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Das Blog zur Zeitschrift »Biene Mensch Natur«

»Biene Mensch Natur« Blog

Die Beuten werden horizontal in Bäumen aufgehängt. Foto: Martin Gruber

Andere Länder, andere (Imker)sitten

Interview mit dem Ethnologen Dr. Martin Gruber

Dr. Martin Gruber studierte Ethnologie in Hamburg und London. An der Universität Bremen forscht er zum Thema Bienenkulturen in verschiedenen Ländern. Seine Forschungsschwerpunkte sind Deutschland, Japan und Kamerun. Martin ist Freizeitimker und in der Mellifera-Regionalgruppe Hamburg aktiv.

Dr. Martin GruberFoto: Privat

Wie kam es dazu, dass Du zur Kultur der Bienenhaltung forschst? Was interessiert Dich daran?

Während meiner Promotion forschte ich zu Umweltveränderungen im südlichen Afrika. Ich wollte herausfinden, wie Landwirte damit klarkommen, wie sie ihre natürlichen Ressourcen anders nutzen. In Angola kam ich dann zum ersten Mal in meinem Leben mit der Imkerei in Kontakt und habe einen Film darüber gedreht. Ich war von den Menschen und den Bienen sofort fasziniert.

Zurück in Deutschland habe ich selbst angefangen zu imkern. Es folgte ein weiterer Film über traditionelle Honigjagd und Bienenhaltung in Kamerun und ich habe mir die Imkerei und andere Aspekte der Beziehung zwischen Menschen und Bienen als Forschungsthema gewählt. Ich finde es unglaublich spannend zu erleben, wie unterschiedlich Menschen an verschiedenen Orten über Bienen nachdenken und mit ihnen interagieren. Was alle gemeinsam haben, ist die Faszination und Liebe für Bienen und den Wunsch diese Beziehung so positiv zu gestalten wie möglich. Da gibt es natürlich unterschiedliche Vorstellungen.

Wie unterscheidet sich das Verständnis vom Bien in den verschiedenen Ländern?

Die Imker, mit denen ich in Japan gearbeitet habe, haben ein ähnliches Verständnis vom Bien wie wesensgemäße Imker hier. In den Dörfern, in denen ich in Afrika geforscht habe, spielen Bienen sowohl im Alltag, als auch kulturell eine ganz wichtige Rolle. In der ethnischen Gruppe Chokwe, mit denen ich in Angola geforscht habe, ist die Imkerei Teil des Gründungsmythos. Sie halten sich gewissermaßen für die Erfinder der Bienenhaltung. Auch in Kamerun kommen Bienen in vielen Märchen und Geschichten vor. Bei der ethnischen Gruppe der Mboum gibt es Initiationsriten bei denen junge Männer als Gruppe für ein Jahr mehr oder weniger alleine im Wald leben. Honig spielt eine wichtige Rolle für ihre Ernährung.

Die Beuten werden aus Pflanzenfasern geflochten.Foto: Martin Gruber

Wie unterscheiden sich die Betriebsweisen von Land zu Land?

In Angola und Kamerun wird mit Apis mellifera adansonii, einer Unterart der westlichen Honigbiene, geimkert. Die afrikanischen Unterarten sind sehr schwarmfreudig, aber sie schwärmen nicht nur, um sich zu vermehren, sondern auch, wenn es ihnen an einem Ort nicht mehr gefällt, weil vielleicht die Trachtzeit vorbei ist oder ihre Behausung nicht mehr in Ordnung ist. Die Imker hängen ihre Beuten horizontal in Bäume und warten bis ein Bienenschwarm einzieht. Die Beuten werden traditionell aus natürlichen Ressourcen gebaut. In Kamerun sind das geflochtene Pflanzenfasern, in Angola bestehen sie aus Baumrinde. Interessanterweise befindet sich bei den traditionellen Beuten in der Adamaoua Region Kameruns das Flugloch und die Bearbeitungsöffnung auf derselben Seite. Das ist nicht besonders bienenfreundlich und einige Imker experimentieren mit Beuten, bei denen die Öffnung zum Honigernten auf der gegenüberliegenden Seite vom Flugloch liegt.
Meistens wird in den Gegenden der Savanne nur einmal im Jahr geerntet, das ist mitunter ganz schön gefährlich, denn die Imker müssen hoch in den Baum klettern ohne Sicherung, maximal in selbstgenähter Schutzkleidung. Pro Volk beträgt die Ernte etwa 10 – 15kg Honig.

Gibt es in anderen Ländern auch eine Art wesensgemäße Bienenhaltung?

In Japan, wo ich im Sommer einige Monate verbracht habe, imkern viele mit der östlichen Honigbiene. Die Völker sind kleiner, es gibt weniger Honig und sie sind sehr friedfertig. Das war für mich eine neue Erfahrung. Nicht dass meine Völker in Hamburg sehr viel stechen, aber man nähert sich den Völkern einfach anders an. Auch hier wird mit Schwärmen geimkert, Bienenzucht wird nicht betrieben. Das Thema „Urban Beekeeping“ nimmt zudem gerade Fahrt auf. Viele Menschen beginnen mit der Bienenhaltung nicht um Honig zu produzieren, sondern um näher an der Natur zu sein und von den Bienen zu lernen. Hier sehe ich viele Parallelen zum wesensgemäßen Imkern. Interessanterweise sind es dort aber eher Rentner als junge Leute und mehr Männer als Frauen, die mit der Bienenhaltung beginnen. Aber es gibt auch konventionelle Imker, die wandern und ordentlich Honig ernten, sie imkern dann jedoch mit der westlichen Honigbiene.

Welche Bedeutung hat die Bienenhaltung in den afrikanischen Ländern, in denen Du warst? Wird nur Honig geerntet oder auch andere Bienenprodukte?

Bienenhaltung bzw. Imkerei spielt in vielen Regionen Afrikas eine sehr große Rolle, ist sie doch eine wichtige Möglichkeit Geld zu verdienen. In den Dörfern, in denen ich in Zentral-Angola geforscht habe, gibt es quasi in jeder Familie einen, der imkert. Es gibt viele Entwicklungsprojekte, in denen Einheimische zu Imkern ausgebildet werden. Leider greifen die nicht immer auf lokales Wissen zurück. Angola und Kamerun sind ideal zum Imkern, es herrscht das ganze Jahr über ein gutes Trachtangebot, es ist nicht zu heiß und nicht zu kalt.
Der Honig wird von den Imkern für ca. 1,50 € pro Liter verkauft, bei 1000l macht das also schon 1.500 € im Jahr. Das ist ordentlich für die Menschen dort.
Wachs war auch von hoher Bedeutung, aber leider sind die Industriekerzen mittlerweile billiger.

Was können sich wesensgemäße Imker von der Imkerei in diesen Regionen abschauen?

Kamerun, Angola und Japan haben gemeinsam, dass mit Schwärmen aus wildlebenden Bienenpopulationen geimkert wird. Die Imker arbeiten mit relativ kleinen Beuten im Naturbau und lassen ihre Bienen weitgehend in Ruhe. Die Bienen sind also nicht wie bei uns über Jahrhunderte gezüchtet und werden auch in der imkerlichen Praxis viel weniger manipuliert. Das sind alles Faktoren, die von Vertretern der wesensgemäßen Bienenhaltung diskutiert werden. Bemerkenswert ist, dass Varroa weder in Afrika noch bei der Apis cerana in Japan eine Rolle spielt. Obwohl die Bienen bei uns ja nicht einfach als komplettes Volk umziehen (können), so wie in Afrika und Japan, muss man sich bei einer solchen Imkerei ein bisschen von der Idee verabschieden, dass ein Volk in einem Nest über Jahre hinweg (über)lebt. Was man lernen kann, ist vielleicht, das Wohlergehen der ganzen Population in einem Gebiet im Blick zu behalten und nicht nur das eigene Volk.

Wo auf der Welt würdest Du am liebsten imkern?

Ich finde gerade die Unterschiede, die ich bisher kennen gelernt habe spannend, aber die Imkerei mit der japanischen Honigbiene hat mich besonders fasziniert. Die Apis cerana japonica stechen in der Regel nicht und bleiben selbst bei der Honigernte total ruhig. Das ermöglicht einen sehr nahen und intensiven Kontakt zu den Bienen. Außerdem gefällt mir die Imkerszene dort total gut, ich habe viele tolle Leute getroffen, die sich sehr viele Gedanken über Bienen und alternative Imkerei machen.

Das Interivew führte Sarah Bude

Dieser Artikel stammt aus:

Biene Mensch Natur
Nr. 35 • Winter 2018/2019

Cover 0 Download (pdf, 3,1 MB)

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