäße Bienenhaltung auf die Frage »was ist der Bien?« antwortet, möchte ich im Folgenden weiter entfalten.

Was ist wesensgemäße Bienenhaltung?

Der Begriff »wesensgemäße Bienenhaltung« wird oft benutzt, um »naturnahe« Bienenhaltungskonzepte zu bezeichnen. Er klingt etwas geheimnisvoll und die wenigsten Menschen können sich genau vorstellen, was damit gemeint ist. Da er aber von Mellifera e. V. seit Jahrzehnten im Zusammenhang mit besonders bienenfreundlichen Haltungsformen verwendet wird und auch Grundlage für die Entwicklung der strengen Demeter-Richtlinen war, ist das ein willkommenes Etikett für eine »gute« Bienenhaltung. Oft wird mir gesagt: »Man kann in jeder Beutenform Bienen wesensgemäß halten.« Unter wesensgemäßer Bienenhaltung wird dann beispielsweise »Naturwabenbau« verstanden – dass man also keine künstlichen Mittelwände verwendet – oder dass man den Bienen ihren eigenen Honig lässt, weniger erntet und auf Zuckerfütterung verzichtet. Es werden also einzelne Aspekte der Betriebsweise genannt.

Wesensgemäße Bienenhaltung ist aber nicht nur eine Frage von Details und Grundzügen der Betriebsweise, sondern auch eine ethische Haltung des Imkers. Sie betrifft die Wahrnehmung des Bienenvolks als Organismus. Das Wesen »Bien« ist das Tier und mein Gegenüber. Ich möchte respektvoll mit ihm umgehen und seine Integrität achten. Der Begriff »wesensgemäße Bienenhaltung« drückt auch eine Beziehung aus. Gerstung hat das Bienenvolk sogar als eine Art Modell des gesamten Ökosystems gesehen. Im Hinterfragen unserer Beziehung zu den Bienen können wir vielleicht einen respektvolleren, demütigeren Umgang mit unserer Umwelt und unseren Mitmenschen lernen.

Über die organische Perspektive von Gerstung hinaus hat Rudolf Steiner im Rahmen seiner geisteswissenschaftlichen Untersuchungen auch über »spirituelle Dimensionen« des Bienenwesens gesprochen. Dazu gehört eine besondere Nähe zum Menschen. In Vorträgen über die Bienen betont er im Jahr 1923, ebenso wie Gerstung, den Aspekt des »Volksganzen« als das eigentliche Lebewesen, ohne das Wort »Bien« zu benutzen. Und er weist auf die besondere, »gewaltlose« Beziehung des Biens zu seiner Umwelt hin. Blüten werden nicht zerstört beim Besuch der Bienen, sondern zu größerer Nektarbildung angeregt. Thomas Radetzki schreibt über diesen Beziehungsaspekt der wesensgemäßen Bienenhaltung: »Wesensgemäß ist nicht naturgemäß. Es bedeutet, sich auf eine Beziehung einzulassen, die beide – Mensch und Bienenvolk – verändert. Wesensgemäß will nicht einfach das Natur- oder Artgemäße kopieren, sondern unter dessen Berücksichtigung etwas Neues schaffen, so wie es jede Domestikation unserer Haus- und Nutztiere früher getan hat.

Demeter-Richtlinen zur Bienenhaltung

Wichtige Merkmale der Richtlinien sind:

  • Aufstellung der Bienenvölker bevorzugt auf biologisch-dynamisch bewirtschafteten Flächen, ökologisch bewirtschafteten und naturbelassenen Flächen.
  • Nur so viele Bienenvölker pro Standort, dass die Versorgung eines jeden Volkes mit Pollen und Nektar gewährleistet ist.
  • Bienenwohnung aus natürlichen Materialien.
  • Vermehrung nur aus dem Schwarmtrieb heraus.
  • Verbot von künstlicher Königinnenzucht, instrumenteller Besamung und Gentechnik.
  • Verwendung örtlich angepasster Bienenrassen.
  • Naturwabenbau (Stabil- oder Mobilbau) im Brutraum.
  • Brutnest als geschlossene Einheit (großer Brutraum, keine Verteilung auf mehrere Zargen).
  • Kein Königinnen-Absperrgitter.
  • Mittelwände im Honigraum sind erlaubt.
  • Einwinterung auf Honig ist anzustreben. Wenn Zuckerfütterung notwendig ist, soll das Futter mit 10 Prozent Honig (bezogen auf das Gewicht des eingefütterten Zuckers), Kamillentee und Salz aufgewertet werden.
  • Die Bienengesundheit soll möglichst auf natürliche Weise erhalten oder wiederhergestellt werden.
  • Organische Säuren (Ameisensäure, Oxalsäure, Milchsäure) sind zur Varroabekämpfung zugelassen.

Wesensgemäß ist die bewusste Pflege einer Beziehung mit einer Haltung von Ich und Du. Wie in jeder Liebesbeziehung sind dafür Kontrolle, Beherrschung, Dominanz fehl am Platz. Es braucht Aufmerksamkeit, Hingabe, Offenheit und Gewaltlosigkeit. Auf diesem Hintergrund wird manches, was Bienen in unserem Inneren an Empfindungen und Ideen aufrufen, in einer respektvollen Fragehaltung entgegengenommen werden. Es liegt auf der Hand, dass wesensgemäße Bienenhaltung immer in Entwicklung bleiben muss. Ziel ist nicht ein Endzustand, sondern ein fortwährendes Miteinander- und Voneinanderlernen.«

Es ist daher nicht möglich, einfach einen Katalog von Vorschriften vorzulegen, der für die wesensgemäße Bienenhaltung als verbindlich gelten soll. So etwas gibt es auch: Das sind die Demeter-Richtlinien, die ja aus der Beschäftigung mit wesensgemäßer Bienenhaltung entstanden sind. Aber die Demeter-Richtlinien behandeln eine ökologische landwirtschaftliche Produktionsweise. Sie sind der Kompromiss zwischen den Bedürfnissen des Biens und der Notwendigkeit, ökonomisch sinnvoll Honig und andere Bienenprodukte zu erzeugen. Wer nicht für den Markt produzierten muss, kann sich dem Thema noch viel freier nähern.

Erhard Maria Klein


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