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Zuckerrübenanbau: Pestizide vermeiden - aber wie?

Bericht vom Expertenworkshop “naturnahe Anbaumethoden der Zuckerrübe”

Fr 2. Februar 2018 von Michael Slaby Bienengesundheit, Forschung, Insekten, Landwirtschaft, Neonicotinoide, Pestizide, Saatgut

Der massive Rückgang an Insekten und Feldvogelarten hat in den letzten Monaten viele Menschen berührt und aufgerüttelt. Glyphosat und Neonicotinoide sind dabei oft genannte Schlagworte. Um den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer bienenfreundlichen Landwirtschaft voranzubringen, hat Mellifera e.V. zusammen mit der Aurelia Stiftung ein Projekt zur Förderung naturnaher Anbaumethoden der Zuckerrübe gestartet.

Deutschlandweit werden laut statistischem Bundesamt auf über 400.000 Hektar Zuckerrüben angebaut, was 3% der gesamten Ackerfläche der Bundesrepublik entspricht. Im konventionellen Zuckerrübenanbau, der 99,6 % der Anbauflächen beansprucht, wird das Saatgut standardmäßig mit Fungiziden, Düngemitteln und Insektiziden aus der Gruppe der Neonicotinoide gebeizt und zu einer „Saatgutpille“ geformt, die durch ihre standardisierte Größe von Einzelkorndrillmaschienen ausgesät werden kann.

Unser Fokus liegt auf der Zuckerrübe, weil sie zusammen mit der Kartoffel die einzige Ackerkultur ist, in der diese drei umstrittenen Mittel in Deutschland weiterhin standardmäßig eingesetzt werden.

Die in der Zuckerrübe eingesetzten Neonicotinoid-Wirkstoffe Imidacloprid, Chlotianidin und Thiametoxam sind aufgrund ihrer Schädlichkeit für Bienen in blühenden Kulturen bereits EU-weit verboten. Die Zuckerrübe gilt als „nicht bienenattraktiv“, deshalb ist sie von diesem Teilverbot nicht betroffen. Auf EU-Ebene wird zurzeit über ein Komplettverbot diskutiert, eine Entscheidung der EU-Kommission wird für Anfang März 2018 erwartet. Die Zuckerindustrie macht sich für weitreichende Ausnahmegenehmigungen stark.

Unser Fokus liegt auf der Zuckerrübe, weil sie zusammen mit der Kartoffel (Anbaufläche 2017: 250.000 ha) die einzige Ackerkultur ist, in der diese drei umstrittenen Mittel in Deutschland weiterhin standardmäßig eingesetzt werden. Damit ist sie auch die zentrale Kultur, über welche diese Wirkstoffe in die Umwelt gelangen können. Mit der Südzucker GmbH, der Nordzucker GmbH sowie der Pfeiffer und Langen GmbH (Kölnzucker und Diamant Zucker) gibt es nur drei große Unternehmen, die sämtliche in Deutschland produzierten Zuckerrüben abnehmen und verarbeiten und damit einen entscheidenden Einfluss auf die Anbaubedingungen nehmen können.

Die TeilnehmerInnen des Expertenworkshops. Die TeilnehmerInnen des Expertenworkshops.

Am 09. und 10. Januar 2018 haben wir einen Expertenworkshop zum Pflanzenschutz im Zuckerrübenanbau organisiert. Ziel des Workshop war es, die gegenwärtige Pflanzenschutzpraxis im konventionellen Zuckerrübenanbaus zu beleuchten, Alternativen zum Pestizideinsatz zu diskutieren und gute Praxisbeispiele für einen naturnahen Anbau der Zuckerrübe zu sammeln. Damit die Teilnehmer und Referenten nicht ins abgelegene Rosenfeld reisen mussten, haben wir den Workshop im Ökohaus in Frankfurt durchgeführt, in dem das Forschungsinstitut für den biologischen Landbau (FibL) seine deutsche Geschäftsstelle hat. Gefördert wurde der Workshop von dem Outdoorbekleider Patagonia sowie der Stoll Vita Stiftung. Insgesamt nahmen 26 Ökotoxikologen, Imker, Umweltschützer, Wissenschaftler und Landwirte teil. Die ReferentInnen kamen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Spanien, zwei Vorträge wurden per Videokonferenz aus Belgien und England zugeschaltet.

Rückgang der Biodiversität in unseren Agrarlandschaften

Ackerwildkräuter und Wildbienen betroffen

Wie NABU -Biodiversitätsexperte Till-David Schade erläuterte, erleben wir einen massiven Rückgang der Biodiversität unserer Agrarlandschaften. Betroffen sind unter anderem Insekten, Vögel, Säugetiere sowie Biotoptypen. Der Bestand von blühenden Ackerwildkräutern wie etwa von Mohnblumen oder der Kornrade ist seit den 1950er Jahren um mehr als 90 % zurückgegangen, was gravierende Auswirkungen auf die Nahrungssituation von bestäubenden Insekten hat. Bei den in Deutschland bekannten 550 Wildbienenarten sind über 55 % bestandsgefährdet.

Auch Vögel sind betroffen

Für einen Spatz reichen schon 1-2 behandelte Samen aus, um eine tödliche Dosis zu erreichen.

Vögel sind ebenfalls besonders gefährdet, so Schade, weil sie ihre Nachkommen während der Brutphase ausschließlich von Insekten ernähren. So hat laut European Bird Consensus Council der Bestand von Feldvogelarten in Europa seit 1980 um 57 % abgenommen. Besonders betroffen sind etwa Rebhühner (Bestandsverlust von 94 %), Kiebitze (-74 %), und Feldlerchen (-34 %).

Wie die spanische Biologin Dr. Ana Lopez-Anita (Universität Antwerpen, Belgien) aufzeigte, stellt mit Neonicotinoiden behandeltes Saatgut nicht nur ein indirektes Problem für die Vogelwelt dar, indem Insekten als Nahrungsquelle reduziert werden. Offen auf dem Acker verbleibendes Saatgut birgt eine akute Vergiftungsgefahr, wobei noch weiter erforscht werden muss, wie sehr den Vögeln unter realen Feldbedingungen die farbigen Saatgutpillen tatsächlich als Nahrungsquellen dienen. Für einen Haussperling reicht jedoch bereits die Wirkstoffmenge von 1 bis 2 behandelten Zuckerrüben-Saatgutpillen aus, um die mittlere letale (tödliche) Dosis zu erreichen. Im Zuckerrübenanbau werden pro Hektar bis zu 130.000 behandelter Saatgutpillen ausgebracht. Die Anzahl der Spatzen ist seit mehreren Jahren rückläufig. In Bayern wurden 2016 deshalb sowohl Haus- als auch Feldsperlinge in die Vorwarnliste der bedrohten Arten aufgenommen.

Neueste Feldstudien aus den USA zeigen, dass Zugvögel durch die Aufnahme der Wirkstoffmenge von weniger als einem gebeizten Samenkorn an ähnlichen Orientierungsverlusten leiden, wie es bei den Bienen der Fall ist.

96% der untersuchten Proben von Bienenbrot mit Pestiziden belastet

Laborversuche haben gezeigt, dass die Bienengiftigkeit des Neonicotinoids Thiacloprid um das Hundertfache erhöht, wenn es mit Fungiziden aus der Gruppe der Azole kombiniert wird. Diese Fungizide werden auch im gebeizten Zuckerrübensaatgut verwendet. Laborversuche haben gezeigt, dass die Bienengiftigkeit des Neonicotinoids Thiacloprid um das Hundertfache erhöht, wenn es mit Fungiziden aus der Gruppe der Azole kombiniert wird. Diese Fungizide werden auch im gebeizten Zuckerrübensaatgut verwendet. Walter Haefeker, Präsident der Europäischen Berufsimker ging auf die Belastung von Blütenpollen in Bienenstöcken ein. Laut deutschem Bienenmonitoring waren 2015 96,1 % der untersuchten Proben von Bienenbrot mit Pflanzenschutzmittelrückständen belastet. Bienenbrot ist der von Bienen haltbar gemachte Blütenpollen, der den Bienen als primäre Nahrungsquelle sowohl für die Arbeiterinnen als auch die Brut dient. Dieser Umstand macht die Belastung des Pollens umso brisanter. Im Durchschnitt waren die Proben mit 7,9 verschiedenen Wirkstoffen belastet. Laborversuche, auf die Haefeker einging, haben gezeigt, dass Pflanzenschutzmittel synergistisch wirken können. So erhöht sich etwa die Bienengiftigkeit des Neonicotinoids Thiacloprid um das Hundertfache, wenn es mit Fungiziden aus der Gruppe der Azole kombiniert wird. Diese Fungizide werden auch im gebeizten Zuckerrübensaatgut verwendet.

Auch für den Menschen gefährlich

Der Ökotoxikologe Dr. Anton Safer stellte jüngste Studien vor, die darauf hinweisen, dass Neonicotinoide schon in geringster Dosis in die Genregulation der Bienen eingreifen und eine Immunsuppression auslösen. Auf diese Art durch Pflanzenschutzmittelrückstände geschwächt, kann die belastete Biene der durch die Varroamilbe übertragenen Bienenkrankheiten weniger entgegensetzen. Hierin könnte ein Grund dafür liegen, dass so viele Bienenvölker trotz der empfohlenen Behandlungen gegen die Varroamilbe zugrunde gehen.

Wie Dr. Safer darstellte, gelangen die im Zuckerrübensaatgut verwendeten Neonicotinoide nur zu einem geringen Prozentsatz in die Pflanze, der Rest des Wirkstoffs verbleibt im Boden oder wird mit dem Regen ausgewaschen und gelangt damit in das Ökosystem und den Nahrungskreislauf. Ein Feldversuch in der Schweiz aus dem Jahr 2016 zeigt eine deutliche Belastung von Drainagewasser eines Zuckerrübenfeldes. Bei der Zersetzung der Wirkstoffe entstehen Molekülvarianten, die in ihren toxikogischen Wirkungen zum Teil noch nicht einmal erforscht sind, und die für Insekten aber auch für den Menschen gefährlich sein könnten. Werden sie weiter eingesetzt, werden die Belastungen für Mensch und Umwelt weiterhin zunehmen.

Es geht auch ohne Neonics

Der Pflanzenschutz im Zuckerrübenanbau

Andreas Bertschi von der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenanbau sowie Dr. Christian Lang vom Verband Hessisch-Pfälzischer Zuckerrübenanbauer hatten den schweren Stand, auf unserem Workshop die Standpunkte der konventionellen Zuckerrübenanbauer zu vertreten. Dabei wurde deutlich, dass der Schädlingsbefall in der Zuckerrübe gegenüber einer Verunkrautung und Blattkrankheiten ein kleineres Problem im Anbau darstellt. Allerdings werden durch Schädlinge Krankheiten übertragen, die einen erheblichen Schaden anrichten können, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Durch die standardmäßige Behandlung des Saatguts durch Neonicotinoide konnten die früher zur Bekämpfung von Nematoden, Blattläusen und anderen tierischen Schaderregern eingesetzten Insektizide deutlich reduziert werden. Dr. Lang verwies in diesem Zusammenhang auf Veröffentlichungen des Kuratoriums für Versuchswesen und Beratung im Zuckerrübenanbau, denen zufolge ohne Neonicotinoide erhebliche Ertragseinbußen zu erwarten seien, zumal sich bei den vormals in der Zuckerrübe eingesetzten Mitteln bereits Resistenzen gebildet hätten. Wie Sandra Bell von Friends of the Earth aufzeigen konnte, haben sich ganz ähnlich Befürchtungen in England als haltlos erwiesen: Hier sind die Rapsernten nach dem Neonicsverbot sogar noch gestiegen.

Gebannt lauschen die Experten dem Vortrag von Walter Klingbrunner über Bio-Zuckerrübenanbau in Österreich. (Foto: Mellifera e. V.) Gebannt lauschen die Experten dem Vortrag von Walter Klingbrunner über Bio-Zuckerrübenanbau in Österreich. (Foto: Mellifera e. V.)

Dass Zuckerrüben auch ohne Neonics und andere chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel erfolgreich angebaut werden können, zeigte Bio-Rübenbauer Walter Klingenbrunner von Bio Austria. Hier werden Schädlinge durch erweiterte Fruchtfolgen, die Förderung von Nützlingen und die Pflanzung von Beikräutern in Schach gehalten, welche die Schadinsekten von der Zuckerrübe ablenken sollen. Insgesamt mussten in Österreich im Jahr 2017 8,4% der Anbauflächen für Biozuckerrüben aufgrund von Schädlingsbefall, Unkräutern und weiteren Gründen umgebrochen werden. Aufgrund des Rüsselderbkäfers gingen 3,8% der Bioanbauflächen gegenüber 1,7 % der mit Neonics behandelten konventionellen Zuckerrübenflächen verloren. Aus wirtschaftlicher Perspektive stellen die ca. 150 -250 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr zur Regulierung der Unkräuter dar. Fortschritte in der mechanischen Regulierung sind dringend notwendig – und bald realisierbar, wie Prof. Hans Griepentrog von der Uni Hohenheim kenntnisreich ausführte.

Bioanbau bereits jetzt rentabler

Ökonomische Faktoren für einen verbesserten Bienen- und Biodiversitätsschutz

Am zweiten Tag des Workshops stellte Pestizidexperte Lars Neumeister vor dem Hintergrund seiner vielfältigen Projekterfahrung Vorschläge für eine Pestizidreduktion im Zuckerrübenanbau vor. Die wichtigste Voraussetzung, so Neumeister, ist der Wille der Zuckerunternehmen sowie der mit ihnen verbundenen Landwirte, eine echte Veränderung herbeiführen zu wollen. Auf dieser Basis müssen Ziele festgelegt und Maßnahmen ergriffen werden.

Allerdings müssen dabei auch die systemischen und ökonomischen Zwänge berücksichtigt werden, in denen die beteiligten Akteure gefangen sind. Und diese Zwänge sind durch den Wegfall der nationalen Zuckerquoten noch größer geworden. So bahnt sich ein ruinöser Preiswettbewerb europäischer Zuckerhersteller mit Herstellern von Rohrzucker aus Brasilien und Thailand an, welcher nur zu Lasten der Bauern und der Umwelt ausgetragen werden kann. Eckard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft forderte vor diesem Hintergrund, dass die anstehende Agrarwende durch einen verbesserten EU-Außenschutz vor Drittlandsimporten abgesichert und ruinöse Überschussproduktionen abgebaut werden müssen. Nur so können faire Erzeugerpreise gewährleistet, bäuerlich-mittelständische Agrarstrukturen aufrechterhalten sowie höhere Standards im Tier- und Umweltschutz durchgesetzt werden.

Pestizidfreier Zucker der Erzeugemeinschaft Re Bio. (Foto: Mellifera e. V.) Pestizidfreier Zucker der Erzeugemeinschaft Re Bio. (Foto: Mellifera e. V.) Michael Baumann von der Erzeugergemeinschaft ReBio stellte in einer betriebswirtschaftlichen Vergleichsrechnung über fünf auf einander folgende Jahre dar, dass der Anbau von Bio-Zuckerrüben für den Landwirt unter den derzeitigen Faktorkosten- und Erlösen bereits rentabler ist als der konventionelle Anbau: den doppelten Kosten steht ein dreifacher Erzeugerpreis gegenüber; somit lässt sich auch ein deutlich höherer Deckungsbeitrag erzielen.

In einigen besonderen Momenten des Workshops verstummten die zum Teil hitzig geführten Diskussionen über die Bewertung der Neonicotinoide. Es ergab sich ein problemorientierter Dialog zwischen den konventionellen und den biologisch wirtschaftenden Landwirten, etwa über die Möglichkeiten, Schädlinge, Unkräuter und Krankheiten durch eine verbesserte ackerbauliche Praxis wie verlängerte Fruchtfolgen, mechanische Beikrautregulierung und resistente Sorten einzudämmen. Dieser Erfahrungsaustausch muss in Zukunft weiter gefördert werden.

Ausblick: Bienenfreundlich angebaute Zuckerrüben nötig

Abschließend ist festzustellen, dass es angesichts der komplexen Sachlage zu kurz gegriffen ist, lediglich ein Verbot der schädlichsten Pestizide wie von Neonicotinoiden oder Glyphosat zu fordern und dann zu glauben, dass damit alle Probleme aus der Welt geschaffen seien. Gerade im Fall der Zuckerrübe wird deutlich, dass für die Bienen, Vögel und Bodenlebewesen nicht viel erreicht ist, wenn bestimmte bienenschädliche Mittel wie die Neonicotinoide durch andere, vielleicht sogar noch schädlichere Mittel ersetzt werden.
Was wir brauchen, ist ein ambitioniertes Programm zur generellen Reduzierung des Pestizideinsatzes, wie es die Aurelia Stiftung gemeinsam mit dem BUND im nationalen Bienenaktionsplan fordert.

Dafür ist eine echte Partnerschaft nötig zwischen Imkern, Umweltschützern und Bäuerinnen und Bauern, welche die Zeichen der Zeit für eine ökologischere Landwirtschaft erkannt haben.

Es braucht eine neue Qualitätsinitiative für biodiversitätsschonende, naturnah und bienenfreundlich angebaute Zuckerrüben, von denen wir Imker in doppelter Hinsicht profitieren, einerseits, weil dadurch die Landschaft, in der unsere Bienen den Honig eintragen, weniger durch Pflanzenschutzmittel kontaminiert ist, und zweitens, weil wir dann ein einheimisches Winterfutter für unsere Bienen aus bienenfreundlicher Produktion beziehen könnten. In den nächsten Wochen wollen wir auf der Basis der Ergebnisse des Workshops Handlungsempfehlungen für einen naturnahen Zuckerrübenanbau erarbeiten. Diese Empfehlungen wollen wir an die Zuckerunternehmen sowie große Abnehmer von Industriezucker in Deutschland herantragen und zu deren Umsetzung beitragen.


Präsentationen zum Download


Biene sitzend auf Blüte