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Knautien-Sandbiene (Andrena hattorfiana) in Gremmelsbach (Schwarzwald)

Neue Studien: Effekte von Neonicotinoiden auf Wild- und Honigbienen im Freiland

Bei Versuchen im Labor, welche die negativen Wirkungen von Neonicotinoiden auf Insekten nachweisen, wird oft kritisiert, dass meist mit letalen Dosen gearbeitet werde, die keine unmittelbaren Schlüsse auf Effekte im Freiland erlauben. Im April und August dieses Jahres sind zwei Untersuchungen unter Feldbedingungen publiziert worden.

Effekte auf Wildbienen

Die erste Studie bestimmt in einem aufwändigen Vergleich den Effekt von Clothianidin auf Wildbienen, das Nistverhalten einer Solitärbiene (Osmia bicornis), die Reproduktion und die Koloniegrösse von Hummeln (Bombus terrestris) und die Stärke von Bienenvölkern.

In acht Paar-Vergleichen wurde im konventionellen Raps-Anbau die Wirkung von mit und ohne Clothianidin gebeiztem Saatgut ermittelt. Die Zahl der Wildbienen war auf den Äckern mit Neonics behandelten Samen höher als bei den Kontrollen. Die Autoren vermuten, dass dieser Raps mehr Blüten gebildet und deshalb mehr Insekten angelockt hatte. Dagegen wurde beobachtet, dass in sechs von acht nahe der unbehandelten Kontrollflächen aufgestellten Niströhrchen Weibchen von Osmia bicornis (Rote Mauerbiene) Brutnester angelegt hatten, in der Nähe der Neonics-Felder jedoch in keinem einzigen. Als Grund wurde unter anderem die gestörte Orientierungsfähigkeit von mit Neonics geschädigten Tieren genannt. Hummeln, die sich in Nistkästen in Feldern mit gebeiztem Saatgut entwickelten, zeigten nur geringe Zunahmen der Koloniegrösse und erbrüteten am Ende der Saison signifikant weniger Männchen und Königinnen als die Hummeln in den unbehandelten Kontrollflächen. Die Stärke der Bienenvölker war jedoch in beiden Versuchsgruppen gleich.

Foto: (aus Rundlöf et. al. 2015; verändert)

Mittelwerte der Volksstärke von je 48 Hummelvölkern, gemessen am Gewicht. Die unbehandelte Kontrolle zeigt die normale Dynamik im Jahreslauf. Hummeln, die auf Pflanzen gebeiztem Saatgut sammeln, entwickeln sich kaum – ein Phänomen, das viele Berufsimker nach der Wanderung in den Raps an ihren Völkern auch beobachten (aus Rundlöf et. al. 2015; verändert).

Es besteht also kein Zweifel, dass mit Neonicotinoiden gebeiztes Saatgut eine akute Gefährdung für Solitärbienen und Hummeln darstellt.

Effekte auf Honigbienen

Das jedoch ein anderes Versuchsdesign auch Effekte bei den Honigbienen aufzeigen kann, zeigt eine Studie aus Großbritannien. Auf insgesamt 76.000 ha und über einen Zeitraum von acht Jahren wurde mit insgesamt 126.220 Bienenvölkern untersucht, ob Verluste mit dem Einsatz von gebeiztem Saatgut im Rapsanbau in Beziehung stehen. Diese Korrelation zeigte signifikant höhere Verluste bei Völkern, die auf mit Imidacloprid behandelten Raps fliegen, als bei solchen, die Blüten von Pflanzen aus ungebeiztem Saatgut besuchen. Letztere wurden im Vegetationsverlauf zur Schädlingsbekämpfung auch mit Neonics aufs Blattwerk besprüht, es handelte sich also keineswegs um einen ökologischen Anbau.

Die Studie wurde mit einer Analyse der agronomischen und finanziellen Erträge ergänzt. Obwohl in einigen Jahren Erträge und Profite bei Raps mit gebeiztem Saatgut höher waren als bei ungebeiztem, konnten über die Versuchsdauer von acht Jahren keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden.

Es ist schlichtweg eine Unterstellung, wenn immer wieder behauptet wird, dass Neonicotinoide für die Ertragssicherung benötigt werden.

Die Meinung, dass mit gebeiztem Saatgut Schädlinge total unter Kontrolle gehalten werden können und ohne Beizung Totalausfälle erwartet werden müssen (siehe z. B. Noleppa und Hahn 2013), ist schlichtweg falsch. Lassen wir die Fakten sprechen und arbeiten wir darauf hin, dass nicht nur die Erträge in die Gesamtbilanz einfließen, sondern auch die ökologischen Kosten der Produktion!

Literatur:
Budge, GE et al. (2015): Evidence for pollinator cost and farming benefits of neonicotinoid seed coatings on oil seed rape. Scientific Reports 5: 12675. DOI: 10.1038/srep12574
Rundlöf, M. (2015): Seed coating with a neonicotinoid insecticide negatively affects wild bees. Nature 521, 77-80
Noleppa, S. und Hahn, T. (2013): The value of neonicotionoid seed treatment in the European Union: as socioeconomic, technological and environmental review. HFFA working paper 01/2013

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Über den Autor
Autor Johannes Wirz

Biene Mensch Natur

Dieser Artikel ist neu bearbeitetet auch erschienen in unserer Zeitschrift »Biene Mensch Natur« Nr. 29 (Winter 2015/2016)

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