NBL-Blog

Blühende Salbei-Glatthaferwiese in Rosenfeld - hier finden Blütenbestäuber einen reich gedeckten Tisch Foto: Anna Kohnle

Neue Meldung zum Rückgang der Insekten

Kürzlich stellte die Bundestagsfraktion der Grünen eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung. Das Thema: Insekten in Deutschland und Auswirkungen ihres Rückganges. In diversen Printmedien erschienen hierzu Meldungen.

Einige Hintergrundinformationen

Die Datenlage zum „Insektensterben“ ist generell dürftig. Untersuchungen liegen meist nur im regionalen Maßstab vor. Dennoch ist der Rückgang der Insekten für jeden aufmerksamen Beobachter erlebbar und nicht zu leugnen. Ein Werkzeug, das die Entwicklungstendenz von Tagfalterarten auf nationaler und auf europäischer Ebene erkennbar macht, ist z.B. der European Grassland Butterfly Indicator. Er basiert auf über mehrere Jahrzehnte zusammengetragenen Daten zu den Entwicklungstrends von 17 Tagfalterarten des Offenlandes in 22 Ländern. Erhoben wurden diese nach einer einheitlichen Methode (European Butterfly Monitoring Scheme).

Der Trend zeigt seit 1990 einen Rückgang von 30% in der Häufigkeit der untersuchten Schmetterlingsarten (siehe Grafik). Die kurzfristigen Schwankungen im Index lassen sich dadurch erklären, dass die Populationsstärken bei Tagfaltern natürlicherweise erheblich fluktuieren. Ab 2005 lässt der Rückgang im Trend etwas nach. Die Wissenschaftler erklären sich dies so, dass einige Arten in den Untersuchungsgebieten bereits ihr Bestandsminimum erreicht haben bzw. lokal bereits ausgestorben sind, d.h. hier kein weiterer Rückgang mehr möglich ist.

Die Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion an die Bundesregierung

Die Bundesregierung erkennt das Insektensterben in Deutschland und Europa an. Aufgrund mehrerer Studien (siehe Infobox) nennt sie bestätigende Zahlen: 37,9% der in den aktuellen Roten Listen betrachteten Insektenarten sind ausgestorben oder bestandsgefährdet. Größer als der Rückgang an Arten sind aber oftmals die Einbrüche der Individuenzahlen, also der Insekten-Biomasse. Einige Studien haben diesen Aspekt auf regionaler bis lokaler Ebene untersucht und fanden zwischen 1982 und 2017 bei Insekten allgemein Mengenverluste um bis zu 80% und bei Schwebfliegen von 1989 bis 2014 Individuenverluste zwischen 70 und 90%.
Die Regierung sieht keine Hoffnung auf Entspannung der Situation, da die Einflussfaktoren – in erster Linie Verlust und Fragmentierung von Habitat- und Nahrungsflächen sowie Pestizideinsatz – kurz- und mittelfristig weiter bestehen bleiben werden. Geeignete Lebens- und Nahrungsräume für unsere v.a. im Offenland beheimateten Blütenbestäuber gehen einerseits durch Intensivierung der Nutzung, andererseits durch Nutzungsaufgabe (mit folgender Vegetationsveränderung und Verbuschung, danach Wiederbewaldung)verloren. Das Problem der Nutzungsaufgabe trifft man z.B. in Mittelgebirgsregionen an, wo die Bewirtschaftung von Flächen in Hanglage oder auf armen Böden unter heutigen Marktverhältnissen unrentabel ist.
Um diesem Trend entgegenwirken zu können, muss laut Bundesregierung der gesamte Sektor der Landnutzung das Thema Insektenschutz auf ihre Agenda setzen und in der Praxis berücksichtigen.


Sie führt außerdem an, dass seit dem Jahr 2000 bereits Schritte in die richtige Richtung getan wurden. Die Agrarumweltmaßnahmen im Rahmen der EU-Agrarpolitik und auch die neuen Greening-Verordnungen (ein Teil der Betriebsfläche muss als ökologische Vorrangfläche zur Verfügung gestellt werden) sollten planmäßig ein wichtiges Werkzeug sein, um den Artenschwund in der Agrarlandschaft zu bremsen – hierzu gibt es jedoch starke Kritik von Seiten der Naturschutzverbände, die die Greening-Maßnahmen als kaum wirksam erachten. Auch die Förderung des Ökolandbaus zielt in diese Richtung, da die Biodiversität auf Ökolandbauflächen deutlich höher ist als auf konventionell bewirtschafteten Flächen, wie zahlreiche Studien belegen.
Gelingt es uns nicht, den Rückgang der Blütenbestäuber und Insekten allgemein zu stoppen, so sind starke ökonomische und auch ökologische Einbußen vorprogrammiert: (Wild-)Bienen bestäuben weltweit 80 % der Kulturpflanzen und sorgen für mehr Fruchtansatz, -größe und -qualität. Insbesondere betrifft dies vitaminreiche, gesundheitsfördernde Kulturen wie Obst und Gemüse. Tierische Produkte wie Milch, Fleisch und Eier zeigen höhere Qualitäten, wenn z.B. mit Heu gefüttert wird (die Heuwirtschaft ist eine Blütenbestäuber-freundliche Weise der Grünlandnutzung). Außerdem gibt es unter den Insekten viele Nützlinge, wie z.B. Schlupfwespen und Käfer, die Schädlinge unter der wirtschaftlichen Schadschwelle halten können, sodass auf Pestizideinsatz verzichtet werden kann. Bodenlebende Insekten befördern die Humusbildung und sind damit unersetzlich für die Bodenfruchtbarkeit. Und nicht zuletzt besetzen Insekten Schlüsselstellen im natürlichen Nahrungsnetz, von denen Vögel, Fische, Fledermäuse und andere Säugetiere direkt oder indirekt abhängig sind. Die Fundamente des Ökosystems sind durch den Rückgang der Insekten bedroht.

Agrarumweltmaßnahmen

Landwirtschaftliche Betriebe führen Naturschutzmaßnahmen auf ihren Flächen durch, wie bspw. das Anlegen von Blühflächen oder die extensive Bewirtschaftung artenreicher Wiesen. Diese Leistungen werden hektarweise entlohnt. Das Geld stellen in Teilen die EU und in Teilen die Bundesländer zur Verfügung.

Lesen Sie hier mehr:

Süddeutsche Zeitung

Spiegel online

Spektrum

Wo geht es hin?

Landwirte in der EU bekommen Subventionen (sog. Direktzahlungen) für die Bewirtschaftung Ihrer Flächen, bemessen nach Hektar. Diese Gelder stammen vom Steuerzahler. Ohne Subventionen, die im Schnitt 40 % des Einkommens ausmachen, könnte sich ein Großteil der Betriebe nicht halten. Dass Landwirte nicht von ihren Erzeugnissen leben können, ist eine traurige und denkwürdige Entwicklung. Daran sind wir Bürger mit schuldig, die wir insbesondere in Deutschland keine angemessenen Preise für Lebensmittel zahlen.
Von der anderen Seite betrachtet, subventionieren wir Bürger mit unseren Steuergeldern eine umweltschädliche Landwirtschaft mit. Zwar speist sich der Fonds für die Agrarumweltmaßnahmen ebenfalls aus Steuergeldern, aber gemessen an den Direktzahlungen wird bisher weniger als 1/3 der für die Landwirtschaft vorgesehenen EU-Gelder in eine umwelt- und naturschutzgerechte Bewirtschaftung investiert. Solange hier nicht stärker umgeschichtet wird, wundert es nicht, dass wir den Zielen des Übereinkommens über die Biologische Vielfalt hinterherhinken. Bereits 2010 musste die Frist verschoben werden: bis 2020 soll nun der Verlust der Biodiversität gestoppt werden. Schon jetzt darf man gespannt sein, um wieviel Jahre man sich in 2020 einen neuen Aufschub gewährt, denn die wiederholte Verfehlung der Ziele ist absehbar…
In der landwirtschaftlichen Ausbildung werden die Themen Biodiversität und Ökolandbau in der Regel stiefmütterlich behandelt. Den angehenden Landwirten muss in Zukunft die Berücksichtigung von Naturschutzbelangen als dringlich und verpflichtend kommuniziert werden. Schon während der Ausbildung sollten die möglichen Maßnahmen und auch die Bewirtschaftungsalternativen aus dem ökologischen Landbau ausführlich behandelt werden. Ansonsten kann man nicht darauf hoffen, dass genügend Landwirte Agrarumweltmaßnahmen als notwendig und den Ökolandbau als Option betrachten.
Allerdings wird es Landwirten auch nicht unbedingt leicht gemacht, Naturschutzmaßnahmen umzusetzen: ein hohes Maß an Bürokratie schreckt oft ab, sich mit dem Thema zu befassen. Auch die Fälle, in denen Sanktionen bei teils kleinen Verstößen verhängt werden, sind mitunter nicht mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar. Es ist eine Herausforderung, der sich EU und Länder stellen müssen, den Förderapparat schlanker und wirkungsvoller zu gestalten.

Publikationen zum Thema

HABEL, J.C. et al. (2016): Butterfly community shifts over 2 centuries. Conservation Biology 30 (4):754-762

SCHWENNINGER, H. & SCHEUCHL, E. (2016) Rückgang von Wildbienen, mögliche Ursachen und Gegenmaßnahmen. Mitteilungen des entomologischen Vereins Stuttgart 51 (1):21-23

SORG, M. et al. (2013): Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch mit Malaise Fallen in den Jahren 1989 und 2013. Mitteilungen aus dem Entomologischen Verein Krefeld 1:1-5

HELLENTHAL, M.; SSYMANK, A. (2007): Hoverflies (Diptera, Syrphidae) in the valley of the Wahnbach (Northrhine-Westfalia, Germany). Volucella 8: 219-236

Was könnt Ihr selbst im persönlichen Umfeld tun:

  • Beim Mähen im Garten einige Bereiche für die Insekten stehen lassen. Diese beim nächsten Mal mitmähen und dafür andere Bereiche stehen lassen.

  • In einem Teil des Gartens ein Beet mit insektenfreundlichen Stauden anlegen.

Was kann das NBL Landwirten und Kommunen anbieten?

Das Projekt BienenBlütenReich unterstützt Landwirte, Kommunen und andere Besitzer größerer Flächen ganz unbürokratisch beim Anlegen von Blühflächen. Das Saatgut wird gestellt, ebenso die Beschilderung und Beratung bei der Anlage. Weitere Infos gibt es auf der Projektseite
Auf der Seite des Netzwerk Blühende Landschaft können Sie sich kostenlos diverse Handlungsempfehlungen für den Ackerbau (z.B. Zwischenfrüchte, Mischfrucht, Ackerwildkräuter) und für die Grünlandwirtschaft (z.B. temporäre Mähstreifen und differenzierte Nutzung) herunterladen.

Über die Autorin
Autor Anna Kohnle

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